Comdirect kontert Neobroker: 1-Euro-Depot soll junge Anleger zurückholen
Ein Euro pro Trade – abgespecktes Angebot
Kern des neuen Angebots: Jede Order kostet einen Euro – auf dem Niveau der Neobroker. Im klassischen Brokerage verlangt Comdirect bislang 3,90 Euro pro Transaktion. Die Depotführung bleibt kostenlos.
Allerdings ist das „Pure Depot“ bewusst schlank konzipiert:
- Kein Handel mit Derivaten
- Rund 50 Handelsplätze
- Abwicklung ausschließlich über Gettex (Bayerische Börse)
Das Produkt ersetzt ein Pilotprojekt („Simple“), das seit Sommer 2025 getestet wurde und neben Wertpapierhandel auch Girokonto und Tagesgeld umfasste. Kunden empfanden die Kombination offenbar als zu komplex.
Die neue Strategie: klare Fokussierung auf Brokerage – zusätzliche Produkte können später ergänzt werden.
Druck durch Neobroker wächst
Der Wettbewerbsdruck ist erheblich. Trade Republic hat seine Kundenzahl binnen 18 Monaten auf zehn Millionen verdoppelt. Auch Anbieter wie Scalable Capital gewinnen kontinuierlich Marktanteile.
Die Dynamik zwingt etablierte Institute zum Handeln:
- Sparkassen integrieren 2026 Aktien- und ETF-Käufe direkt in ihre Apps
- DKB modernisiert ihre Wertpapierinfrastruktur
- Direktbanken investieren verstärkt in Marketing und Produktinnovation
Comdirect sieht sich dabei nicht nur im Wettbewerb mit Fintechs, sondern auch mit klassischen Filialbanken, da immer mehr Kunden ihre Bankgeschäfte vollständig digitalisieren wollen.
Service als Differenzierungsmerkmal
Während viele Neobroker primär appbasiert und ohne klassischen Support arbeiten, setzt Comdirect bewusst auf telefonischen Kundenservice. Laut Schoon-Renné ist dies ein Sicherheitsaspekt, der insbesondere Einsteigern Vertrauen gibt.
Damit positioniert sich die Bank zwischen zwei Welten: günstige Konditionen wie bei Fintechs, kombiniert mit Service-Elementen einer etablierten Bank.
Rückkehr zur Wachstumsagenda
Nach der vollständigen Integration in die Commerzbank stagnierte die Kundenzahl jahrelang bei rund 2,9 Millionen. Inzwischen spricht das Management wieder von rund drei Millionen Kunden und einer sechsstelligen Zahl an Neukunden im vergangenen Jahr.
Zusätzliche Wachstumsimpulse sollen kommen durch:
- Einen neuen ETF in Kooperation mit State Street als Alternative zu MSCI-World-Produkten
- Ein geplantes Kryptoangebot im zweiten Halbjahr
- Höhere Marketingausgaben seit 2025
Die Bank setzt dabei auf eine Zwei-Marken-Strategie im Konzern: Comdirect fokussiert sich auf digital affine Privatkunden, die ihre Finanzentscheidungen eigenständig treffen wollen.
Strategischer Spagat
Das neue Einsteigerdepot markiert einen strategischen Balanceakt: Preislich will Comdirect mit Neobrokern mithalten, gleichzeitig aber nicht in einen reinen Margenwettbewerb abrutschen.
Ob das gelingt, hängt von zwei Faktoren ab:
- Gelingt es, junge Kunden früh zu binden und später in margenstärkere Produkte zu überführen?
- Kann die Bank ihre Kostenstruktur im Brokerage effizient halten?
Der Markt für Wertpapiersparen wächst – doch die Margen sinken.
Mit dem 1-Euro-Depot signalisiert Comdirect: Der Wettbewerb wird nicht nur über Technologie entschieden, sondern auch über Preisdisziplin und Markenvertrauen.


