Comrades in Dreams - Leinwandfieber

DVD / Blu-ray / Trailer :: Website :: IMDB (7,1)
Regie: Uli Gaulke
Darsteller: Anup Jagdale, Han Yong-Sil
Laufzeit: 94min
FSK: ohne Altersbeschränkung
Genre: Dokumentation (Deutschland)
Filmstart: 03. Januar 2008
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Wer bei Kino immer gleich ans Multiplex denkt, liegt natürlich nicht ganz falsch. Aber die hoch technisierten, voll klimatisierten und bequem gepolsterten Vergnügungstempel sind eben nur die halbe Wahrheit. Auf der ganzen Welt fand Regisseur Uli Gaulke filmbegeisterte Einzelkämpfer, die der Faszination des Kinos erlegen sind und es zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht haben. In Indien etwa ist ANUP gleich mit drei Lastwagen unterwegs. Die Hälfte des Jahres fährt er mit seinem Tross durch den Bundesstaat Maharashtra, und wo immer der Mittzwanziger auftaucht, ist die Aufregung groß. Denn im Gepäck hat Anup etwas ganz Besonderes: sein Zeltkino. Von Dorf zu Dorf ziehen der junge Mann und seine Truppe mit tonnenweise Eisenstangen, Zeltplanen und Tauen und sorgen mit pathetischen Rührstücken aus Bollywood überall für Begeisterung. Zu hunderten stehen die Dorfbewohner vor Anups Zelt, und fast immer kann er abends das „Ausverkauft“-Schild an den Einlass hängen. In BWL hat Anup einen Bachelor-Abschluss abgelegt, doch die Leidenschaft fürs Kino begleitet ihn seit seiner Geburt. Damals gründete sein Vater das Zeltkino und ließ den zarten Sprössling jahrelang gar nicht vor die Leinwand, damit der vom Filmfieber verschont bliebe und lieber einen bodenständigen Beruf ergreifen würde, statt sich dem harten Kinogeschäft zu verschreiben. Doch das cineastische Virus packte auch Anup. Zu Beginn jeder Saison nimmt er eine Filmrolle mit zum Beten in den Tempel und segnet sie. Seine Geschäfte laufen gut, und längst ist er so erfolgreich, dass gelegentlich prominente Schauspieler zu ihm aufs Land reisen und den Zuschauern Autogramme geben. Sein größter Traum ist ein festes Kino, mit echtem Vorführsaal. Eine Ehefrau zu finden ist daneben fast schon zweitrangig, selbst wenn die aussehen würde wie ein Filmstar. Ohnehin ist er nicht auf der Suche nach einer Liebesheirat, sondern verlässt sich ganz auf die Vermittlungskünste seiner Schwägerin und des Bruders. Vernunftsehen, bei denen die Großeltern im Hintergrund die Strippen ziehen – das gibt es auch in den Filmen zu sehen, die HAN YONG-SIL in Nordkorea vorführt. Seit gut 30 Jahren bedient sie den Projektor in einer Veranstaltungshalle der Kooperative in Chongsan-Ri und verwandelt den Raum in ein Kino für die Landarbeiter. Bis in die Hauptstadt Pyongyang fährt Han Yong-Sil, um die Filme zu organisieren, die dem Volk nach der Arbeit zur Erbauung dienen sollen. Doch natürlich ist Film im Lande Kim Jong Ils mindestens so sehr Propaganda wie Vergnügen, und wenn die Abteilungsleiterin von Problemen mit der Bewässerungsanlage berichtet, versteht es sich von selbst, dass bald ein Film über selbige auf dem Programm steht. Als junges Mädchen ist Han Yong-Sil oft im Kino gewesen, und es war ihr Traum, selbst einmal als Schauspielerin vor der Kamera zu stehen. Stattdessen wurde sie dann Ehefrau und Mutter und eben Genossin Filmvorführerin. Mit etwas gutem Willen gelingt es ihr sogar, Parallelen zu finden zwischen dem eigenen Gatten und den Filmhelden, die sie für ihre Genossen über die Leinwand flimmern lässt. Doch im Ernstfall, daran lässt Han Yong-Sil keinen Zweifel, sind ihr Filme als Weggefährten eigentlich wichtiger als jeder Mann. Auch in Burkina Faso spielt das Kino im Ehe-Alltag eine wichtige Rolle, was vor allem daran liegt, dass LASSANE, LUC und ZAKARIA viel mehr Zeit mit ihrem kleinen Kino in der Hauptstadt Ouagadougou verbringen als mit den Familien zu Hause. Es gibt aber auch wirklich viel zu tun: auf drei Mofas holen sie die Filmrollen ab, im örtlichen Radiosender muss ein bisschen Werbung gemacht werden, und selbst abends, kurz vor Vorführungsbeginn, versuchen die Freunde noch, potentielle Zuschauer aus der Nachbarschaft ins Kino zu locken. Ihre Filmleidenschaft entwickelten die drei bereits zu Schulzeiten, als den Schülern jeden Samstag eine Vorführung geboten wurde. Als später die staatliche Kinovereinigung aufgelöst wurde, pachteten Lassane, Luc und Zakaria von der Gemeinde das „Emergence“-Kino, dass zwar kein Dach hat, aber immerhin einen funktionierenden Projektor. Im Ort weiß man soviel Engagement zu schätzen – und freut sich, dass man im Zweifelsfall auch mal zum halben Preis rein gelassen wird. Schließlich geht es den Jungs nicht nur ums Geldverdienen, sondern um ihre cineastische Leidenschaft. Ihr größter Traum versteht sich da natürlich von selbst: dass das Kino eines Tages ihnen gehören wird – auch wenn es dann mit der Geduld der Ehefrauen endgültig vorbei sein dürfte. PENNY in Big Piney im US-Bundesstaat Wyoming ist längst einen Schritt weiter. Von ihrem Bruder und dessen Sohn hat sie „The Flick“ übernommen, ein Kino, das von außen wie eine große Scheune aussieht, aber innen sogar mit einer Popcorn-Maschine aufwarten kann. Für ein Städtchen, das außer endlosen Straßen und riesigen Wohnwagensiedlungen nichts zu bieten hat, ist das beachtlich, und wer in Big Piney am Wochenende ein Date hat, sitzt mit Sicherheit früher oder später in Pennys Kino. Früher hat sie in einer Bank gearbeitet, die Kinder großgezogen und hatte keinerlei Ahnung davon, wie man Filmrollen einlegt oder zurückspult. Aber mittlerweile kann sie längst selbst den neusten Actionfilm mit Brad Pitt vorführen – und nebenbei noch persönlich am Telefon die Programmansage übernehmen. Den Stress nimmt Penny dabei gerne in Kauf, schließlich hält er sie fit und hilft auch ganz gut gegen das Alleinsein. Und beim Kartenabreißen und Putzen stehen ihr Freundinnen aus der Nachbarschaft zur Seite, unentgeltlich natürlich, solange sie sich beim Karamel-Popcorn bedienen dürfen. In einer Sondervorführung zeigt Penny auch den Blockbuster „Titanic“. Es ist einer ihrer Lieblingsfilme, und noch immer geht ihr die Liebesgeschichte so zu Herzen, dass die gestandene Frau die Tränen nicht zurückhalten kann. Einer Stammkundin des „Emergence“-Kinos in Burkina Faso geht es ähnlich: auch hier gilt die Romanze von Rose und Jack als Inbegriff des romantischen Liebesideals und wird von Lassane, Luc und Zakaria immer wieder gerne gezeigt. Dem gehorsamen Publikum in Nordkorea, das zur Verbesserung der Produktivität ins Kino geschickt wird, enthält man ein solches Spektakel aus Hollywood lieber vor – sicher ist sicher. Aber vielleicht hätten sie an „Titanic“ auch gar kein Interesse gehabt. Anup jedenfalls würde den Film von James Cameron in seinem Zeltkino nicht spielen: seinem dörflichen Publikum wäre ein bloßer Schiffsuntergang als Filmkonflikt ein bisschen zu wenig, zumal man sich solche Wassermassen auf dem trockenen indischen Land einfach nicht vorstellen kann. Doch ganz gleich, ob es um Oscar prämierte Welterfolge geht oder um koreanisches Propaganda-Kino, um kitschige Musicals aus Bollywood oder einen drittklassigen Thriller mit Kim Basinger: Penny und Anup, Han Yong-Sil sowie Lassane, Luc und Zakaria sprechen die gleiche Sprache. Es ist die Weltsprache des Kinos, die in Asien ebenso gesprochen wird wie in Afrika – und im Rest der Welt.

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