EZB warnt vor Prognose-Falle – geldpolitische Agilität rückt ins Zentrum
Die Europäische Zentralbank stellt ihre geldpolitische Entscheidungsfindung neu auf: Angesichts wachsender Unsicherheiten durch globale Handelskonflikte warnen führende Ratsmitglieder vor einer zu starken Fixierung auf die Basisprognose. Stattdessen drängen sie auf mehr Szenarienanalyse – mit konkreten Auswirkungen auf die künftige Zinspolitik.
„Die zentrale Prognose verliert bei derart hoher Unsicherheit an Aussagekraft“, erklärte Spaniens Notenbankchef José Luis Escrivá am Dienstag bei einer Konferenz in Zürich. Er plädiert dafür, stärker auf alternative Szenarien zu setzen, die systematisch entwickelt und berücksichtigt werden sollten. Die Auswirkungen von US-Präsident Donald Trumps Zollpolitik etwa ließen sich kaum seriös in ein einziges Modell gießen.
Gabriel Makhlouf, Gouverneur der irischen Zentralbank, stimmt zu: Die geldpolitische Reaktionsfähigkeit müsse sich an ein neues, fragmentiertes geoökonomisches Umfeld anpassen. In seiner Rede präsentierte Makhlouf drei Szenarien für die weitere Entwicklung: Von vorübergehenden Zolldrohungen mit anhaltender Investitionszurückhaltung bis hin zu dauerhaften Gegenzöllen mit unklarem Inflationseffekt. Ein drittes Szenario sieht einen Deal zwischen Brüssel und Washington, während sich die Spannungen zwischen den USA und China weiter verschärfen.
Klar sei, so Makhlouf, dass Unsicherheit inzwischen zum Dauerzustand geworden ist – und dass sowohl Politik als auch Wirtschaft damit umgehen lernen müssten. Für die EZB bedeute das: größtmögliche Flexibilität.
Bereits jetzt prüft der EZB-Rat, ob es über die bislang sieben Zinssenkungen seit Juni 2024 hinaus weiteren Spielraum für Lockerungen gibt. Marktteilnehmer erwarten bis Jahresende zwei zusätzliche Schritte nach unten – nicht zuletzt, weil die Inflation auf Kurs Richtung 2 Prozent ist.
Entscheidend wird, wie sich die US-Zölle mittel- bis langfristig auf Preise und Wachstum auswirken. Während Escrivá für das Wachstum dämpfende Effekte als wahrscheinlich einstuft, bleibt die Inflationsdynamik ungewiss. Die EZB erwägt, in ihren Juni-Projektionen erstmals eigene Szenarien zu den handelspolitischen Risiken zu veröffentlichen – ähnlich wie während der Pandemie oder nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs.
In diesem Umfeld wird auch die Rolle von hochfrequenten Echtzeitdaten wichtiger. „Die geldpolitische Antwort muss jederzeit anpassbar bleiben“, so Escrivá. „Die Notwendigkeit vollständiger Optionalität ist heute präsenter denn je.“

