Analyse: Die blutige Spur des Dschihad

09. Januar 2015, 13:45 Uhr · Quelle: dpa

Istanbul (dpa) - Die Attentäter kamen im Morgengrauen. Am 20. November 1979 hatten sich Zehntausende in der Großen Moschee der saudischen Stadt Mekka rund um die Kaaba versammelt, dem heiligsten Ort des Islam.

Am letzten Tag der Pilgerfahrt warteten sie gegen 5 Uhr auf den Beginn des Frühgebets. Doch dazu sollte es nicht kommen.

Mehrere Hundert Attentäter unter den Massen zogen Waffen, die sie in die Moschee geschmuggelt hatten. Sie erschossen die Wachen, schlossen die Türen und brachten die Gläubigen in ihre Gewalt. So wollten sie das für sie korrupte saudische Königshaus stürzen. Mehr als zwei Wochen brauchte die saudische Armee, um die Geiselnahme in blutigen Kämpfen zu beenden. Hunderte starben, darunter viele Unschuldige.

Die Geiselnahme war die Geburtsstunde des modernen Dschihad, der vor allem auf Gewalt setzt, um seine Ziele durchzusetzen. Von dem Terrorakt in Saudi-Arabien führt eine direkte Linie zum Angriff auf das Satiremagazin «Charlie Hebdo» in Paris. Für einen damals jungen Mann war die Geiselnahme ein Schlüsselerlebnis auf dem Weg in den Krieg gegen Ungläubige. Sein Name: Osama bin Laden.

Populär konnte die Dschihad-Ideologie in den 1970er Jahren vor allem deswegen werden, weil sie ein Vakuum füllte. Nach der schmachvollen Niederlage im Sechstagekrieg gegen Israel 1967 hatten die arabischen Regierungen den Menschen kein sinnstiftendes Angebot mehr zu bieten. Der säkular geprägte arabische Nationalismus, bis dahin vorherrschend, hatte ausgedient. Aus seinen «Trümmern» entstand der Dschihad, wie der französische Islam-Forscher Gilles Kepel meint.

Der Dschihad-Experten Guido Steinberg bezeichnet das ganze Jahr 1979 in einem seiner Bücher als «epochemachend für die islamische Welt». Denn zwei weitere Ereignisse gaben radikalen islamischen Bewegungen Auftrieb: die Machtübernahme Ajatollah Khomeinis im Iran und der Einmarsch russischer Truppen in Afghanistan.

Vor allem Moskaus Invasion am Hindukusch trug zum Erfolg des Dschihadismus bei. Einmarschiert war die Sowjetarmee, um das kommunistische Regime in Kabul zu stützen. Doch dort formierte sich schnell Widerstand gegen die Russen. Auch zahlreiche Muslime aus anderen Ländern - darunter viele Araber - folgten dem Ruf, die Ungläubigen von afghanischem Boden zu vertreiben.

Der Dschihad in Afghanistan führte viele von den militanten Islamisten zusammen, die später als Top-Terroristen Schlagzeilen machten. Der prominenteste Name aus der späteren Terror-Riege: Al-Kaida-Chef Bin Laden. Er ging als Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington in die Geschichte ein.

Dabei hatten die Amerikaner selber den Dschihad in Afghanistan massiv gefördert - und einen Sieg der Mudschaheddin über die Rote Armee wohl erst möglich gemacht. Für die USA organisiert ihr Geheimdienst CIA den Stellvertreterkrieg gegen die Sowjets auf afghanischem Boden.

Die CIA arbeitete dabei eng mit dem berüchtigten pakistanischen Militär-Geheimdienst ISI zusammen, der im Kampf gegen die Rote Armee besonders islamistische Gruppen förderte. Hamid Gul war 1987 bis 1989 Chef des ISI - und nannte Bin Laden noch Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 einen «Freiheitskämpfer».

1989 zogen die Sowjets gedemütigt aus Afghanistan ab. Es war eine Sternstunde für die Islamisten: Die Mudschaheddin hatten die mächtige Rote Armee in die Knie gezwungen. Die USA kehrten der unruhigen Region den Rücken, die weitgehend in Vergessenheit geriet - und im Chaos versank. Nach dem Sturz des kommunistischen Regimes in Kabul 1992 brach Bürgerkrieg in Afghanistan aus, 1996 kamen die von Pakistan unterstützten radikalislamischen Taliban an die Macht.

Sie boten einem prominenten Gast Zuflucht: Bin Laden, der 1996 nach Afghanistan zurückkehrte und den USA von dort aus den Krieg erklärte. 1998 verübte Al-Kaida Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Nairobi, im Jahr 2000 dann auf den Zerstörer USS Cole im Jemen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 weigerten sich die Taliban, Bin Laden an die USA auszuliefern. Sie läuteten damit den Sturz ihres eigenen Regimes Ende desselben Jahres ein, nachdem US-geführte Truppen in Afghanistan einmarschierten.

Bin Laden fand - wie viele Taliban-Führer auch - in Pakistan Schutz, US-Soldaten gelang es erst 2011, ihn aufzuspüren und zu töten. Schon bald nach dem Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan waren die Stammesgebiete auf der pakistanischen Seite der Grenze zum Rückzugsort von Terroristen geworden. Das US-Magazin «Time» beschrieb die Region im Jahr 2007 als «Talibanistan» und als «nächstes Schlachtfeld im Kampf gegen den Terrorismus».

Von Afghanistan führt die Spur des Dschihad weiter in den Irak. Am Hindukusch soll in den 1980er Jahren ein Mann gekämpft haben, der später im Zweistromland zu unrühmlicher Prominenz kam: Abu Mussab al-Sarkawi. Nach der US-Invasion 2003 führte er im Irak die militante Gruppe an, aus der später die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hervorging. Mittlerweile beherrscht der IS große Teile des Iraks und Syrien - ideale Rückzugsräume für die Planung von Anschlägen.

Seit Jahren terrorisiert der Terrorableger Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) auch den Jemen. Dessen Anführer Nasir al-Wahischi, genannt Abu Baschir, war über Jahre in Afghanistan ein Vertrauter Bin Ladens. Heute betreibt AQAP Terrorlager im Jemen - wo einer der Paris-Attentäter eine Kampfausbildung erhalten haben soll.

Terrorismus / Medien / Frankreich / Afghanistan / Saudi-Arabien / Irak / Jemen
09.01.2015 · 13:45 Uhr
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