EZB-Ratsmitglied Wunsch öffnet Tür für vorsichtige Zinssenkung unter Zwei-Prozent-Marke
Pierre Wunsch, Gouverneur der belgischen Zentralbank und bislang als Befürworter einer restriktiven Geldpolitik bekannt, signalisiert eine Kehrtwende: Die Europäische Zentralbank (EZB) sollte laut Wunsch in Erwägung ziehen, den Einlagensatz „knapp unter zwei Prozent“ zu senken. Angesichts geopolitischer Spannungen und schwächerer Konjunkturdaten könne eine leicht unterstützende Geldpolitik gerechtfertigt sein, sagte er der Financial Times.
Der Einlagenzins liegt derzeit bei 2,25 Prozent, nachdem die EZB ihn seit Juni 2024 in sieben Schritten von zuvor 4 Prozent gesenkt hat. Eine weitere Reduktion auf etwas unter zwei Prozent wäre zwar moderat, käme aber einem Paradigmenwechsel für Wunsch gleich – hatte er doch noch im Februar davor gewarnt, „schlafwandelnd“ auf die Zwei-Prozent-Marke zuzusteuern.
Die Finanzmärkte rechnen bereits mit weiteren Schritten: Laut Reuters erwarten Investoren eine Senkung um 25 Basispunkte im Juni und eine weitere in der zweiten Jahreshälfte. Damit würde der Einlagenzins auf 1,75 Prozent sinken. Einzelne Analysten halten es allerdings für möglich, dass die EZB im Jahr 2026 erneut nach oben korrigieren muss, sollte sich der Inflationsdruck wieder verstärken.
Wunsch äußerte sich zur Markterwartung betont gelassen: „Ich war nicht schockiert“, so der Belgier. „So wie ich die Prognosen lese, könnten wir um das Jahr 2025 herum leicht unterstützend wirken.“ Die vorsichtige Formulierung deutet darauf hin, dass Wunsch nicht für aggressive Lockerungen plädiert, wohl aber für eine geldpolitische Absicherung gegen makroökonomische Risiken.
Besonders der wachsende internationale Protektionismus stellt laut Wunsch ein Abwärtsrisiko für Wachstum und Preisstabilität dar. Die Aussage passt sich damit einer zunehmend verbreiteten Einschätzung im EZB-Rat an, wonach die Risiken für eine zu niedrige Inflation künftig wieder an Gewicht gewinnen könnten.

