Behörden: Kein weiterer Täter im Fall Kampusch

08. Januar 2010, 16:43 Uhr · Quelle: dpa
Wien (dpa) - Die Spekulationen haben sich nicht bewahrheitet: Der Entführer der Österreicherin Natascha Kampusch hat seine Tat allein geplant und ausgeführt. Dies ist das Ergebnis einer erneuten Untersuchung des spektakulären Entführungsfalls, das Polizei und Oberstaatsanwaltschaft in Wien vorstellten.

Damit will Österreich den Fall Kampusch, der nach der Flucht des Mädchens 2006 immer wieder für Schlagzeilen sorgte, endgültig abschließen. Ungereimtheiten und Ermittlungspannen hatten die erneute Untersuchung notwendig gemacht.

Die sogenannte Mehrtäter-Theorie sei zum aktuellen Kenntnisstand auszuschließen, sagte der Chef der Wiener Oberstaatsanwalt, Werner Pleischl. Zuletzt hatte ein Freund - Ernst H. - des Kampusch- Entführers Wolfgang Priklopil im Verdacht gestanden, womöglich an der Tat beteiligt gewesen zu sein. H. hatte erst kürzlich entgegen bisheriger Aussagen gestanden, kurz nach der Flucht von Kampusch von Priklopil von der Entführung erfahren zu haben. Dennoch haben die Behörden die Ermittlungen eingestellt. Der Mann habe die Priklopil-Beichte so lange verschwiegen, um die Polizei nicht auf illegale Geldgeschäfte hinzuweisen, die er mit Priklopil gemacht hatte, hieß es. Nun könnten ihm noch Verfahren wegen Finanzbetruges, Beihilfe zum Selbstmord und dem Verstecken eines gesuchten Täters drohen.

Mit ihrem Bericht an die Öffentlichkeit, der nicht viele neue Informationen enthielt, wollten die Behörden vor allem Gerüchte zerstreuen, die sich inzwischen um den Fall ranken. «Es ist jetzt an der Zeit, mit den Spekulationen, mit den Interpretationen Schluss zu machen», sagte Kurt Linzer vom österreichischen Bundeskriminalamt. In mittlerweile 10 000 Arbeitsstunden seien selbst die skurrilsten Hinweise und anonymen Behauptungen überprüft worden.

Nach den Erkenntnissen der Staatsanwälte hat Priklopil weder Kampusch noch ihre Angehörigen vorher gekannt, sondern sich das Mädchen zufällig ausgesucht. Hintergrund der Tat war wohl eine Art «Lebenskrise» des als Einzelgänger beschriebenen Entführers. Er habe sich zu der Zeit mehr auf sein Privatleben als auf seine Arbeit konzentrieren wollen und erkannt, dass er wohl nie eine Frau finden werde. Daraufhin habe er beschlossen, sich seine Partnerin von einem Kind quasi «selbst zu erschaffen».

Kampusch selbst zeigte sich über die neuen Ermittlungen erleichtert. «Sie wünscht sich nun, dass diese haarsträubenden Gerüchte ein Ende finden», ließ sie über ihre Medienberater der österreichischen Nachrichtenagentur APA ausrichten. Ihr Anwalt Gerald Ganzger ist laut APA nach wie vor der Meinung, dass die Polizei nach der Entführung nicht genug getan hat, um das Mädchen zu finden. Der Leiter der zuständigen Abteilung des Bundeskriminalamtes, Ernst Geiger, hatte bei der Pressekonferenz Fehler seiner Behörde eingestanden. Unter anderem sei Hinweisen nach der Entführung, die zu Priklopil führten, nicht nachgegangen worden.

Priklopil hatte Kampusch 1998 als zehnjähriges Mädchen auf dem Weg zur Schule entführt und achteinhalb Jahre gefangen gehalten. Am 23. August 2006 gelang der damals 18-Jährigen die Flucht. Noch am gleichen Tag nahm sich der gelernte Nachrichtentechniker das Leben - er warf sich vor einen Zug.

Kriminalität / Österreich
08.01.2010 · 16:43 Uhr
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