Krieg in der Ukraine

Kälte als Waffe - der vierte Kriegswinter in Kiew

19. Februar 2026, 06:00 Uhr · Quelle: dpa
Ukraine-Krieg - Kiew
Foto: Andreas Stein/dpa
Ukrainische Behörden arbeiten mit internationalen Hilfsorganisationen zusammen, um von Heizungsausfällen betroffenen Menschen zu helfen. (Archivbild)
Kalte Wohnungen, vereiste Wasserrohre und immer neue Stromausfälle. Vor allem arme und gebrechliche Menschen haben mit den Folgen der russischen Angriffe zu kämpfen.

Kiew (dpa) - Zum Ende des vierten Kriegsjahres erlebt die Ukraine ihren schlimmsten Winter. Zweistellige Minusgrade, Schnee und Glatteis machen den Menschen über Wochen den ohnehin schwierigen Alltag zusätzlich zur Hölle. Zudem machen ihnen wie auch in anderen Jahreszeiten ständige Luftalarme und die Gefahren durch russische Raketen- und Drohnenangriffe zu schaffen. 

«Die Heizung ist kalt, weil das Heizkraftwerk fast nicht arbeitet. Wie viele Male ist da schon etwas reingeflogen? Sieben, vielleicht schon acht Mal», erzählt der 64 Jahre alte Mykola im Stadtteil Beresnjaky. Er meint das Heizkraftwerk Nummer fünf, das am westlichen Ufer des Dnipro liegt - der Fluss teilt Kiew.

Das russische Militär greift gezielt immer wieder die Heizkraftwerke der Millionenstadt an - und nutzt die Kälte als Waffe. Zu den Stromausfällen, die es seit dem Herbst 2022 gibt, kommen bei starkem Frost auch noch Ausfälle der Fernheizungen hinzu. Für mehr als 1.000 Wohnblöcke im Ostteil der Stadt gibt es nach verheerenden Zerstörungen durch ballistische Raketen im Heizkraftwerk im Stadtbezirk Darnyjza kaum Aussicht auf eine Reparatur. Die Hauptstadt des kriegsversehrten Landes steht nach den Worten von Bürgermeister Vitali Klitschko am Rande einer humanitären Katastrophe.

Zum Aufwärmen und für eine warme Mahlzeit ins Wärmezelt

Trojeschtschyna ist einer der ärmsten Stadtteile im Nordosten von Kiew ohne U-Bahnanbindung. Es herrscht wieder Luftalarm. Vor einem Wärmezelt des staatlichen Zivilschutzdienstes stehen knapp zwei Dutzend vor allem ältere Menschen. Sie tragen in die Jahre gekommene Winterkleidung und warten im Schnee auf die Entwarnungsmeldung. Während des Alarms dürfen sie sich nicht im Zelt aufhalten. Auf einem Lastwagen ist ein riesiger Generator montiert. Ratternd liefert er Strom für die Zelte und deren Heizlüfter. 

Wolodymyr kommt täglich zum Aufwärmen. Auch die zwei warmen Mahlzeiten, die eine Hilfsorganisation ausgibt, schätzt er. «In der Hütte ist es unangenehm zu sitzen», sagt der Alleinstehende. Die Heizung ist kalt, Strom gebe es mal für drei Stunden, mal für vier Stunden am Tag. Er habe einen Ölradiator, um wenigstens ein bisschen Wärme zu haben. «Ich mache mir einen Kaffee, trinke ihn und gehe dann wieder hierher», schildert der 76-Jährige seinen Alltag.

Der Rentner lebt von umgerechnet 100 Euro im Monat. «Für Essen reicht es, doch für die Medikamente nicht», erzählt er. Um Medikamente zu bezahlen, sammelt und verkauft er trotz zweier Schlaganfälle für ein paar Euro Altpapier. In der Nacht bleibt er aber daheim: «Mit drei Decken ist es auszuhalten.» 

Ohne Fahrstuhl, aber zumindest mit Gasherd

Knapp neun Kilometer weiter südlich im Stadtteil Beresnjaky ist die Lage etwas besser. Mykola warnt gleich am Eingang: «Der Fahrstuhl geht nicht». Die ständigen Stromausfälle machen die Fahrt mit dem Lift zum Glücksspiel. Es geht zu Fuß in die fünfte Etage des Hauses mit den neun Stockwerken. Wer schwere Einkäufe hat, bewegt sich ächzend hinauf.

In der Zweizimmerwohnung zeigt ein prüfender Druck auf den Lichtschalter: Es gibt keinen Strom. Aber immerhin sind die Heizkörper nach zweiwöchigem Totalausfall jetzt wenigstens lauwarm - ein Hoffnungsschimmer. Sorgen macht sich Mykola nicht groß. «Was die einen kaputt machen, das reparieren die anderen.» Europa und die USA helfen der Ukraine. Im Bad steht nur ein Eimer mit Wasser, falls die Wasserversorgung ausfallen sollte. Mehr hat der 64-Jährige nicht. «Man kann sich nicht auf jede Eventualität vorbereiten», sagt er.

Mit einer Autobatterie hält Mykola eine Lichterkette in Betrieb. «Die Dioden verbrauchen nicht viel, so dass ich die Batterie nicht oft laden muss», erklärt er. Verderbliche Lebensmittel lagert er zum Teil auf dem Balkon. Die spärliche Rente von umgerechnet etwa 130 Euro bessert er mit Taxifahrten auf - auch, um seiner Tante im Nachbarstadtteil am Prospekt Sobornosti zu helfen.

Drei Decken und Wärmflaschen für die Nacht

Mykolas Tante Tetjana hat seit Anfang Februar keine Heizung mehr - ihre Wohnung ist eiskalt. Die Reparaturprognose für das stark von russischen Angriffen betroffene Heizkraftwerk Darnyzja ist düster. In dem fünfstöckigen Sowjetbau gibt es gerade auch keinen Strom. «Dank den guten Leuten, dass es zumindest Wasser und Gas gibt. Das rettet», sagt sie. Weg will sie nicht. «Mein Haus ist mein Haus», sagt die 84-Jährige und rückt sich das Kopftuch zurecht.

«Wie ich mich wärme? Zwei Paar Socken, dicke Strumpfhosen, Fellweste, zwei Pullover und ein Unterhemd», erzählt sie. In ihrem kleinen Schlafzimmer erzählt sie: «Ich ziehe mich an und habe drei Decken. Und noch Wärmeflaschen.»

Zum Wärmen steht immer ein kleiner Wassertopf mit Deckel auf einer klein gedrehten Gasflamme. «Gestern hab ich in einem Topf Wasser erhitzt, in einem Eimer gemischt und mich gewaschen», sagt sie.

Eingefrorene Wasserrohre, Biotoiletten und hilflose Behörden

Am südlichen Stadtrand im Stadtteil Teremky ist nach dem Ausfall der Heizungen der Notfall eingetreten. «Bei uns sind die Wasserrohre eingefroren», erzählt ein Mann, der ebenfalls Mykola heißt. Er trinkt Tee in einem Aufwärmzelt und wartet auf die Essensausgabe. «Das Haus hat Betonwände, und alles ist ausgekühlt. In der Verwaltung hat man uns gesagt, dass sie keine Leute für die Reparatur haben», sagt er.

Neben dem Zelt gibt es eine Biotoilette. Passanten erzählen, dass das viel besser sei als im Sommer, wenn sie für die Notdurft in den Park gegangen seien. Brauchwasser holen die Anwohner aus Brunnen, wie es sie in den meisten Stadtteilen gibt, und tragen es selbst in ihre Wohnungen hoch. 

Für die Zukunft hat Mykola nur einen Wunsch: «Dass der Krieg zu Ende geht.» Seine Tischnachbarn stimmen ihm zu. «Wir haben kein Wasser, keine Heizung. Allen Häusern geht es gleich. Nichts ist gut hier, niemand macht was», sagt eine Frau. Bis zum meteorologischen Frühlingsbeginn und damit steigenden Temperaturen bleibt nur noch etwas mehr als eine Woche. Zumindest dann ist etwas Linderung für die kriegsmüden Menschen in Aussicht.

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