Demografischer Todesstoß: Sparkassen verlieren jeden dritten Kunden
Eine PwC-Studie offenbart das Ausmaß einer Zeitbombe, die im deutschen Bankensektor tickt. 60 Prozent aller Sparkassen operieren in Regionen, deren Einwohnerzahl in den kommenden zwei Jahrzehnten schrumpfen oder bestenfalls stagnieren wird. Was zunächst nach nüchternem Strukturwandel klingt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als fundamentale Bedrohung für ein Geschäftsmodell, das auf lokaler Verankerung basiert.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Im Durchschnitt werden Sparkassen bis 2045 zwölf Prozent ihrer Kundenbasis einbüßen. Doch diese Durchschnittsbetrachtung verschleiert die wahre Dramatik. Einzelne Institute steuern auf einen Kundenverlust von 30 Prozent zu – ein Einbruch, der Geschäftsmodelle in ihren Grundfesten erschüttern dürfte.
Das Regionalprinzip wird zur tödlichen Fessel
„Die Entwicklung ist eine Gefahr für das Geschäftsmodell von Sparkassen und Genossenschaftsbanken", warnt Daniel Wildhirt, Partner bei PwC. Seine Analyse trifft den Kern des Problems: „Sie sind an ihr regionales Geschäftsgebiet gebunden und können sich dem Rückgang der Bevölkerung in ihrer Region nicht so einfach entziehen."
Was über Jahrzehnte als Stärke galt, verkehrt sich ins Gegenteil. Die 338 Sparkassen bundesweit können nicht einfach in wachsende Ballungsräume expandieren. Ihre öffentlich-rechtliche Struktur bindet sie an definierte Geschäftsgebiete – eine regulatorische Zwangsjacke in Zeiten tektonischer demografischer Verschiebungen.
Besonders dramatisch zeigt sich die Lage in ländlichen Regionen und Teilen Ostdeutschlands. Dort, wo Sparkassen traditionell stark vertreten sind und deutlich mehr Filialen betreiben als private Konkurrenten, schrumpft die Bevölkerung am stärksten. Die Kreditinstitute stehen vor einem Dilemma: Einerseits müssen sie Filialen schließen, um Kosten zu senken. Andererseits gefährdet jede Schließung die lokale Verankerung, die ihre Existenzberechtigung ausmacht.
„Die Frage ist, wie Sparkassen und Genossenschaftsbanken die Nähe zu den Menschen vor Ort aufrechterhalten, wenn sie weiterhin Filialen schließen müssen, auch weil es schwieriger wird, Fachkräfte für den Bankbetrieb zu finden", so Wildhirt.
Privatbanken sahnen ab während regionale Institute bluten
Die demografische Entwicklung verschärft die Spaltung des deutschen Bankenmarkts. Während Sparkassen und Volksbanken schrumpfenden Regionen ausgeliefert sind, positionieren sich Privatbanken strategisch in wachsenden Ballungsräumen. Das Ergebnis: Private Geldhäuser werden ihre Kundenzahl bis 2045 um mehr als zehn Prozent steigern – ein diametraler Gegensatz zur Entwicklung der Regionalbanken.
Die PwC-Studie basiert auf Bevölkerungsprognosen auf Gemeinde- und Kreisebene. Die Berater haben die Filialstandorte der Banken analysiert und daraus ihre Marktposition abgeleitet. Das Resultat zeichnet ein klares Bild der geografischen Neuordnung: Wachstum konzentriert sich in urbanen Zentren, Schrumpfung dominiert auf dem Land.
Auch die 600 genossenschaftlichen Institute trifft der Trend, wenn auch weniger brutal. 40 Prozent der Volks- und Raiffeisenbanken operieren in schrumpfenden oder stagnierenden Märkten. Bis 2045 droht ihnen ein Kundenverlust von sechs Prozent. Ihre geringere Präsenz in besonders betroffenen ostdeutschen Regionen dämpft den Effekt.
Für Sparkassen steht viel auf dem Spiel: Sie führen rund 36 Millionen private Girokonten und dominieren die Baufinanzierung. Marktanteilsverluste in dieser Größenordnung würden ihre Position im deutschen Finanzmarkt fundamental schwächen.
Neobroker und Onlinebanken greifen zusätzlich an
Als wäre der demografische Gegenwind nicht genug, intensiviert sich der Wettbewerb durch digitale Angreifer. „Es ist damit zu rechnen, dass Onlinebanken und Neobroker ihren Marktanteil weiter ausbauen", prognostiziert Wildhirt. Dieser Aspekt ist in der demografischen Prognose noch nicht einmal enthalten – die tatsächliche Bedrohung dürfte also größer ausfallen.
ING und DKB haben ihre Kundenzahlen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesteigert. Trade Republic, Scalable und Revolut erobern das Wertpapiergeschäft und ziehen besonders jüngere Kunden an. Diese Entwicklung trifft Sparkassen und Volksbanken dort, wo sie ohnehin verletzlich sind: bei der Gewinnung der nächsten Generation.
„Die Regionalbanken müssen hier wahrscheinlich erheblich in ihre Online- und Innovationsfähigkeit investieren", meint Wildhirt.
Doch damit entsteht ein Spannungsfeld: Gleichzeitig wünschen ältere Kunden den persönlichen Kontakt in Filialen. Sparkassen und Volksbanken müssen in beide Richtungen investieren – eine kostspielige Doppelstrategie in Zeiten schrumpfender Erträge.
Die Gelassenheit der Betroffenen wirkt deplatziert
Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) gibt sich demonstrativ unbeeindruckt. „Demografische Entwicklungen sind für die Sparkassen nichts Neues, sondern seit jeher Teil der strategischen Planung", erklärt der Verband. Man passe Filialkonzepte an, digitalisiere Services und verwandle Filialen in „Orte der Begegnung und Beratung".
Mit „S-Neo" haben Sparkassen ein digitales Wertpapierangebot gestartet, das den Handel von ETFs über die Sparkassen-App ermöglichen soll – eine späte Antwort auf Trade Republic und Konsorten. Die Volksbanken setzen auf die neu gegründete Firma Amberra, die banknahe Zusatzdienstleistungen entwickeln soll. Ein eigenes digitales Wertpapierangebot namens „Zuwachs" steht bei den Genossenschaftsbanken noch am Anfang.
Ob diese Maßnahmen ausreichen, um den doppelten Druck aus Demografie und Digitalisierung zu kontern, erscheint fraglich. Die PwC-Studie jedenfalls zeichnet das Bild einer Branche, die strukturell unter Druck gerät – mit Konsequenzen, die weit über einzelne Filialschließungen hinausgehen.


