Der Mann hinter Vinted: Wie ein CEO ein Milliarden-Start-up schuf
Ein CEO ohne Inszenierung – passend zum Geschäftsmodell
Plantengas Auftreten ist unspektakulär, beinahe beiläufig. Lässige Kleidung, keine große Show, kein Tech-Glamour. Genau das passt zur DNA von Vinted: funktional, zugänglich, nutzerzentriert. Die Konzernzentrale in Vilnius erfüllt zwar alle internationalen Tech-Standards, doch der Standort selbst ist Teil der Geschichte. Litauen gilt nicht als klassischer Nährboden für globale Tech-Champions – und genau das macht den Erfolg bemerkenswert.
2016: Ein Sanierungsfall statt eines Einhorns
Als Plantenga erstmals nach Vilnius kam, plante er einen kurzen Zwischenstopp. Vinted war damals in einer existenziellen Krise. Eine Verkaufsgebühr von 20 Prozent hatte Nutzer vergrault, das Wachstum stagnierte, die Organisation war überfordert. Konkurrenzplattformen dominierten wichtige Märkte.
Plantenga erkannte schnell, dass kosmetische Korrekturen nicht ausreichen würden. Er übernahm die operative Führung – unter der Bedingung, radikale Entscheidungen treffen zu dürfen.
Der Turnaround: Weniger Gebühren, mehr Vertrauen
Die zentrale Wende war einfach, aber folgenreich. Die Verkaufsgebühr wurde abgeschafft. Stattdessen führte Vinted eine optionale Käuferschutzgebühr ein, senkte Versandkosten, baute den Kundenservice neu auf und straffte die Organisation massiv. Mehr als ein Drittel der Belegschaft musste gehen.
Parallel investierte Plantenga in Marketing und Produktqualität. Das Ziel war klar: Vertrauen zurückgewinnen und Netzwerkeffekte reaktivieren. Der Plan ging auf.
Wachstum, Profitabilität und Milliardenbewertung
Heute ist Vinted in 20 Ländern aktiv, beschäftigt mehr als 2000 Mitarbeitende und wurde zuletzt mit rund fünf Milliarden Euro bewertet. 2024 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 813 Millionen Euro, 2025 dürfte erstmals die Milliardenmarke überschritten werden. Der Gewinn vervielfachte sich binnen eines Jahres.
Ein weiterer Secondary Sale könnte die Bewertung laut Finanzkreisen auf bis zu acht Milliarden Euro heben – ohne frisches Kapital aufzunehmen.
Der schwierige deutsche Markt als Bewährungsprobe
Ausgerechnet Deutschland entwickelte sich lange zum Problemfall. Frühere Gebührenexperimente hatten das Vertrauen beschädigt zeigen. Nutzer umgingen das Bezahlsystem, was dem Geschäftsmodell schadete.
Erst nach Jahren konsequenter Produkt- und Vertrauensarbeit kehrte die Dynamik zurück. Heute nutzen über 90 Prozent der deutschen Nutzer das offizielle Zahlungssystem. 2025 ist Deutschland der am schnellsten wachsende Markt von Vinted.
Vom Marktplatz zum Ökosystem
Secondhand-Mode bleibt das Herz des Unternehmens, doch Vinted denkt längst darüber hinaus. Mit Vinted Go baut der Konzern ein eigenes Logistiknetz auf, mit Vinted Pay ein integriertes Zahlungssystem. Hinzu kommen neue Produktkategorien, von Büchern über Elektronik bis zu Haushaltswaren.
Der Fokus liegt klar auf Technologie. Entwickler, Datenexperten und Machine-Learning-Spezialisten prägen die Organisation. Gleichzeitig hält Vinted zentrale operative Funktionen bewusst im eigenen Haus.
IPO-ready – aber ohne Zeitdruck
Plantenga führt Vinted bereits wie ein börsennotiertes Unternehmen. Reporting-Strukturen, Finanzprozesse und Governance sind etabliert. Der Börsengang ist keine Frage des Ob, sondern des Wann.
Der CEO wartet auf ein stabiles Marktumfeld und interne Ruhe. Klar ist nur: Es wird nicht mehr lange dauern.
Vinted als Motor für Litauens Tech-Ökosystem
Vinted ist heute eines der wichtigsten Unternehmen Litauens. Es gehört zu den größten Steuerzahlern des Landes, zahlt Mitarbeiterbeteiligungen in dreistelliger Millionenhöhe aus und fungiert als Brutstätte für neue Start-ups.
Plantenga und Mitgründer investieren selbst als Business Angels. Know-how, Kapital und Netzwerke bleiben im Land – ein seltener Effekt in kleineren Volkswirtschaften.
Der langfristige Anspruch: europäischer Tech-Champion
Plantengas Ambitionen reichen weit über den Status quo hinaus. Langfristig sieht er Vinted in einer Liga, die Europa bislang kaum kennt: Unternehmen mit zweistelligen Milliardenbewertungen, globaler Reichweite und nachhaltiger Profitabilität.
Die Strategie ist klar: Diversifikation der Erlösquellen, Ausbau des Ökosystems, Skalierung über Länder und Kategorien hinweg. Gelingt das, könnte aus einem Secondhand-Marktplatz eines der bedeutendsten Techunternehmen Europas entstehen.


