Deutsche Bahn

Evelyn Palla soll erste Bahnchefin werden

21. September 2025, 15:32 Uhr · Quelle: dpa
Evelyn Palla übernimmt als erste Frau die Leitung der Deutschen Bahn. Mit ihrer Expertise aus Regionalverkehr und ÖBB könnte sie die Infrastrukturprobleme bewältigen.

Berlin (dpa) - Die Bundesregierung will die kriselnde Deutsche Bahn neu aufstellen - der wohl wichtigste Baustein dafür scheint gefunden: Am Wochenende wurde bekannt, dass die bisherige Chefin der Bahn-Regionalverkehrstochter DB Regio, Evelyn Palla, künftig den Gesamtkonzern führen soll. Sie übernimmt den Posten vom bisherigen Bahnchef Richard Lutz, dessen Abgang im August bekannt wurde. 

Palla soll nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) am Montag offiziell vorgestellt werden. In den Folgetagen dürfte sie dann vom Konzernaufsichtsrat bestellt werden. Palla wäre die erste Frau auf dem Chefposten der Deutschen Bahn.

Palla besitzt Triebfahrzeugführerschein

Dem Vorstand gehört sie bereits seit 2019 an. Die gebürtige Südtirolerin verantwortete zuletzt den Regionalverkehr bei der Bahn und führte die Konzerntochter wieder in die schwarzen Zahlen. Palla wird bereits seit einiger Zeit als Lutz' Nachfolgerin gehandelt. Allerdings war ihr Name nicht der einzige, der in den Spekulationen um die Nachfolge immer wieder genannt wurde. 

Wenn bei der Bahn demnächst mal wieder ein Zug wegen fehlendem Personal ausfallen sollte, könnte die Chefin künftig selbst übernehmen. Denn Evelyn Palla besitzt seit vergangenem Jahr einen Triebfahrzeugführerschein. 

Mit ihrer Berufung dürfte der Umbau des Bahn-Vorstands indes noch nicht erledigt sein. Gut möglich, dass Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) das Führungsgremium verschlanken will und einige Ressorts wegfallen werden. Vakant ist zudem der wichtige Posten des Finanzvorstands, nachdem Finanzchef Levin Holle vor einigen Monaten ins Bundeskanzleramt gewechselt ist. 

Neue Chefin schon seit 2011 in der Bahn-Branche tätig

Palla, Jahrgang 1973, kennt sich nicht nur durch ihre Zeit bei der Deutsche Bahn gut in der Branche aus. Von 2011 bis Anfang 2019 war sie bei den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) aktiv. Ebenso wie die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) gelten die Österreicher im Vergleich zu Deutschland als Vorzeigenation, wenn es um den Verkehr auf der Schiene geht. 

Mit der Verantwortung für den gesamten Regionalverkehr in Deutschland hat Palla seit drei Jahren eine sehr gewichtige Aufgabe. Rund 780.000 Zugfahrten werden im Nahverkehr – inklusive aller S-Bahnen - jeden Monat absolviert. Zuletzt war die Pünktlichkeit auch im Nahverkehr im Vergleich zu vorherigen Zeiten schlechter, brach aber nicht komplett ein.

Zudem erwirtschaftete DB Regio unter Palla im ersten Halbjahr 2025 einen operativen Gewinn von 103 Millionen Euro (Ebit bereinigt). Im ersten Halbjahr 2024 hatte an dieser Stelle noch ein dickes Minus gestanden. Bei der Bahn freute man sich über die Trendwende - ein kleiner Erfolg inmitten vieler schlechter Nachrichten, mit denen die Kunden der Bahn ebenso wie das Management des Konzerns fast täglich konfrontiert sind.

Positive Reaktionen auf Palla

Die Verbände der Wettbewerbsbahnen, Mofair und Die Güterbahnen, unterstützen den Vorschlag von Verkehrsminister Schnieder, Palla zur DB-Konzernchefin zu berufen. «Palla kennt den Sanierungsbedarf und die Imageprobleme der DB. Sie weiß aus ihrer Tätigkeit bei der Österreichischen Staatsbahn ÖBB auch, dass und wie eine konzernangehörige Infrastruktur ohne Beherrschungsvertrag und Gewinnanspruch funktionieren kann», hieß es in einer Mitteilung. Nun fehlten nur noch belastbare Eigentümer- und Infrastrukturstrategien des Bundes.

Auch der Interessenverband Allianz Pro Schiene äußerte sich positiv über Palla. «Die Personalentscheidung ist erfreulich. Frau Palla hat das Zeug, den Staatskonzern im Zusammenspiel mit der Politik auf Kurs zu bringen. Sie lebt Eisenbahn, kennt den Konzern von innen, hat einen Unternehmensbereich erfolgreich saniert und könnte zur Sympathieträgerin der Bahn werden», sagte Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz Pro Schiene, der dpa. 

Die größten Probleme der DB

Die kriselnde Bahn hat vor allem mit der maroden Infrastruktur zu kämpfen, die jeden Tag die Züge ausbremst. Verspätungen, Zugausfälle und Frust bei den Fahrgästen sind die Folge. Und weil nahezu jedes Eck des mehr als 33.000 Kilometer langen Schienennetzes der DB betroffen ist, wird es absehbar noch sehr lange dauern, bis sich die Situation grundlegend verbessern wird. Große Hoffnungen setzt die Bahn in die grundlegende Sanierung von mehr als 40 besonders wichtigen Strecken bis 2036.

Das nächste Problem ist eng mit der Infrastruktur verbunden: Die Pünktlichkeit im Fernverkehr lag im August bei nur knapp 60 Prozent. Vor allem an wichtigen Knoten sammeln die Züge regelmäßig Verspätung ein, Störungen und Baustellen machen einen reibungslosen Betrieb kaum möglich. Nahezu jeder Fernverkehrszug muss auf seiner Reise durch das Land derzeit durch mindestens eine Baustelle fahren. 

Auch die wirtschaftlichen Zahlen sehen seit Jahren nicht gut aus. Zuletzt verbesserten sie sich zwar, am Ende des ersten Halbjahres 2025 stand aber weiterhin ein dickes Minus von 760 Millionen Euro. Um den Konzern wirtschaftlicher aufzustellen, sollen Tausende Stellen gestrichen werden. Damit steht auch die Verwaltung des riesigen Konzerns vor vielen Veränderungsprozessen - schlecht gemanagt ist so etwas ein typischer Grund für Unruhe in einem Unternehmen.

Reichen eine neue Chefin und eine neue Strategie für eine Kehrtwende?

Viel zu tun also für die neue Bahnchefin, die trotz ihrer schon jetzt bedeutenden Aufgabe als Regio-Chefin zuletzt wenig öffentlich in Erscheinung trat. Bereitete sich Palla womöglich schon länger auf den Sprung an die Konzern-Spitze vor?

Die Rückendeckung des zuständigen Ministers dürfte Palla jedenfalls in den nächsten Monaten haben. Doch reicht das, um die Bahn wieder nach vorne zu bringen? Für die Grünen, die Palla mit ihrer Führungserfahrung für eine gute Wahl halten, eher nicht: «Ohne deutlich bessere Rahmenbedingungen wird aber auch Frau Palla nicht erfolgreich sein können», sagte deren Verkehrsexperte Matthias Gastel der «Rheinischen Post». «Dazu gehört die auskömmliche und mittelfristig verlässliche Finanzierung der Infrastruktur. Dazu gehört auch die bessere Kontrolle und Steuerung des Unternehmens.»

Minister: Bahn muss pünktlich, sicher und sauber sein

Wenn Palla am Montag in Berlin offiziell als neue Bahn-Chefin vorgestellt wird, will Verkehrsminister Schnieder auch eine neue Eigentümer-Strategie für die Bahn präsentieren. Sie dürfte der Leitfaden sein, an dem sich die Südtirolerin orientieren muss. Über die Inhalte wurde bisher nicht viel bekannt. Es gilt aber als sicher, dass der Bund die Bahn enger an die Leine nehmen wird als in den vergangenen Jahren. 

«Die Bahn muss pünktlich, sicher und sauber sein», sagte Schnieder zuletzt. Zudem müsse der Konzern «schneller, schlanker, schlagkräftiger und auch wirtschaftlicher» werden. Derzeit sei die Lage «dramatisch».

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21.09.2025 · 15:32 Uhr
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