Cannabis-Entwicklung in Deutschland: Zwischenbilanz nach Legalisierung polarisiert
Deutschland zieht eineinhalb Jahre nach der kontroversen Cannabis-Legalisierung Bilanz. Die ersten Erkenntnisse zeigen keinen akuten Korrekturbedarf, der erhoffte Effekt auf den Schwarzmarkt bleibt allerdings aus. Der kürzlich in Berlin vorgestellte Bericht stellt fest, dass legale Anbauvereinigungen bislang kaum zur Reduzierung illegaler Vertriebswege beigetragen haben. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) zeigte sich besorgt über "bedenkliche Tendenzen" und kündigte an, Handlungsbedarf abwägen zu wollen.
Der Suchtforscher Jakob Manthey vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf betonte, dass viele Erwartungen der Experten erfüllt worden seien: "Es passiert kurzfristig relativ wenig." Die legale Beschaffung von Cannabis bleibt trotz der Gesetzesänderung weiterhin umständlich und es sind Beschränkungen beim Anbau und Besitz vorgeschrieben. Erwachsene dürfen bis zu drei Pflanzen zuhause anbauen, jedoch gilt weiter ein Konsumverbot in der Nähe von Schulen und Spielplätzen. Die erste Auswertung, durchgeführt von einem Forschungsverbund unter Beteiligung des Uniklinikums Düsseldorf und des Instituts für Kriminologie der Uni Tübingen, offenbart keine dringende Änderungserfordernis, insbesondere in den Bereichen Jugendschutz und Besitz.
Allerdings bleiben "robuste Aussagen" aus, weshalb weitere Analysen geplant sind. Der geschätzte Cannabismarkt bewegt sich im Bereich von 670 bis 823 Tonnen jährlich. Trotz der seit Juli 2024 möglichen Gründung von Anbauvereinigungen deckt diese nur einen Bruchteil des Bedarfs. Gleichzeitig sind Rückgänge bei der Jugendkriminalität im Zusammenhang mit Cannabis-Konsum zu verzeichnen, was als positives Zeichen gilt.
Unklar bleibt der Einfluss auf den Gesundheitsschutz, vor allem im Straßenverkehr. Erste Befunde zeigen einen leichten Anstieg der Unfälle unter Einfluss berauschender Mittel. Der Tübinger Kriminologe Jörg Kinzig hebt hervor, dass es sich um die bedeutendste Entkriminalisierung in der Geschichte der Bundesrepublik handelt. Kritik kommt sowohl aus Reihen der Sicherheitsbehörden als auch innerhalb der Politik. Während Warken Handlungsbedarf sieht, betonen Politiker von SPD und Grünen die positiven Aspekte der Entkriminalisierung und rufen zu weiteren Anpassungen auf, um den Zugang zu legalisierten Strukturen zu erleichtern.

