Joachim-Herz-Stiftung wird zur Venture-Capital-Powerhouse: Warum deutsche Forscher jetzt durchstarten
Von der Forschungsförderung zur Venture-Capital-Strategin
Die Joachim-Herz-Stiftung hat eine strategische Kehrtwende vollzogen, die für Deutschlands Forschungslandschaft bedeutsam sein könnte. Nach Jahrzehnten als klassische Förderorganisation, die vielversprechende wissenschaftliche Projekte finanzierte, tritt die Stiftung nun selbst als Wagniskapitalgeber auf. Diese neue Rolle zielt darauf ab, die berüchtigte "Valley of Death" zu überwinden – jene kritische Phase, in der innovative Forschungsergebnisse zwischen dem akademischen Labor und dem kommerziellen Markt scheitern. Mit diesem Schritt adressiert die Stiftung ein deutsches Strukturproblem: Während hiesige Forscher weltweit anerkannte Entdeckungen machen, gelingt es oft nicht, diese in erfolgreiche Unternehmen zu verwandeln.
Die Entscheidung der Joachim-Herz-Stiftung spiegelt ein erkennendes Umdenken wider. Es reicht nicht mehr aus, exzellente Wissenschaft zu finanzieren – sie muss auch den Weg in die praktische Anwendung finden. Mit ihrer neuen Venture-Capital-Funktion will die Stiftung Gründer unterstützen, die aus ihren Laborergebnissen tragfähige Geschäftsmodelle entwickeln wollen. Das ist mehr als eine Finanzierungsfrage; es ist eine kulturelle Verschiebung im deutschen Wissenschaftssystem.
Das Problem der fehlenden Kommerzialisierung
Deutschland hat ein Innovations-Paradoxon: Hervorragende Grundlagenforschung, aber schwache Verwandlung in Startups und Scale-ups. Während die USA und China Billionen-Dollar-Unternehmen aus akademischen Gründungen hervorbringen, bleiben deutsche Forscher oft in der Basisförderung stecken. Geld für Experimente ist vorhanden, Mittel für Prototypen und erste Markterprobungen hingegen selten. Universitäten und Max-Planck-Institute verfügen über begrenzte Mittel für diese Übergangsphase, und institutionelle Investoren interessieren sich typischerweise erst für Projekte mit bewährtem Geschäftsmodell.
Dieser Mangel ist teuer für Deutschland. Während Forscher ihre Entdeckungen machen, wandern profitable Geschäftsideen ab – entweder zu etablierten Konzernen im In- und Ausland oder zu ausländischen Investoren, die schneller zugreifen. Die Joachim-Herz-Stiftung hat diesen Missstand erkannt und will ihn durch gezielte VC-Investitionen beheben. Damit begibt sich die Institution in ein neues Terrain, in dem neben Fachkompetenz auch Unternehmerjudgment und Risikotoleranz zählen.
Wie das neue Modell funktioniert
Das Konzept ist elegant in seiner Einfachheit: Die Stiftung identifiziert vielversprechende Forschungsarbeiten, deren Forscher unternehmerische Ambitionen haben, und unterstützt dann nicht nur die Wissenschaft, sondern auch den unternehmerischen Aufbau. Das reicht von Seed-Finanzierung für die erste Entwicklungsphase bis hin zu wachstumsorientiertem VC, um die Skalierung zu ermöglichen. Dafür braucht es neben Kapital auch Kompetenz: Die Stiftung wird in ihrer neuen Rolle ein Team von VC-Profis benötigen, die zwischen Wissenschaft und Wirtschaft übersetzen können.
Das Model hat mehrere Vorteile. Erstens ist es niedrigschwellig für Forscher, die keine Gründer-Erfahrung haben. Zweitens ist es für die Stiftung selbst nachhaltig: VC-Investitionen können nicht nur verlieren, sondern auch Gewinne erwirtschaften, die dann in weitere Förderung fließen. Drittens strahlt es aus: Andere institutionelle Investoren könnten dem Beispiel folgen, wenn die ersten Erfolge sichtbar werden.
Was das für Deutschlands Innovationsstandort bedeutet
Sollte die Initiative erfolgreich werden, könnte sie einen Katalysator für das deutsche Innovations-Ökosystem darstellen. Wenn führende deutsche Forscher ihre Ideen schneller kommerzialisieren können, entstehen nicht nur neue Unternehmen, sondern auch Arbeitsplätze, Steuererträge und eine Kultur des Unternehmertums an Hochschulen. Länder wie Skandinavien oder die Schweiz zeigen, dass starke öffentliche Forschung und ein aktives VC-Ökosystem sich gegenseitig verstärken können.
Die Joachim-Herz-Stiftung adressiert damit ein strukturelles Problem, das bislang von Politik und klassischen VC-Playern unterschätzt wurde. Nicht jede gute Idee wird von Day-One-Investoren finanziert. Manche braucht Geduld, Verständnis für Wissenschaft und die Bereitschaft, längerfristig zu denken als klassische Venture-Kapitalisten. Mit ihrer neuen Rolle könnte die Stiftung beweisen, dass langfristig orientiertes Kapital dort gewinnen kann, wo klassisches VC-Risiko sieht – und dabei zugleich Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit stärkt.


