Analyse: Guttenbergs bisher gefährlichste Affäre

16. Februar 2011, 22:27 Uhr · Quelle: dpa

Berlin (dpa) - Karl-Theodor zu Guttenberg hat geahnt, dass das irgendwann passieren würde. «Ein gewisser Absturz hätte bei mir längst kommen müssen», sagte der Verteidigungsminister Mitte Oktober in einem Interview. «Weil er bislang nicht gekommen ist, kann er stündlich kommen.»

Damals wurde Guttenberg als Kanzlerkandidat und CSU-Chef gehandelt, als Erlöser der Union hochstilisiert und von den Medien als Mann des Jahres und Überflieger bejubelt.

Bis zum Absturz dauerte es zwar etwas länger als ein paar Stunden. Mitte Januar war es aber soweit. Innerhalb von wenigen Tagen brachen drei Bundeswehr-Affären über den CSU-Politiker herein: chaotische Zustände auf der «Gorch Fock» nach dem Tod einer Kadettin, ein mysteriöser Schießunfall und drei Dutzend geöffnete Feldpostbriefe aus Afghanistan - all das begleitet von peinlichen Informationspannen im Verteidigungsministerium.

Das alles ist aber noch gar nichts gegen das, was jetzt auf Guttenberg zukommen könnte. Was die «Süddeutsche Zeitung» am Mittwoch auf einer ganzen Seite und mit vielen Einzelheiten ausbreitete, könnte Guttenbergs bisher gefährlichste Affäre werden. Ein Bremer Jura-Professor wirft dem 39 Jahre alten Minister vor, in seiner Jura-Doktorarbeit aus dem Jahr 2007 abgekupfert zu haben. Seine Arbeit sei ein «dreistes Plagiat», eine «Täuschung».

Gleich mehrere Stellen hat Andreas Fischer-Lescano gefunden, die sich teilweise mit Texten anderer Autoren decken, darunter 97 Zeilen aus einem Artikel der «Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag» aus dem Jahr 2003. Die Anführungszeichen fehlen ebenso wie eine Fußnote.

Inspiriert von Fischer-Lescano, machten sich im Laufe des Tages andere Plagiatsjäger daran, in der 475 Seiten langen Arbeit Guttenbergs kopierte Textstellen zu finden. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» stieß gleich am Anfang der Einleitung auf zwei Absätze, die einem «FAZ»-Artikel von 1997 fast aufs Wort gleichen.

Die Vorwürfe gehen weit über die Probleme hinaus, mit denen Guttenberg in den drei Bundeswehr-Affären zu kämpfen hat. Es geht nicht mehr nur um eine abstrakte Verantwortung für Verfehlungen einzelner Untergebener, sondern es geht um den Minister höchstpersönlich. Und es geht um Eigenschaften, die den Kern seiner Popularität ausmachen: Glaubwürdigkeit und Authentizität. Auf seiner Webseite wirbt er mit Werten wie Verantwortung und Gewissen.

Die Stellungnahme Guttenbergs zu den Vorwürfen kam am Mittwochmittag vom Verteidigungsministerium per E-Mail. «Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus», verteidigte sich der Minister zwar, schloss Fehler beim Zitieren aber nicht aus. «Ich bin gerne bereit zu prüfen, ob bei über 1 200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten und würde dies bei einer Neuauflage berücksichtigen.» Mit anderen Worten heißt das: Vielleicht habe ich Anführungszeichen vergessen, aber wenn, dann nur versehentlich. Den Betrugsverdacht weist Guttenberg von sich und räumt allenfalls mangelnde Sorgfalt ein.

Über mögliche wissenschaftlichen Konsequenzen - bis hin zur Aberkennung des Doktortitels - hat nun die Universität Bayreuth zu befinden. Politische Konsequenzen forderte am Mittwoch noch niemand. Die Opposition hielt sich auffällig zurück. Grünen-Chefin Claudia Roth meinte, es müsse zunächst mal die Unschuldsvermutung gelten. «Wenn man schon abschreibt, dann sollte man sich wenigstens nicht erwischen lassen», sagte sie der «Leipziger Volkszeitung».

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich mit Guttenberg solidarisch. «Auch meine Promotionsarbeit wurde schon begutachtet, beleuchtet, Experten vorgelegt und damit muss man leben», sagte die Physikerin. «Ich denke, der Verteidigungsminister und die Uni Bayreuth werden die Dinge klären.» CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt kritisiert, dass die Opposition «sich mit dem Abzählen von Fußnoten und Anführungszeichen in juristischen Dissertationen» abmüht.

Im Umfeld Guttenbergs wittert man dagegen eine Kampagne. Der Parlamentarische Verteidigungsstaatssekretär Christian Schmidt (CSU) verwies darauf, dass Fischer-Lescano aus dem linken Spektrum kommt. «Man merkt die Absicht», sagte der CSU-Politiker der Nachrichtenagentur dpa. «Ich halte das für ungehörig.»

Korr-Inland / Verteidigung / Wissenschaft / Guttenberg
16.02.2011 · 22:27 Uhr
[0 Kommentare]
Anton Hofreiter (Archiv)
Berlin - Der Vorsitzende des Europaausschusses des Bundestags, Anton Hofreiter (Grüne), hat zur Finanzierung der Ukraine einen zwischenstaatlichen Fonds ohne Beteiligung Ungarns gefordert. "Es ist in unserem Sicherheitsinteresse, dass die Ukraine finanziert wird und deshalb sollte man einen intergouvernementalen Fonds aufsetzen, in dem man Ungarn […] (00)
vor 22 Minuten
„Ok, Boomer": Wohl kein Leser dieser Zeilen dürfte diesen herablassenden Spruch noch nicht gehört haben. Eines muss man allerdings jenseits von aller Kritik feststellen: Was das Eigenheim anbelangt, haben die grob zwischen 1946 und 1964 geborenen Babyboomer stärker vorgelegt als alle Generationen davor und danach – und das obendrein in einem […] (00)
vor 2 Stunden
Ermittlungen im Netz.
Berlin (dpa) - Das Bundeskriminalamt (BKA) und die Bundespolizei sollen zusätzliche Ermittlungsbefugnisse im digitalen Raum erhalten. Das geht aus Entwürfen für ein Reformpaket hervor, auf das sich Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) verständigt haben. Länder und Verbände werden in den nächsten Wochen Gelegenheit haben, zu […] (00)
vor 2 Stunden
Viraler Überraschungserfolg: Pokémon Pokopia treibt Nintendos Börsenkurs in die Höhe
Manche Spiele kommen leise, erobern dann aber im Sturm alles, was in ihrer Reichweite liegt. Pokémon Pokopia gehört offenbar genau zu dieser Sorte – kaum jemand hatte den Titel wirklich auf dem Schirm, doch seit seiner Veröffentlichung reissen sich Spieler weltweit um physische Exemplare, und selbst die Börse hat die Wucht des Releases zu spüren […] (00)
vor 40 Minuten
Streaming-Starts: «Temptation Island» und «Maxima» gehen weiter
Liebe wird auf die Probe gestellt - allerdings in unterschiedlicher Weise. Einmal auf trashiger, ein anderes Mal auf royaler Ebene. Start des Streaming-Trashs Temptation Island: Auch in Staffel 8 stellen sich vier Paare dem Treuetest im Reality-TV. Sie wollen herausfinden, wie stark ihre Beziehung ist. Denn ab dem 24. März bei RTL+ heißt es wieder: getrennte Wege, keine Kontaktmöglichkeiten und […] (00)
vor 3 Stunden
Annett Kaufmann
Stuttgart (dpa) - Die deutsche Tischtennis-Spielerin Annett Kaufmann hat öffentlich von Morddrohungen gegen sie in den sozialen Netzwerken berichtet. «Es wurde genau geschildert, wie ich umgebracht werden soll», sagte die 19 Jahre alte Junioren-Weltmeisterin und Mannschafts-Europameisterin in einem Talkformat der «Stuttgarter Zeitung» und der «Stuttgarter Nachrichten». Als Reaktion […] (01)
vor 1 Stunde
btc, bitcoin, cryptocurrency, crypto, money, currency, coin, finance, mining, payment
Die Handelsplattform Hyperliquid hat ein Handelsvolumen von über 1 Milliarde $ bei ölgebundenen Perpetuals erreicht, da der Ölpreis angesichts der Unruhen im Nahen Osten in Richtung 100 $ steigt. Hyperliquid: Ein aufstrebender Handelsplatz Hyperliquid etabliert sich zunehmend als bevorzugter Handelsplatz für eine neue Generation von Tradern, die sich auf […] (00)
vor 37 Minuten
Die Gans, die goldene Eier legt
Herisau, 12.03.2026 (PresseBox) - Nicht in einer Gans, sondern in einer Ente im Magen fand ein Mann in China Goldpartikel im Wert von rund 1.800 US-Dollar. Anzeige/Werbung - Dieser Artikel wird verbreitet im Namen von Mayfair Gold Corp. und U.S. GoldMining Inc ., mit der die SRC swiss resource capital AG bezahlte IR-Beraterverträge unterhält. Ersteller:  SRC swiss resource capital AG · Autorin: […] (00)
vor 1 Stunde
 
Iran-Krieg - Israel
Teheran/Tel Aviv (dpa) - Knapp zwei Wochen nach dem Start des Kriegs zwischen den USA […] (01)
Stromzähler (Archiv)
Aachen - Treue Kunden werden im deutschen Strommarkt offenbar systematisch […] (03)
Computer-Nutzerin auf Facebook (Archiv)
Berlin - Die Rufe an die Politik, große Tech-Konzerne stärker an der Finanzierung von […] (00)
Pilotenstreik bei der Lufthansa - Frankfurt am Main
Frankfurt/Main (dpa) - Der auf zwei Tage angelegte Pilotenstreik bei der Lufthansa […] (00)
Shia LaBeouf
(BANG) - Shia LaBeouf ist in Italien gesichtet worden, nachdem ein Richter ihm […] (00)
KI-Apps auf einem Smartphone
Hamburg (dpa/tmn) - Der Betreiber eines Chatbots muss für unwahre oder ehrverletzende […] (00)
Miami Heat - Washington Wizards
Miami (dpa) - Dirk Nowitzki ging es wie den meisten Fans. «83?????», postete die […] (03)
NVIDIA zerschlägt den Laptop-Markt: Intel-Deal und ARM-Offensive ändern alles
NVIDIA vollzieht derzeit eine der aggressivsten Strategieanpassungen der jüngeren […] (00)
 
 
Suchbegriff