Grüne Megaprojekte

Grüne Zukunft oder nicht? Was von Visionen wirklich bleibt

27. März 2025, 17:12 Uhr · Quelle: dpa
Wer das Klima retten will, muss groß denken. An vielen Orten der Welt gibt es grüne Mammutprojekte. Doch nicht immer folgen den großen Ankündigungen auch große Taten.

Riad/Peking/Songdo/Dakar (dpa) - Sie sollten die Vorreiter einer nachhaltigeren Zukunft werden: Mammutprojekte wie die Große Grüne Mauer in Afrika mit Tausenden Kilometern Bäumen oder die mit Flugtaxis ausgestattete Stadt The Line in Saudi-Arabien. 

Riesige Summen fließen in die Vorhaben, die zeigen sollen, wie eine moderne Zivilisation lebenswert und klimafreundlicher funktionieren könnte. Nicht immer erfüllen sich die Hoffnungen. Ein Realitätscheck.

Neom und «The Line» - Saudi-Arabiens Zukunftsstadt am Roten Meer

Das ist das Vorhaben

Die futuristische Stadt Neom im Nordwesten Saudi-Arabiens soll neue Maßstäbe beim nachhaltigen Wohnen, Leben und Arbeiten setzen. In einer zuvor eher dünn besiedelten Wüstengegend ist dafür am Roten Meer eine Fläche vorgesehen, die fast der Größe Belgiens entspricht. Der Name Neom - eine Wortschöpfung aus Altgriechisch und Arabisch - steht für «neue Zukunft». Diese soll die Stadt, die vollständig von erneuerbaren Energien betrieben werden soll, nach dem Willen von Kronprinz Mohammed bin Salman einläuten.

Das Vorzeige-Projekt innerhalb Neoms ist «The Line», eine Art 170 Kilometer langer und verspiegelter Gebäudekomplex, mit 500 Metern noch deutlich höher als das Empire State Building in New York. Für Technologie und Forschung soll Neom zu einem Knotenpunkt zwischen Asien, Europa und Afrika werden. Bis 2030 sollen hier eine Million und bis 2045 rund neun Millionen Menschen leben. Der Kronprinz sprach von nicht weniger als einer «Revolution der Zivilisation».

Was daraus geworden ist

Die an Science-Fiction erinnernden Entwürfe und großen Ankündigungen sorgten seit dem Projektstart im Jahr 2017 für Schlagzeilen, etwa die geplanten Flugtaxis, ein künstlicher Mond und das in trockenem Gebirge geplante Skigebiet. Die gewaltigen Dimensionen und schleppenden Bauarbeiten weckten aber auch Zweifel. Kritik wurde auch laut, weil Angehörige des örtlichen Huwaitat-Stamms laut Menschenrechtlern vertrieben und teils getötet wurden.

Die Entwickler halten an den Plänen fest. Mehr als 140.000 Menschen aus mehr als 100 Ländern seien an dem Projekt beteiligt, sagte Entwicklungs-Chef Denis Hickey im Februar und erwähnte bisherige Investitionen von mehr als 140 Milliarden US-Dollar zur Entwicklung der Infrastruktur. Für «The Line» seien die Ziele aber schon deutlich zurückgeschraubt worden, berichtete der Finanzdienst Bloomberg unter Berufung auf Insider. Bis zum Jahr 2030 werde inzwischen nur die Fertigstellung von 2,4 Kilometern des Projekts erwartet.

Woran es hapert

Der Golfstaat zählt zu den weltgrößten Ölproduzenten und den vermögendsten Ländern der Region, könnte sich mit Neom aber heftig verkalkuliert haben. Medienberichten zufolge sind die geplanten Kosten regelrecht explodiert. Bis zu einem möglichen Abschluss im Jahr 2080 würden Investitionen von 8,8 Billionen US-Dollar nötig, berichtete das «Wall Street Journal» aus internen Unterlagen des Projekts. Das entspricht etwa dem 25-fachen Staatshaushalt Saudi-Arabiens. 

Hinzu kommt, dass Kritik gegenüber dem Königshaus und der Regierung in Saudi-Arabien mit härtesten Mitteln verfolgt wird. Einige Landsleute wurden wegen Posts in sozialen Medien zu jahrzehntelanger Haft verurteilt. Der Kronprinz und faktische Herrscher soll strikt an seinen ehrgeizigen Zielen festgehalten und Projektleiter ihm die echten Kosten vorenthalten haben, berichtete das «Wall Street Journal». Selbst Finanzminister Mohammed al-Dschadaan äußerte inzwischen Sorgen über die «die Fähigkeit der (saudischen) Wirtschaft, diese Art von Ausgaben aufrechtzuerhalten».

«Great Green Wall» – Afrikas Baumgrenze gegen die Wüste

Das ist das Vorhaben

Entlang des gut 8.000 Kilometer langen südlichen Randes der Sahara sollte mit der «Great Green Wall» (Große Grüne Mauer) ein Schutzwall aus Bäumen gepflanzt werden – so das Ziel, das afrikanische Staatschefs 2007 ausriefen.

Elf Länder sollte der Schutzwall vom Atlantik bis zum Roten Meer durchziehen. Bis 2030 sollten auf 100 Millionen Hektar – einer Fläche fast dreimal so groß wie Deutschland – Land wiederhergestellt werden, das durch Abholzung, Überweidung oder Wüstenbildung geschädigt wurde. Dies sollte klimaschädliches Kohlendioxid binden und Millionen grüner Arbeitsplätze schaffen.

Was daraus geworden ist

Aus der Vision vom Baumgürtel ist mittlerweile ein Sammelbecken ländlicher Entwicklungsprojekte geworden. Auch Obstgärten, Weideflächen, Maßnahmen zur Wasserspeicherung oder Verbesserung der Bodenqualität gehören dazu. 

Von den 100 Millionen Hektar innerhalb der geplanten Baumzone wurden laut einem UN-Zwischenbericht bis 2020 gerade einmal 4 Millionen Hektar aufgewertet. Aufgeforstet wurden davon nur knapp 670.000 Hektar, also weniger als ein Prozent des Ziels. Weitere Umweltprojekte verteilen sich auf 18 Millionen Hektar in anderen Landesteilen.

Internationale Geldgeber sagten 2021 weitere Milliarden zu, doch das Ziel für 2030 ist nicht mehr zu halten. Eine neue Strategie der Afrikanischen Union für die Zeit bis 2034 verzichtet auf konkrete Zahlen.

Woran es hapert

Bewaffnete Aufstände bis hin zu Bürgerkriegen haben die Sicherheitslage in sieben der elf Staaten teils dramatisch eingeschränkt. Die Wüstenausdehnung im Sahel bringt unter anderem Viehhirten und sesshafte Bauern in Konflikt, was etwa islamistische Terrorgruppen für ihre Zwecke nutzen. 

Von den neu gepflanzten Bäumen überleben Schätzungen zufolge nur zwischen 20 und 40 Prozent. Setzlinge enden als Feuerholz, Viehfutter oder sterben an Dürren oder Überflutungen, die sich im Zuge des Klimawandels verschärfen.

Kritiker halten das Konzept der grünen Wand aus Bäumen ohnehin für überholt. Das Bild diene eher als Metapher, um Gelder anzuwerben. Reines Aufforsten belaste das Grundwasser und könne Temperaturen noch erhöhen. 

Erschaffen aus dem Wattenmeer: Südkoreas «Smart City» Songdo

Das ist das Vorhaben

Die erste «Smart City» Südkoreas wurde wortwörtlich aus dem Wattenmeer erschaffen. Seit der Jahrtausendwende haben Bagger Hunderte Millionen Tonnen Sand aufgeschüttet, um 50 Kilometer südwestlich von Seoul eine Stadt der Zukunft zu erschaffen. Ziel war es, dass in Songdo bis 2020 eine halbe Million Menschen auf einer Fläche vergleichbar mit Manhattan leben würden. 

Bei der Planung des Projekts stand die Digitalisierung stets im Vordergrund. Gleichzeitig wurde die Smart City auch als nachhaltig vermarktet: 40 Prozent der Flächen Songdos sind für Grünanlagen reserviert, und ein automatisiertes Entsorgungssystem soll Mülleimer obsolet machen. Bewegungsmelder sollen dafür sorgen, dass die Straßen nachts nur nach Bedarf beleuchtet werden.

Was daraus geworden ist

Wer Songdo besucht, findet mittlerweile eine moderne und für südkoreanische Verhältnisse extrem ruhige Stadt vor: Zwischen den futuristischen Hochhäusern sind ausladende Grünflächen angelegt, als zentrales Erholungsgebiet gilt der nach dem gleichnamigen Vorbild in Manhattan benannte Central Park. Dank großzügiger Fahrradspuren ist Songdo wohl die einzige radfreundliche Großstadt des Landes. Auch Ladestationen für Elektroautos sind omnipräsent. 

Gleichzeitig fällt auf, dass die Stadt noch vergleichsweise leer ist: Von den ursprünglich anvisierten 500.000 Bewohnern leben bislang nur knapp 200.000 in der Planstadt. Teile Songdos befinden sich zudem nach wie vor im Bau.

Woran es hapert

«Die Art und Weise, wie in Songdo bereits Digitalisierung zum Management des Verkehrs eingesetzt wird, ist sicherlich sehr fortschrittlich. Als Vorbild für Nachhaltigkeit würde ich die Stadt aber nicht bezeichnen», sagt Frederic Spohr, Leiter des Südkorea-Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul. Er kritisiert, dass die Stadt sehr stark auf den Autoverkehr ausgerichtet ist. Auch beim Bau wurde wenig Rücksicht auf die Ökologie genommen. 

Die Lebenskosten werden außerdem von vielen Koreanern als zu hoch beschrieben – vom Wohnraum über Schulgebühren bis hin zu den meist privat geführten Krankenhäusern. 

Xi Jinpings sozialistisches Herzensprojekt Xiong'an in China

Das ist das Vorhaben

Südlich von Peking ließ Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping 2017 drei Landkreise zusammenziehen, um für heute umgerechnet rund 77,5 Milliarden Euro eine sozialistische Modellstadt aus dem Boden zu stampfen: Xiong'an. Die Vorgabe lautete, eine «grüne, kohlenstoffarme, intelligente, effiziente und umweltfreundliche Stadt» für fünf Millionen Einwohner zu bauen. Xiong'an sollte die Hauptstadt Peking entlasten und Teile der Verwaltung übernehmen. 

Was daraus geworden ist

Für chinesische Verhältnisse hat Xiong'an viele Grünanlagen. Ihren Bürgern verspricht sie, in 15 Minuten zu Fuß von ihrem Wohnhort alle Bildungs-, Einkaufs-, Kultur- und Betreuungsangebote erreichen zu können. Das mit Solarzellen übersäte Dach des Bahnhofs erzeugt im Jahr bis zu 5,8 Millionen Kilowattstunden Strom und spart 4.500 Tonnen CO2-Emissionen ein. 

Woran es hapert 

Xiong'an fehlt vor allem eins: Menschen. An einem sonnigen Wochenende wirkt die Stadt mit ihren mittlerweile 1,3 Millionen Einwohnern fast wie ausgestorben. Zahlreiche Gewerbeflächen stehen leer. Menschen, die es nach Jahren harten Studierens oder Arbeitens nach Peking geschafft haben, wollen die Hauptstadt nicht für das Experiment Xiong'an verlassen. Zudem geht der Stadt Kapital durch die Lappen. Der Wohnungsmarkt ist nämlich zum Schutz vor Spekulanten stark reguliert. Außerdem bevorzugt Xiong'an Tech-Firmen für Neuansiedlungen statt Unternehmen traditioneller Branchen.

Update: In einer früheren Version dieses Textes fehlte im vorletzten Absatz bei den CO2-Emissionen die Einheit Tonnen - diese wurde nun ergänzt.
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27.03.2025 · 17:12 Uhr
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