Der Fall George Pell

26. Februar 2019, 22:02 Uhr · Quelle: dpa

Melbourne/Rom (dpa) - Eigentlich ist George Pell ein Mann des Wortes. Ein Priester aus einfachen Verhältnissen, der mächtig reden kann. Und auch dadurch zum Bischof, zum Kardinal und schließlich zu einer der mächtigsten Figuren im Vatikan wurde.

Am Dienstag tat der Australier jedoch, was er nun fast schon seit einem Jahr tut. Er schwieg. Mit einem Stock in der rechten Hand marschierte der 77-Jährige aus dem Justizpalast von Melbourne still durch einen Pulk von Kameras, stieg in einen goldfarbenen Mercedes und fuhr davon.

Dabei hätte Pell guten Grund, sein Schweigen endlich zu brechen. Seit Dienstag weiß die ganze Welt, was seit Dezember bereits aktenkundig ist: Der bisherige Finanzchef des Vatikans - quasi die Nummer drei des Kirchenstaats und einer der wichtigsten Berater von Papst Franziskus - wurde von einem Gericht in Melbourne wegen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen schuldig gesprochen. Zwölf Geschworene kamen einstimmig zu der Überzeugung, dass er sich erwiesenermaßen in den 1990er Jahren an zwei Chorknaben vergangen hat.

Wegen Besonderheiten im australischen Justizsystem wurde das Urteil zweieinhalb Monate unter Verschluss gehalten. Damit im Fall eines zusätzlichen Prozesses keine anderen Geschworenen beeinflusst werden könnten, verhängte die Justiz eine extreme Nachrichtensperre. Man durfte nicht einmal berichten, dass verboten war, zu berichten.

Jetzt steht fest, dass es keinen zweiten Prozess geben wird. Deshalb darf nun gesagt werden, dass Pell in fünf Punkten schuldig gesprochen wurde. Die Höhe der Strafe muss noch festgelegt werden. Die Höchststrafe beträgt in allen Punkten: zehn Jahre Haft. Insgesamt: bis zu 50 Jahre Gefängnis. In diesem Fall: für den Rest des Lebens.

Für den Vatikan, der gerade einen großen Anti-Missbrauchsgipfel hinter sich hat, ist die Verurteilung Pells eine neue Hiobsbotschaft. Zwar gibt es aus vielen anderen Ländern längst Urteile gegen katholische Geistliche, die sich an Kindern vergingen. Aber so weit oben in der katholischen Hierarchie stand ein verurteilter Sexualstraftäter noch nie. Für den Papst kommt der Schuldspruch des einstigen Vertrauten einer Katastrophe gleich.

Gerüchte um den konservativen Gottesmann - ein Mann von immer noch mächtiger Statur - gab es schon lange. Bis auf die Vorwürfe, wegen derer Pell nun verurteilt wurde, kam jedoch nichts vor Gericht. Dabei geht es um die Jahre 1996/97, als Pell gerade Erzbischof von Melbourne geworden war. In der dortigen St.-Patrick's-Kathedrale - so die Überzeugung aller Geschworenen - verging er sich an zwei 13-Jährigen, die er mit Messwein in der Sakristei erwischt hatte.

Demnach zwang er einen der Schüler zum Oral-Sex, dem anderen hielt er seinen Penis ins Gesicht. Bei anderer Gelegenheit, ein paar Monate später, bedrängte er nach Überzeugung des Gerichts einen der Jungen erneut. Einer der beiden ist inzwischen tot, gestorben an einer Überdosis Heroin. Der andere wartete zwei Jahrzehnte, bis er endlich zur Polizei ging. Im Prozess war der einstige Chorknabe, heute Mitte 30, der Hauptbelastungszeuge.

Pell selbst bestreitet bis heute alle Vorwürfe. Seine Anwälte erklärten: «Kardinal Pell hat immer seine Unschuld beteuert. Das macht er auch weiterhin.» Das letzte Mal, dass er selbst etwas sagte, war im vergangenen Juni. Damals donnerte er in den Gerichtssaal zwei Worte: «Nicht schuldig!» Seither kein Wort. Seine Anwälte kündigten an, in die nächste Instanz zu gehen.

Trotz des Schuldspruchs ist Pell bislang gegen Kaution auf freiem Fuß. An diesem Mittwoch könnte sich dies ändern. Mit Beginn der Beratungen über das Strafmaß würde er normalerweise inhaftiert werden. Die Justiz kann jedoch davon absehen, zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen. Pell hat gerade eine schwere Knie-Operation hinter sich. Die Entscheidung, ob - und wenn ja, wie lange - er ins Gefängnis muss, wird dann für Mitte März erwartet.

Im weit entfernten Rom löste die Veröffentlichung von Pells Verurteilung Schockwellen aus. Doch Papstsprecher Alessandro Gisotti verlas am Dienstag nur eine dürre Mitteilung, wonach man mit möglichen Konsequenzen noch auf das Berufungsverfahren warten wolle. Fragen wurden nicht zugelassen.

Der Fall lastet schon lange schwer auf dem Vatikan und dem Papst. Warum ein Mann, dem seit Jahren Vorwürfe wegen Missbrauchs gemacht werden, immer weiter Karriere in der Kirche machen konnte, ist vielen ein Rätsel und sendet fatale Signale an alle Missbrauchsopfer.

Bis zuletzt hat Franziskus an Pell festgehalten. Er wolle erst urteilen, wenn die Schuld gerichtlich bewiesen sei, sagte er 2016. In der Politik oder auch bei Stars wie im Fall der #Metoo-Bewegung wäre eine solche Zurückhaltung unvorstellbar, dort fallen schon Beschuldigte in Ungnade.

Die Kirche steckt genau deshalb in einer ihrer schwersten Krisen, da sie jahrzehntelang Missbrauchsfälle nicht aufzuklären vermochte und Täter gedeckt hat. Erst beim jüngsten Anti-Missbrauchsgipfel hatte der Papst die Spitzen der katholischen Kirche zusammengetrommelt, um ihnen einzubläuen, dass die Vertuschung ein Ende haben müsse. Das neuerliche Zögern könnte als weiteres Zeichen dafür gelten, dass der Papst zwar von null Toleranz spricht, sie aber nicht durchsetzt.

Eine Entlassung Pells als Präfekt des Wirtschaftssekretariats ist sowieso nicht mehr nötig: Passenderweise ist die Amtszeit des Australiers als Finanzchef nach fünf Jahren seit Sonntag regulär vorbei. Gisotti bestätigte am Dienstagabend auf Twitter, dass Pell nicht länger Präfekt des Wirtschaftssekretariats sei. Die Ernennung eines Nachfolgers ist nun das Mindeste, was von Franziskus erwartet wird.

Bis das letzte Urteil gefallen ist, wird sich der Vatikan aller Wahrscheinlichkeit nach nicht dazu durchringen, Pell die Kardinalswürde zu entziehen und ihn aus dem Klerikerstand zu entlassen. Derzeit ist dem Kardinal die Ausübung des Priesteramtes und der Kontakt zu Kindern verboten. Entlässt der Papst Pell nach einem endgültigen Schuldspruch nicht aus dem Priesterstand - die Höchststrafe in der katholischen Kirche - dürfte es um seine Glaubwürdigkeit beim Thema Missbrauch geschehen sein.

Manchen allerdings wäre noch nicht einmal ein solcher Schritt genug. Als Pell am Dienstag schweigend den Justizpalast von Melbourne verließ, gab es wütende Proteste. Ein Mann brüllte: «Du bist eine Schande.» Ein anderer schrie ihm ins Gesicht: «Du wirst in der Hölle verbrennen, Pell!»

Justiz / Kriminalität / Australien / Vatikan
26.02.2019 · 22:02 Uhr
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