Migration nach Europa

Deutschland bei Asylanträgen nur noch auf Platz drei

08. September 2025, 15:30 Uhr · Quelle: dpa
Deutschland ist erstmals seit 2012 nicht mehr Spitze bei Asylanträgen. Der Wechsel zu Venezuela als Hauptursprung markiert einen bedeutenden Trend in der EU-Migration.

Valletta/Berlin (dpa) - Trendumkehr bei der Zuwanderung nach Europa: Deutschland ist erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr das Land mit den meisten neuen Asylanträgen. Und noch etwas hat sich nach der Halbjahresbilanz der EU-Asylagentur geändert: Nach dem Machtwechsel in Syrien kommen die meisten neuen Asylbewerber nicht mehr von dort nach Europa, sondern aus dem südamerikanischen Land Venezuela.

Im ersten Halbjahr gingen der Statistik zufolge bei den deutschen Behörden alles in allem 70.000 neue Anträge ein. Damit liegt die Bundesrepublik innerhalb der EU auf Platz drei hinter Frankreich (78.000) und Spanien (77.000). Deutschland steht also erstmals seit 2012 nicht mehr an der Spitze. 

Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) beantragten von Anfang Januar bis Ende August 78.246 Menschen erstmals in Deutschland Schutz. Das waren etwa halb so viele Asylerstanträge wie im Vorjahreszeitraum. Dass die Halbjahreszahlen der Asylagentur EUAA mit Sitz auf Malta stets leicht von den Bamf-Daten für diesen Zeitraum abweichen, hängt damit zusammen, dass die Agentur Monatszahlen addiert. Dadurch sind Nachmeldungen und Doppelzählungen nicht berücksichtigt. Die Aussagen zum Trend insgesamt sind davon jedoch nicht berührt. 

Innenminister Schuster: Rückgang ist Folge der Grenzkontrollen

Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU) sieht in den intensivierten Kontrollen und der Zurückweisung auch von Asylsuchenden an den Grenzen einen Grund für den Rückgang in Deutschland. Er sagte der Deutschen Presse-Agentur: «Jetzt kommt es im nächsten Schritt zusätzlich darauf an, auch die Rückführungen und Abschiebungen relevant zu steigern, um die Ausreisepflicht der abgelehnten Asylbewerber konsequenter durchzusetzen.» Von der EU erwarte er zugleich rasch Maßnahmen, «mit denen wir die gezielte Umgehung der gemeinsamen europäischen Asylregeln aus Venezuela in den Griff bekommen können».

Asylbewerber aus Venezuela reisen häufig über Spanien in die EU ein. Sie werden, wenn sie in Deutschland Asyl beantragen, nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel in der Regel in Sachsen untergebracht. In den ersten acht Monaten dieses Jahres beantragten 1.271 Menschen aus Venezuela erstmals in Deutschland Asyl. Die Gesamtschutzquote für Venezolaner lag laut Bamf zuletzt bei 10,9 Prozent.

Minus 43 Prozent in Deutschland

Die Zahl der neuen Asylbewerber innerhalb der Europäischen Union sowie in den Nicht-Mitgliedsländern Norwegen und Schweiz ging auch insgesamt zurück. Bis Ende Juni wurden in der Staatengruppe aus 29 Ländern (EU+) insgesamt 399.000 neue Anträge registriert - im Vergleich zum ersten Halbjahr 2024 ein Rückgang von 114.000 beziehungsweise 23 Prozent. Der Rückgang wird von der Agentur insbesondere darauf zurückgeführt, dass nach dem Sturz von Machthaber Baschar al-Assad nicht mehr so viele Menschen aus Syrien flüchten. 

Mit Ausnahme von Frankreich gingen die Zahlen in allen großen Zielländern zurück: am deutlichsten in Deutschland (minus 43 Prozent), aber auch in Italien (minus 25 Prozent) und Spanien (minus 13 Prozent).

Viele Klagen gegen Asylentscheidungen 

Bei den deutschen Verwaltungsgerichten ist dieser Rückgang noch nicht spürbar. Die Zahl der Asylklagen ist nach einer Auswertung der «Deutschen Richterzeitung» (DRZ) im ersten Halbjahr deutlich gestiegen. Demnach gingen in diesem Jahr bis zum 30. Juni 76.646 neue Hauptsacheverfahren bei den Verwaltungsgerichten ein. Das sind mehr Fälle als im Gesamtjahr 2023 (71.885). 

Die deutliche Reduzierung der Zahl der Asylanträge in den vergangenen Monaten sei wohl noch nicht in den Verwaltungsgerichten angekommen, sagt ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Es sei aber zu erwarten, «dass wenn wir unseren Weg konsequent weitergehen und die Asylantragszahlen weiter fallen, dass es auch irgendwann in der Justiz ankommen wird» und dann zu einer dauerhaften Entlastung der Verwaltungsgerichte führen werde. 

Wer stellt seinen Antrag in Frankreich und warum?

Unter den Asylbewerbern in Frankreich sind relativ viele Menschen aus der Ukraine, obwohl ihnen über die sogenannte EU-Massenzustromrichtlinie automatisch Schutz gewährt wird. Wer eine längerfristige Bleibeperspektive anstrebt, wählt jedoch oft diesen Weg. Auf Platz vier hinter Frankreich, Spanien und Deutschland findet sich nun Italien (64.000 neue Anträge). Großbritannien ist nach seinem Austritt aus der EU in dieser Statistik nicht mehr dabei. 

Von den Asylbewerbern aus Venezuela stellten fast alle ihren Antrag in Spanien, wo ihre Muttersprache gesprochen wird. Als Zielland ist es für die Venezolaner zudem attraktiv aufgrund einer wachsenden Wirtschaft und einer Regierung, die Einwanderer willkommen heißt. 

Autoritäre Herrschaft und Armut in Venezuela als Fluchtgrund 

Die Massenauswanderung aus dem lateinamerikanischen Land wird als direkte Folge der autoritären Herrschaft von Präsident Nicolás Maduro gesehen, der seit 2013 regiert. Nach Angaben des Observatorio de la Diáspora Venezolana leben inzwischen mehr als 9,1 Millionen Venezolaner außerhalb ihres Heimatlandes. 

Die Bevölkerung Venezuelas ist seit 2017 trotz hoher Geburtenrate von rund 30 Millionen auf aktuell gut 28 Millionen geschrumpft. Viele fliehen vor Armut, fehlender Infrastruktur und Gesundheitsversorgung sowie fehlenden Perspektiven. Ziel der Migration sind Nachbarländer wie Kolumbien, Peru und Chile, zunehmend aber auch Europa und Nordamerika.

Meiste Neuankömmlinge aus Venezuela

Erstmals seit einem Jahrzehnt kamen die meisten neuen Asylbewerber (25.000) nicht aus Syrien, sondern aus Venezuela (49.000). Aus Afghanistan beantragten 42.000 Menschen neu Asyl. 

Der Umgang mit Migranten gehört seit Jahrzehnten zu den Streitthemen der europäischen Politik. Die EU arbeitet inzwischen mit nordafrikanischen Staaten zusammen, um Migranten von der Flucht nach Europa abzuhalten. Bei Versuchen, mit oft kaum seetüchtigen Booten das Mittelmeer zu überqueren, kommt es immer wieder zu tödlichen Katastrophen.

EU-Kommissar Magnus Brunner bezeichnet den Rückgang in Brüssel als «Ergebnis einer konsequenteren Politik». Jetzt müsse die Zusammenarbeit mit sogenannten Drittstaaten verbessert werden, «damit Rückführungen tatsächlich funktionieren und unsere Asylsysteme entlastet werden». 

Nur jeder vierte Antrag wird anerkannt

Die sogenannte Anerkennungsquote ging nach Angaben der Agentur auf den niedrigsten je gemessenen Stand zurück: Nur jeder vierte Erstantrag (25 Prozent) wurde bewilligt. Gleichwohl gibt es einen riesigen Berg an Anträgen, der noch abgearbeitet werden muss: Ende Juni war über mehr als 900.000 Anträge in erster Instanz bisher nicht entschieden. Weil Widerspruch möglich ist, stehen insgesamt etwa 1,3 Millionen Entscheidungen aus.

Migration / Krieg / Konflikte / Europa / Schweiz / Norwegen / Malta / Syrien / Venezuela
08.09.2025 · 15:30 Uhr
[2 Kommentare]
Höhlenunglück in Laos
Vientiane/Bangkok (dpa) - Sie suchten nach Gold – jetzt kämpfen Rettungskräfte um ihr Leben: Sieben Dorfbewohner sitzen seit Tagen in einer überfluteten Höhle im Norden von Laos fest. Spezialteams aus dem Nachbarland Thailand unterstützen inzwischen die schwierige Rettungsmission, die von Wassermassen, engen Gängen und Sauerstoffmangel herausgefordert […] (00)
vor 2 Minuten
Dame Julie Andrews
(BANG) - Dame Julie Andrews hat in einer Videobotschaft für den Welt-Parkinson-Kongress einen seltenen öffentlichen Auftritt absolviert. Die 90-jährige Legende, die mit Rollen in Filmen wie 'Mary Poppins' und 'The Sound of Music' weltweit berühmt wurde, erschien in einer auf YouTube veröffentlichten Videobotschaft der World Parkinson Coalition. Darin […] (00)
vor 1 Stunde
Ein Mann zeigt mit dem Finger auf einen Namenscluster
Ludwigsfelde (dpa/tmn) - Wer weiß schon, wo außer den direkten Verwandten noch Menschen mit demselben Nachnamen wohnen? Herausfinden lässt sich das auf der Webseite «Geogen» - der Name steht für «geografische Genealogie», was so viel bedeutet wie ortsbezogene Ahnenforschung. So erklärt es Entwickler Christoph Stöpel auf der Seite. Dreh- und Angelpunkt […] (00)
vor 10 Stunden
The Elder Scrolls 6 und Fallout-Remaster: Neue Gerüchte zeichnen düsteres Bild für Bethesda-Fans
The Elder Scrolls 6 lässt noch ewig auf sich warten und selbst die erhofften Fallout Remasters sind noch in weiter Ferne. Jüngste Gerüchte aus einem bekannten Branchen-Podcast schütten einen ordentlichen Eimer kaltes Wasser über die Hoffnungen der Bethesda-Fangemeinde und deuten darauf hin, dass die Geduld der Spieler auf eine sehr, sehr harte Probe […] (00)
vor 33 Minuten
Primetime-Check: Montag, 25. Mai 2026
Der Ranking an Pfingsten offenbart noch mehr Negativrekorde für die RTL-Gruppe: «First Dates Hotel» bei VOX bretterte auf einen historischen Tiefpunkt. Ungewohntes Bild: Sat.1 ausnahmsweise mal ganz vorne, wo ran Fußball: Relegation Bundesliga Wolfsburg-Paderborn übertragen wurde. Letztlich fieberten ab 20.30 Uhr im Schnitt bereits ganz starke 24,7 Prozent bei 0,91 Millionen der […] (00)
vor 1 Stunde
Tennis French Open
Paris (dpa) - Freundinnen im Leben, Rivalinnen auf dem Platz - für Eva Lys schließt das eine das andere nicht aus. «Früher sagte man ja immer, Freundschaften im Sport sind nicht möglich», sagte die deutsche Tennisspielerin bei den French Open in Paris, «aber bei mir war es eigentlich von Tag eins an anders». Die 24-Jährige pflegt auf der Tour auch privat einen engen Kontakt unter anderem zu […] (00)
vor 5 Stunden
Polymarket plant mit japanischem Glücksspiel-Beben die totale Markteroberung
Japan wird zum neuen strategischen Schlachtfeld für das Überleben der Plattform Der Vorstoß nach Japan ist kein Zufall, sondern eine verzweifelte Notwendigkeit in einem sich zuspitzenden globalen Existenzkampf. Während sich die juristische Schlinge in den Vereinigten Staaten immer enger zuzieht und die Konkurrenz durch Herausforderer wie Kalshi Inc. […] (00)
vor 32 Minuten
CAFM-MESSE & KONGRESS 2026: N+P setzt Impulse für den Gebäudebetrieb von morgen
Meerane, 26.05.2026 (PresseBox) - Am 29. und 30. Juni 2026 findet die CAFM-MESSE & KONGRESS zum fünften Mal im Esperanto Kongress & Kulturzentrum in Fulda statt. Die N+P Informationssysteme GmbH (N+P) ist erneut als Aussteller vertreten und präsentiert am Messestand 6b SPARTACUS Facility Management ®  (SPARTACUS) als leistungsstarke CAFM-Lösung für […] (00)
vor 1 Stunde
 
Erster Impfstoff für Menschen gegen Borreliose wirkt in Studie zu 73,2 Prozent
Für Hunde gibt es ihn bereits, für Menschen lässt er schon viel zu lange auf sich […] (01)
Frau mit Smartphone (Archiv)
Wiesbaden - Die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland ist der Meinung, dass […] (01)
Tatortreiniger im Thüringer Wald im Einsatz
Zella-Mehlis (dpa) - Schweigend und mit geübten Handgriffen ziehen sich Bernadeta […] (01)
Omid Nouripour am 21.05.2026
Berlin - Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour (Grüne) fordert eine Bündelung von […] (06)
Sky News startet kostenpflichtiges Podcast-Angebot
Mit „Sky News Insider: Podcasts“ bietet der Nachrichtensender künftig exklusive Inhalte, […] (00)
Xbox-Spieler müssen ihr Konto jetzt anders schützen – das musst du wissen
Viele Xbox-Spieler kennen diesen Moment: Du meldest dich an, bekommst einen Code per […] (00)
SC Paderborn 07 - VfL Wolfsburg
Paderborn (dpa) - Ob er mit der Mannschaft auf Party-Reise geht und wie überhaupt […] (01)
SoftBank am Abgrund der Euphorie — 53 Prozent Jahresgewinn und die Angst vor dem Kursrutsch
SoftBank ist derzeit die perfekte Verkörperung des KI-Booms: massiver Kursanstieg, […] (00)
 
 
Suchbegriff