Gewinne ohne Richtung – Wie unsichere Prognosen die Bewertung des S&P 500 ins Wanken bringen
Unternehmen verlieren zunehmend den Mut zur langfristigen Prognose – und mit ihnen gerät die fundamentale Bewertung des S&P 500 ins Rutschen. BMW bekräftigte zwar seine Ergebnisziele für 2025, doch die Annahme dahinter: ein baldiger Abbau jüngster US-Zölle. Andere Konzerne gehen noch weiter und streichen ihre Guidance ganz. Stellantis, Ford, Delta Air Lines und UPS verzichten inzwischen vollständig auf konkrete Ziele, Volkswagen rechnet explizit ohne Zolleffekte.
Dass die USA und China nun die Zollerhöhungen aussetzen, könnte den Optimismus kurzfristig stützen. Doch viele Analysten zweifeln, ob das reicht. Die Deutsche Bank etwa kommentierte BMWs Annahmen zurückhaltend. Zwar spricht Präsident Trumps Kurswechsel gegen eine unmittelbare Rezession, doch eine nachhaltige Rücknahme der Importabgaben steht weiterhin aus. Der Marktkonsens preist derzeit ein Gewinnwachstum der S&P-500-Unternehmen von 8,9 % ein – bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20,6.
Das Problem: Diese Schätzungen stützen sich auf Aussagen von Vorständen, die selbst keine verlässlichen Aussagen mehr treffen. In einem Markt, in dem die Guidance zunehmend zur Blackbox wird, droht die Bewertung vom Fundament abzukoppeln. Goldman Sachs beziffert das Rezessionsrisiko für die nächsten zwölf Monate weiterhin auf 45 %.
Gleichzeitig zeigt sich, dass die Anpassungen der Gewinnerwartungen für das zweite Quartal bereits stärker ausfallen als gewöhnlich. Besonders deutlich sind die Revisionen bei Schätzungen für Zeiträume ab 2026 – historisch ein Frühindikator für eine konjunkturelle Abkühlung. Einige Strategen sehen in dieser Gemengelage dennoch Chancen. Matt Stucky von Northwestern Mutual empfiehlt, sich stärker auf tatsächliche, also „trailing“ Earnings zu fokussieren.
Das könnte erklären, warum Value-Aktien mit soliden Bilanzen in diesem Jahr besser laufen als Technologiewerte. Doch diese Verschiebung wirft einen Schatten auf das bisher tragende Narrativ des Marktes: künstliche Intelligenz als Wachstumsmotor. Rückblickend betrachtet erscheinen Bewertungsniveaus einzelner Tech-Werte ähnlich überhitzt wie zur Dotcom-Blase.
Selbst unter einem milden Szenario – stabile Gewinne, höheres P/E – liegt das Potenzial des S&P 500 kaum über 6 %. Gleichzeitig rentieren risikolose Anlagen wie US-Staatsanleihen mit rund 4 % – und unterminieren so das Aktienargument weiter. Für Investoren bedeutet das: Streuung wird wichtiger, ebenso wie Qualität bei Geschäftsmodell und Bilanz. Doch auch wer alles richtig macht, darf keine großen Sprünge erwarten.

