Analyse: Davos will den Kapitalismus besser machen

26. Januar 2012, 22:57 Uhr · Quelle: dpa

Davos (dpa) - Ausbeuterisch, umweltzerstörend, auf Kosten der Südhalbkugel und künftiger Generationen: Der Kapitalismus der 80er und 90er Jahre konnte sich solche Eigenschaften noch ungestraft erlauben. Doch die Kritik wird lauter.

Selbst die versammelte Wirtschaftselite in Davos diskutiert jetzt offen die Frage: Funktioniert der Kapitalismus des 20. Jahrhunderts weiterhin? Und wie macht man künftig Geschäfte, die das Adjektiv «gut» auch verdienen?

Das heiße Eisen hat der Chef des Forums selbst geschmiedet. Der Kapitalismus sei wohl «ein bisschen veraltet», sagte WEF-Gründer Klaus Schwab vor Davos. Man könne sogar sagen, «dass das kapitalistische System in seiner jetzigen Form nicht mehr in die heutige Welt passt». Sogar Sympathien für die frierenden Occupy-Aktivisten, die in einem Iglu-Camp in der Nähe des Tagungsgeländes ausharren und sich über regen Besuch von Kamera-Teams freuen, lässt Schwab erkennen. Wenngleich er Occupy-Leute weiterhin nicht auf seinem Forum sprechen lassen will.

Kapitalismuskritik ist dort trotzdem präsent. Auch auf dem Forum zeigt es Wirkung, dass junge Arbeitslose in Südeuropa zu Zehntausenden auf die Straße gehen. Dass Aktivisten vor Bank-Türmen campieren. Und nicht zuletzt, dass Kunden genauer hinschauen, was sie von wem kaufen.

Von «gebrochenen Versprechen des Kapitalismus» spricht Sharan Burrow, die als Generalsekretärin des internationalen Gewerkschaftsbundes ITUC 175 Millionen Arbeitnehmer in aller Welt vertritt. Schon jetzt sei der Wohlstand so ungleich verteilt wie seit den 30er Jahren nicht mehr, in vielen Ländern nähmen die Ökonomien junge Arbeitskräfte kaum noch auf. «Das Wirtschaftsmodell untergräbt sich selbst», meint sie. «Die sozialen Unruhen, die daraus entstehen können, werden niemandem gefallen.»

Für eine andere Sichtweise wirbt Ben Verwaayen, Vorstandschef des weltgrößten Netzwerkspezialisten Alcatel-Lucent. «Auf der Welt findet man immer noch Orte, an denen sich Menschen nach Kapitalismus sehnen, weil er Millionen aus der Armut hilft. Das Problem sei also wohl nicht das Konzept, «sondern wie wir es umsetzen». Über gierige Konzerne zu schimpfen helfe nicht weiter, gefragt seien Innovationen: «Wir leiden an Nostalgie. Zu der alten Welt führt kein Weg zurück. Wir müssen uns fragen, wie wir neue Jobs schaffen, nicht wie wir alte erhalten.»

Aus dem Publikum der Diskussionsrunde ruft ein junger Ägypter: «Gebt den jungen Leuten Plattformen, auf denen sie ihre Jobs selbst schaffen können.» Dann müssten sie nicht darauf warten, dass es jemand anders für sie tut. Ob diese Wirtschaftsform dann Kapitalismus heiße oder anders, sei doch völlig gleichgültig.

Dass der Kapitalismus reformfähig ist, steht für den eingefleischten Kapitalisten David Rubinstein außer Frage. Er ist Mitbegründer der Carlyle Group, die zu den weltgrößten Finanzinvestoren gehört - in Deutschland würden viele Heuschrecke sagen. In Anlehnung an Churchill nennt er den Kapitalismus augenzwinkernd «die schlechteste Wirtschaftsform überhaupt - wenn man von allen anderen absieht». Und er fragt, wer 1912 wohl vorhergesehen hat, wie sich der Kapitalismus des 20. Jahrhunderts entwickeln würde. «Jetzt sind wir wieder an dem Punkt, an dem erst 12 Prozent des neuen Jahrhunderts um sind» - man dürfe dem Kapitalismus also weiter einiges zutrauen.

Doch was wird den Kapitalismus besser machen? «Zahlen Sie Steuern und ihren Arbeitnehmern Mindestlöhne», verlangt Gewerkschafterin Burrow. Firmen gerade in den USA kämpften noch gegen geringste Lohnerhöhungen, die ihre Gewinne nur minimal schmälern würden - als gehe es ums Prinzip. Finanzinvestor Rubinstein hält dagegen: Man halte sich an Regeln - wenn es denn welche gebe. «Ich klage nicht über zu viel Regulierung, ich will eine klare Regulierung. Doch dafür müsste die Politik mehr Führungsqualitäten zeigen.»

Die Aktivisten, die am Mittwoch auf der Davoser Flaniermeile imaginäre Hunde an der Leine spazieren führten, haben eigene Vorstellungen von einem anderen Kapitalismus. WEF-Teilnehmer glaubten bei der Aktion an einen Scherz, griffen selbst zu - und wurden damit zum Teil der Kampagne «Konzerne an die Leine». Wenn Großkonzerne im Ausland gegen Menschenrechte und Umweltstandards verstoßen, sollen sie auch in der Heimat zur Verantwortung gezogen werden können, lautet die Forderung. Lorenz Kummer von der Entwicklungshilfeorganisation Swissaid: «Politik und Wirtschaft sind längst globalisiert. Nur das Recht mache noch immer an den Grenzen halt.»

Weltwirtschaft / Konferenz
26.01.2012 · 22:57 Uhr
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