Überkapazität bei Solarstrom bringt Spaniens Energiemarkt in Schieflage
Ein Markt, der vor Ökostrom überläuft
Spanien war der europäische Musterstaat der Energiewende: Sonne, Wind, Fläche – und ein politischer Wille, der zu einer massiven Expansion der Erneuerbaren führte. Doch der Boom kippt ins Gegenteil. Die Nachfrage nach Strom stagniert seit Jahren auf dem Niveau von vor der Pandemie, während die Kapazitäten weiter steigen. Die Folge: Großhandelspreise fallen auf Rekordtiefs. Zeitweise rutschen sie sogar ins Negative.
Für Erzeuger bedeutet das: Projekte rechnen sich nicht mehr. Banken zögern bereits, neue Solar- und Windparks zu finanzieren. Die Branche spricht offen davon, dass der Boom seine erste harte Grenze erreicht hat.
„Wir sehen eine deutlich restriktivere Kreditvergabe“, sagt Energieökonom Diego Rodríguez von der Complutense-Universität Madrid. „Wenn sich das Preisniveau nicht erholt, droht in wenigen Jahren ein Einbruch beim Ausbau der Erneuerbaren.“
Speicher? Kaum vorhanden
Der Kern des Problems ist strukturell: Spanien produziert Strom, kann ihn aber nicht speichern. Während Deutschland bereits über 16 Gigawatt Batteriespeicherkapazität verfügt, kommt Spanien auf nur 0,4 Gigawatt. Bei hoher Sonneneinstrahlung führt das zu vollen Netzen und stillstehenden Anlagen.
Die Regierung will bis 2030 auf 22,5 Gigawatt Speicherkapazität kommen – doch bislang existieren die meisten Pläne nur auf dem Papier.
Elektrifizierung bleibt aus – E-Autos fehlen
Parallel dazu stockt die Umstellung großer Sektoren auf Strom. Die E-Auto-Quote lag 2024 bei nur 5,5 Prozent – weniger als die Hälfte des EU-Durchschnitts. Ohne Industrie, Verkehr und Wasserstoffproduktion, die Strom in großem Stil aufnehmen könnten, bleibt die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage bestehen.
Ein Stromnetz, das schon heute überlastet ist
Energiekonzern Iberdrola bringt ein weiteres Problem ins Spiel: Die Netze sind zu voll, um die vorhandene grüne Energie überhaupt zu den Verbrauchern zu bringen. 83 Prozent der Netzkapazitäten gelten als ausgelastet. Endesa musste vergangenes Jahr mehr als die Hälfte aller Industrieanträge auf Netzanschluss ablehnen.
Eine paradoxe Situation entsteht: Spanien produziert zu viel Strom – und zugleich gibt es Unternehmen, die keinen Netzanschluss bekommen.
Der Grund für die scheinbare Auslastung: eine Welle spekulativer Anträge. Rechenzentrumsbetreiber und andere Firmen sichern sich Kapazitäten, die sie möglicherweise nie nutzen. Die Regierung spricht bereits von einer „Blase“.
Der Blackout verändert alles
Nach dem landesweiten Stromausfall im April hat Netzbetreiber Red Eléctrica den Anteil von Gaskraftwerken im Strommix erhöht, um die Frequenz im Netz stabil zu halten. Gas ist teuer, aber verlässlich – und anders als Solar und Wind jederzeit regelbar.
Das hat zwei Folgen:
- Noch mehr Ökostrom wird abgeregelt.
- Die Strompreise für Verbraucher steigen – trotz niedrigerer Großhandelspreise.
Spanien bleibt dennoch günstiger als Deutschland: 24 Cent pro Kilowattstunde im regulierten Tarif gegenüber 33 Cent in Deutschland.
Ein Trend, der nicht verschwinden wird
Rodríguez glaubt dennoch nicht an eine Trendwende: „Die aktuellen Preissteigerungen sind ein Effekt des Blackouts. Fundamental bleibt der Strompreis in Spanien im Sinkflug.“ Mit jedem neuen Windrad, jedem neuen Solarpark droht der Preis weiter zu fallen – solange Netz, Speicher und Nachfrage nicht wachsen.
Eine Energiewende mit zwei Geschwindigkeiten
Spanien zeigt, wie schnell ein Vorreiterland in Schwierigkeiten geraten kann. Die Energiewende ist weniger ein technologisches Problem als ein infrastrukturelles: Stromnetze, Speicher, Elektrifizierung und ein funktionierender Markt müssen gleichzeitig wachsen – sonst wird aus dem grünen Versprechen ein teures Dilemma.
Die kommenden beiden Jahre entscheiden, ob Spanien sein Modell stabilisiert. Oder ob aus dem europäischen Vorzeigeland ein warnendes Beispiel wird.


