Inklusion

Hochzeit mit Behinderungen: 885 Tage Warten auf das Jawort

10. August 2025, 05:00 Uhr · Quelle: dpa
Sind sich Menschen mit Behinderung der Tragweite einer Eheschließung bewusst? Eigentlich gibt es ein Recht darauf. Doch ein ziemlich einmaliger Fall zeigt, dass nicht überall so gedacht wird.

Oschersleben (dpa) - In nicht einmal zehn Minuten ist vorbei, worauf sie 885 Tage gewartet haben. Keine großen Worte des Standesbeamten. Als sie den Raum im Rathaus betreten, läuft leise Andy Borg: «Die berühmten drei Worte». «Und klingt's auch etwas pathetisch, ich mein′ es so, wie ich's sag.» 

Die Papiere sind vorbereitet. Die Unterschriften leisten sie selbst. Ein Verwaltungsakt - und doch so viel mehr. Um kurz nach 11 Uhr am 9. August 2025 sind Kathrin Pollnow und Klaus-Dieter Rose verheiratet. 

Vor ihnen, auf einem hellen Holzstück in Herzform liegen die Ringe, hinter ihnen eine lange juristische Auseinandersetzung. 

Behörde meldet Zweifel an Vertragsfähigkeit des Paars

Als Pollnow und Rose im März 2023 zum ersten Mal auf dem Standesamt sind und das Aufgebot bestellen wollen, gehen sie davon aus, schon bald verheiratet zu sein. Sie kennen sich seit rund 15 Jahren. Aber nur wenige Tage später kommt die Ablehnung der Amtshandlung, wie es bürokratisch heißt. Wegen fehlender Geschäftsfähigkeit könnten die beiden nicht heiraten. 

Ein ziemlich einmaliger Vorgang. Es sei dabei um die Frage gegangen, ob sich die beiden der Tragweite einer Ehe bewusst seien, erzählt Annett Marziniak. Sie ist Teamleitung im Wohnbereich einer Einrichtung für behinderte Menschen, in der Pollnow und Rose leben. «Aber wer ist sich dessen schon bewusst?»

Monate mit Briefen, Betreuungsakten und Gutachten

«Da hab ich gesagt: Wir bleiben da dran», erzählt Kathrin Pollnow. Mit jedem weiteren Brief, der gekommen sei. Die 61-Jährige lebt schon lange im Matthias-Claudius-Haus, einer Einrichtung der Diakonie für Menschen mit Behinderungen. Sie arbeitet in der Hauswirtschaft, als sie Klaus-Dieter Rose (44) kennenlernt, der in der Küche hilft und das Essen ausfährt. 

«Ich mag es, dass wir uns verstehen und dass wir uns so liebhaben», sagt Pollnow. «Genau», sagt Rose. «Was sie sagt.» Beiden ist wenige Tage vor der Hochzeit die Aufregung anzumerken.

Es folgen Monate voller Schriftverkehr. Betreuungsakten werden angefordert, medizinische Unterlagen, Gutachten erstellt. Der Landesbehindertenbeauftragte von Sachsen-Anhalt schreibt einen Brief: «Das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen verbietet jede Form der Diskriminierung.» 

Es sei in Sachsen-Anhalt ein einmaliger Fall, sagt der Landesbeauftragte Christian Walbrach. Der Bundesvereinigung der Lebenshilfe ist ebenfalls kein ähnlicher Fall aus dem gegenwärtigen Deutschland bekannt, in dem einem Brautpaar die standesamtliche Trauung wegen einer Behinderung verwehrt worden sei.

Gericht ordnet Eheschließung an

Erst fast zwei Jahre nach dem ersten Termin beim Standesamt und einer persönlichen Anhörung durch die Präsidentin am Amtsgericht Magdeburg ergeht Anfang des Jahres der Beschluss, dass das Standesamt die Eheschließung durchführen muss. 

«Es zeigt sich, dass manchmal auch Barrieren in den Köpfen bestehen», sagt Landesbehindertenbeauftragter Walbrach. «Dass Menschen mit Behinderungen auch Rechte haben.» An solchen Fällen werde deutlich, wie wichtig es sei, auch in den Behörden immer wieder auf die Rechte von Menschen mit Behinderungen hinzuweisen. «Das kann einen betrüben, wenn sich ein Prozess so zieht. Auf der anderen Seite kann man sagen: Hut ab, das zeugt von der inneren Kraft der Brautleute.» 

«Hier geht es ja wirklich um das Eigentliche: um Liebe»

Seit gut zwei Jahren wohnen Rose und Pollnow zusammen in einer kleinen Wohnung in einem Haus der Einrichtung, in dem noch weitere Menschen mit Behinderung leben. Es gibt einen Putzplan. Wenn Kathrin Pollnow einkaufen geht, wird sie von einer Betreuerin begleitet. «Schatzi geht alleine einkaufen», sagt Pollnow mit Blick auf ihren zukünftigen Ehemann. 

«Hier geht es ja wirklich um das Eigentliche: um Liebe», sagt Betreuerin Marziniak. «Manche heiraten wegen der Absicherung, wegen der Pflege oder wegen Geld.» Darum gehe es in diesem Fall aber gar nicht, weil beide in der Einrichtung gut versorgt seien. 

Nicht nur Behörden können unsicher sein, sondern auch Familien

Es gebe vereinzelt auch immer wieder Familien, die mit der Vorstellung einer Heirat Schwierigkeiten hätten, teilt die Bundesvereinigung Lebenshilfe mit. Gerade aus Sorge um rechtliche oder praktische Fragen. Von amtlichen Stellen, die Hindernisse aufbauten, höre man dagegen nur selten. 

«Letztendlich muss man unsere Leute verstehen», erklärt der Bürgermeister von Oschersleben, Benjamin Kanngießer (parteilos). «Die Leute sind sich unsicher.» Es sei gut, dass es den Rechtsweg gebe, auch wenn das mit Aufwand verbunden sei. 

Aber: «Nicht jeder geht so weit und hat auch die notwendige Unterstützung», sagt Annett Marziniak aus dem Matthias-Claudius-Haus. Sie steht vor den Stufen des Standesamtes auf dem Marktplatz. Bei der Eheschließung drinnen sind nur das Brautpaar, die Trauzeugen und der Standesbeamte. 

Etwa 50 Leute sind gekommen: Freunde, Familie, Mitbewohner aus der Einrichtung. Sie stehen vor den Stufen Spalier, halten Konfettikanonen bereit. Auf der Tür des alten Rathauses steht: «Tue Recht und scheue nichts.» 

Dann geht die Tür auf und das Brautpaar kommt heraus. Für später, für die Feier, hat sich Kathrin Pollnow etwas vorgenommen: «Ich will den Brautstrauß werfen.» Es wäre dann ja bei weitem nicht die erste Hochzeit in der Einrichtung.

Behinderung / Soziales / Gesellschaft / Leute / Sachsen-Anhalt / Deutschland
10.08.2025 · 05:00 Uhr
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