Abfindungen im Vergleich: Hier gibt es das meiste Geld
Über alle Branchen hinweg entspricht die durchschnittliche Abfindung etwa einem Bruttomonatsgehalt pro Beschäftigungsjahr. Doch dieser Mittelwert verdeckt enorme Unterschiede. In einzelnen Sektoren liegt das Niveau spürbar höher – teils aus finanzieller Stärke, teils aus strategischem Kalkül.
Energie und Finanzen setzen die Messlatte
Die höchsten Abfindungen zahlen aktuell Energie- und Finanzunternehmen. Das zeigt eine Umfrage der Boston Consulting Group, durchgeführt gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Personalführung und dem Karriereberater Restart. Befragt wurden 254 Unternehmen in Deutschland, vom Mittelstand bis zum Großkonzern.
Arbeitsrechtler bestätigen das Bild. In kapitalstarken Branchen sind Rückstellungen für Personalabbau oft früh eingeplant. Wenn Stellen wegfallen, sollen hohe Abfindungen Konflikte vermeiden und Imageschäden begrenzen. Geld ist hier weniger das Problem als Geschwindigkeit und Kontrolle.
Medizintechnik profitiert von stabilen Margen
Neben Energie und Finanzen sticht die Medizintechnik hervor. Auch hier sind die Kassen gut gefüllt, die Geschäftsmodelle vergleichsweise robust. Unternehmen zahlen lieber hohe Einmalbeträge, als sich auf langwierige arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen einzulassen – besonders bei hoch qualifizierten Fachkräften.
Autobauer, Airlines und Medien unter Druck
Anders sieht es in zyklischen Branchen aus. Autozulieferer wie Bosch, Fluggesellschaften wie Lufthansa oder Medienhäuser stehen unter Kostendruck. Der Stellenabbau ist hier oft Teil größerer Sparprogramme.
Das drückt grundsätzlich auf die Abfindungshöhe – Ausnahmen bestätigen die Regel. Bei der RTL etwa erhalten ausscheidende Mitarbeiter zwischen 1,0 und 1,4 Monatsgehälter pro Beschäftigungsjahr. Hinzu kommen Zuschläge für lange Betriebszugehörigkeit und ein fixer Abschlussbonus von 12.500 Euro.
Kleine Firmen zahlen überraschend besser als der Mittelstand
Eine der auffälligsten Erkenntnisse der Umfrage betrifft die Unternehmensgröße. Kleine und sehr große Unternehmen zahlen im Schnitt höhere Abfindungen als mittlere Betriebe. Für die Studienautoren kam das unerwartet.
Die Erklärung liegt in der Praxis: Kleine Firmen scheuen häufig Gerichtsverfahren und bieten nach anwaltlicher Beratung höhere Summen an, um Planungssicherheit zu gewinnen. Mittelständler verhandeln härter. Großkonzerne wiederum verfügen über die nötigen Mittel – und müssen stärker auf ihre öffentliche Wahrnehmung achten.
Erfahrung verteuert spätere Abbaurunden
Ein weiterer Treiber: Gewöhnungseffekte. Unternehmen, die bereits früher großzügige Abfindungen gezahlt haben, tun sich schwer, später deutlich darunter zu bleiben. Belegschaften, Betriebsräte und Anwälte orientieren sich an Präzedenzfällen. Jede Abbaurunde setzt damit eine neue Untergrenze.
Gewerkschaften und Verhandlungsmacht entscheiden mit
Abfindungen bleiben Einzelfallentscheidungen. Wer von einer starken Gewerkschaft vertreten wird oder über Schlüsselqualifikationen verfügt, kann deutlich bessere Konditionen durchsetzen. Schwach organisiert sind dagegen Kommunikations- und Teile der Medienbranche. Laut Umfrage liegen die Abfindungen dort im Schnitt bei nur 0,68 Monatsgehältern pro Jahr.
Am Ende zählt für Beschäftigte weniger der Faktor als die Gesamtsumme. Und die hängt weniger von der Konjunktur ab als von Branche, Größe – und Verhandlungsmacht.


