Großbritannien

Johnson lässt «Partygate» abperlen

31. Januar 2022, 19:25 Uhr · Quelle: dpa
Der Bericht über Lockdown-Partys in der Downing Street liegt endlich auf dem Tisch - und fällt trotz Abschwächungen ein vernichtendes Urteil. Premier Boris Johnson wagt dennoch die Flucht nach vorn.

London (dpa) - Dem Pardon folgte die volle Ladung Attacke: Nach einer kurzen Entschuldigung für den Umgang mit der «Partygate»-Affäre hat der britische Premierminister Boris Johnson sein Heil in der Offensive gesucht.

Johnson griff Oppositionsführer Keir Starmer persönlich an und betonte angebliche Erfolge seiner Partei. Einen Rücktritt schloss der Premier am Montag erneut aus. Er forderte dazu auf, die Ermittlungen der Polizei abzuwarten. Zuvor hatte ein interner Untersuchungsbericht den Verantwortlichen im britischen Regierungssitz schwere Verfehlungen bei der Einhaltung von Regeln zur Zeit der Corona-Lockdowns und Führungsversagen vorgeworfen.

Johnson lehnt Rücktritt ab

Johnson gab sich zum Auftakt seiner Erklärung betreten. «Ich möchte Entschuldigung sagen», sagte der Premier im Londoner Unterhaus. Das sei aber nicht genug, da etliche Menschen in der Pandemie große Opfer gebracht hätten und sich an die Regeln gehalten hätten. Der Premier kündigte weitreichende Umstrukturierungen und Reformen in seinem Amtssitz an. «Ich verstehe es und ich werde es in Ordnung bringen», sagte Johnson.

Allerdings schlug dem Premier auch aus den eigenen Reihen heftiger Widerstand entgegen. Das frühere Regierungsmitglied Andrew Mitchell entzog seinem Parteikollegen öffentlich das Vertrauen. Von seiner Vorgängerin Theresa May musste sich Johnson fragen lassen, ob er und seine Mitarbeiter die damals geltenden Corona-Regeln nicht gelesen oder nicht verstanden hätten - oder ob sie gedacht hätten, die Regeln gälten nicht für sie.

In der turbulenten Sitzung forderte die Opposition Johnson wiederholt zum Rücktritt auf. Der Chef der Schottischen Nationalpartei (SNP), Ian Blackford, nannte Johnson wiederholt einen Lügner - das ist nach den strengen Parlamentsregeln verboten. Blackford musste den Saal verlassen. Labour-Chef Starmer rief die Tory-Fraktion auf, Johnson abzusetzen. Der Premier habe mit seinem Verhalten alle in seiner Nähe beschädigt, das Vertrauen zerstört und die Demokratie untergraben.

Bericht: Nicht an Standards gehalten

Trotz der scharfen Vorwürfe gilt ein parteiinternes Misstrauensvotum gegen Johnson aber mittlerweile als unwahrscheinlich. Dafür müssten sich mindestens 54 Tory-Abgeordnete gegen Premier aussprechen.

Im Untersuchungsbericht wirft die Spitzenbeamtin Gray den Verantwortlichen in der Downing Street vor, sie hätten sich nicht an Standards gehalten, die zur Zeit der Corona-Lockdowns nicht nur von der Regierung, sondern von der gesamten Bevölkerung verlangt worden seien. Der stark unter Druck stehende britische Premier wird aber an keiner Stelle direkt kritisiert. Gray betonte, einige der Treffen hätten nicht stattfinden dürfen oder sich nicht in der Weise entwickeln dürfen, wie es letztlich geschah. Das Verhalten einiger Beteiligter sei «schwer zu rechtfertigen».

Scotland Yard ermittelt

Scotland Yard führt parallel eigene Ermittlungen zu Zusammenkünften in der Downing Street durch - Gray zufolge zu 12 der insgesamt 16 untersuchten Events. Mehr als 300 Fotos sollen dazu der Polizei übergeben worden sein, wie eine Ermittlerin am Montagnachmittag mitteilte. Die Behörde hatte Gray gebeten, in ihrem Bericht auf die polizeilich untersuchten Partys nur minimal Bezug zu nehmen. Daher gilt der Report als abgeschwächt gegenüber seiner ursprünglichen Version - worauf die Beamtin auch selbst Bezug nimmt. Was sie über einige Veranstaltungen sagen könne, sei «extrem eingeschränkt» und es sei daher aktuell unmöglich, eine aussagekräftige Zusammenfassung all ihrer Informationen bereitzustellen.

Downing Street sagte nach etlichen Forderungen am Abend zu, nach Abschluss der polizeilichen Ermittlungen eine aktualisierte Fassung des Berichts zu veröffentlichen. In dem aktuellen Bericht nennt Gray bereits konkrete Punkte, die sich ihrer Meinung in dem britischen Regierungssitz ändern sollten. «Exzessiver Konsum von Alkohol ist in einem professionellen Arbeitsumfeld zu keiner Zeit angemessen», schrieb sie.

JOhnson zeigte sich mit zunehmender Dauer immer kämpferischer. «Ich weiß, was Sache ist», rief der Premier. Die Regierung liefere und erfülle ihre Versprechen: Der Brexit sei umgesetzt, dank der schnellsten Impfkampagne in Europa sei die Pandemie unter Kontrolle, die Wirtschaft wachse stärker als in anderen Staaten. «Wir haben erreicht, was Menschen für unmöglich gehalten haben», betonte er.

Johnson hat mittlerweile viele parteiinterne Kritiker überzeugt, sich wieder hinter ihn zu stellen. Dazu trugen auch politische Entscheidungen bei, die einflussreiche Tory-Abgeordnete gefordert hatten. So hob Johnson bereits vergangene Woche alle Corona-Regeln auf. Zwar hält er trotz Widerstands an einer umstrittenen Steuererhöhung fest. Allerdings gab er Medienberichten zufolge dem Drängen nach, die beschlossene Corona-Impfpflicht für Beschäftigte des Nationalen Gesundheitsdiensts NHS doch wieder zu kippen. Am Abend wollte Johnson sich Berichten zufolge mit Abgeordneten seiner Partei treffen, mutmaßlich um für Unterstützung zu werben.

Regierung / Affären / Gesundheit / Krankheiten / Corona / Covid-19 / Boris Johnson / Lockdown / Partys / Großbritannien
31.01.2022 · 19:25 Uhr
[9 Kommentare]
Angriff auf den Iran - Flughafen in Dubai
Berlin (dpa) - Wegen des Iran-Kriegs sitzen deutsche Urlauber weiterhin in der Golfregion fest – sie könnten die Region nach Einschätzung der Reisebranche aber bald verlassen. Man gehe davon aus, dass voraussichtlich bis Mittwoch alle Veranstaltergäste ausreisen können, teilte der Deutsche Reiseverband (DRV) mit. Insgesamt gehe es dabei um knapp 2.000 […] (00)
vor 7 Minuten
Hilary Duff
(BANG) - Hilary Duff hatte das Gefühl, dass sie "ein Stück ihrer Unschuld verlor", nachdem sie bereits als Kind berühmt wurde. Die Schauspielerin war noch ein Teenager, als sie 2001 erstmals die Titelrolle in der Disney-Serie 'Lizzie McGuire' übernahm. Nun hat die 38-Jährige darüber reflektiert, welche Auswirkungen der frühe Ruhm auf sie hatte. Im […] (00)
vor 4 Stunden
Neuer Apple TV 4K und HomePod starten wohl erst mit neuer Siri
Laut dem Bloomberg-Redakteur Mark Gurman könnte die Veröffentlichung eines neuen Apple TV 4K und eines neuen HomePod erst dann bevorstehen, wenn Apple die grundlegend überarbeitete Version von Siri bereitstellt. Beide Geräte werden seinen Angaben zufolge stark auf neue KI-Funktionen setzen. iPhone im Business, Quelle: Unsplash Abhängigkeit von […] (00)
vor 44 Minuten
Resident Evil 10 kommt 2029 und Capcom hat bis 2031 durchgeplant
Resident Evil Requiem erschien am 27. Februar 2026 und hat in seiner ersten Woche fünf Millionen Einheiten verkauft. Dusk Golem wartet nicht lange: Am 8. März 2026 veröffentlichte er auf X eine mehrteilige Einschätzung zur Zukunft der Reihe, die sich über die nächsten fünf bis sieben Jahre erstreckt. Der Fahrplan bis 2031 Laut Dusk Golem sieht […] (00)
vor 1 Stunde
Podimo holt arc.studio an Bord und verpflichtet Benedikt Treuer
Die Podcast-Plattform baut ihr Deutschland-Geschäft aus. Mit einer neuen Partnerschaft mit arc.studio und einem prominenten Neuzugang im Content-Bereich. Podimo stärkt seine Position im deutschen Podcastmarkt durch eine neue Kooperation mit dem Hamburger Podcast-Label arc.studio. Das Unternehmen wird künftig Teil von Podimo Studios, dem internationalen Produktionsbereich der Plattform. Ziel der […] (00)
vor 1 Stunde
Iran-Krieg - Irans Fußballerinnen
Brisbane (dpa) - Ohne Kopftuch und mit der beliebten australischen Parole «Aussie, Aussie, Aussie» haben fünf iranische Fußballerinnen die Zusage humanitärer Visa in Australien gefeiert. Davon berichtete Australiens Innenminister Tony Burke, der den Spielerinnen die Entscheidung der Regierung an einem geheim gehaltenen Ort in Brisbane mitteilte - und […] (02)
vor 19 Minuten
Krieg und Öl-Schock vernichten Jahresgewinne – Anleger in Panik
Der Dow Jones verzeichnet die schwächste Handelswoche seit fast einem Jahr Die Eskalation im Nahen Osten hat die US-Börsen mit voller Wucht getroffen. Der anhaltende Krieg im Iran sorgt für massive Verunsicherung an der Wall Street, was sich in drastischen Kursverlusten niederschlägt. Seit Ausbruch des Konflikts hat der Dow Jones Industrial Average […] (00)
vor 29 Minuten
Erfolgreich mit der E-Rechnung: Nutzen Sie die Pflicht als Wettbewerbsvorteil
Groningen, 10.03.2026 (PresseBox) - Erfolgreich mit der E-Rechnung: Nutzen Sie die Pflicht als Wettbewerbsvorteil Mit dem 1. Januar 2025 fiel der Startschuss für die verpflichtende E-Rechnung in deutschen Unternehmen. Die Digitalisierung schreitet in hohem Tempo voran und sorgt für strengere regulatorische Anforderungen, eröffnet jedoch auch neue […] (00)
vor 1 Stunde
 
Tschechischer Ministerpräsident Babis in Berlin
Berlin (dpa) - Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat das Fehlen einer Strategie für […] (13)
Renate Künast (Archiv)
Berlin - Nach dem überraschenden Wahlerfolg von Cem Özdemir in Baden-Württemberg […] (00)
Frankfurter Börse (Archiv)
Frankfurt/Main - Der Dax hat seinen Erholungskurs am Dienstagmittag fortgesetzt. […] (00)
Cem Özdemir und Manuel Hagel am 08.03.2026
Berlin - Die Grünen-Vorsitzende Franziska Brantner hat Vorstellungen aus der Union […] (01)
«Flavia»: Sky zeigt Trailer zum neuen Familien-Mysteryfilm
Der Familienfilm mit Martin Freeman in der Hauptrolle startet Anfang April bei Sky Cinema und […] (00)
Schleichende Verschlechterung: Microsoft Rewards wird immer unattraktiver
Microsoft Rewards war für viele Xbox-Nutzer eine der angenehmsten […] (00)
FRITZ! – Innovative Produkte für ein energieeffizientes und komfortables Smart Home
Das Berliner Unternehmen FRITZ! präsentiert auf der Light + Building 2026 vom 8. bis […] (00)
Radikaler S&P-Umbau: Diese Tech-Giganten verdrängen jetzt gnadenlos die Verlierer
KI-Hardware und Infrastruktur übernehmen das Ruder im S&P 500 S&P Dow Jones Indices […] (00)
 
 
Suchbegriff