Umschuldung Griechenlands unvermeidbar
04. Mai 2011, 11:44 Uhr · Quelle: Dow Jones
Von Beate Preuschoff DOW JONES NEWSWIRES
BERLIN (Dow Jones)--Der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitutes (HWWI) Thomas Straubhaar hält eine Umschuldung Griechenlands für unvermeidbar. "An einer Umschuldung führt eigentlich kein Weg vorbei", sagte Straubhaar im Interview mit Dow Jones Newswires am Mittwoch in Berlin. Es stelle sich daher nicht mehr die Frage, ob es eine Umschuldung geben wird, sondern nur noch, wann und wie, betonte Straubhaar.
Eine Möglichkeit sei eine "brüske rasche Umschuldung" mittels eines Haircuts, bei dem alle Gläubiger Griechenlands auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten müssten. Der HWWI-Direktor warnte jedoch vor den unberechenbaren Folgen eines solchen Vorgehens. Bei der Haircut-Umschuldung könnte ein Dominoeffekt ausgelöst werden. Die Schockwirkungen eines so raschen Umschuldungsprozesses könnten auch deutsche Banken mitreißen und zu einer Bankenkrise in Deutschland führen, sagte Straubhaar.
"Ich glaube, dass man deshalb sehr vorsichtig sein muss mit der Forderung nach einem raschen Schuldenschnitt", sagte der HWWI-Direktor. Wenn dies zu abrupt und zu schnell gehe - das habe die Erfahrung mit der Lehman-Brothers-Pleite gezeigt - hätten die Akteure keine Zeit, sich anzupassen und dann sei dieser Dominoeffekt sehr unkalkulierbar.
"Das kann dann für die kurze Frist möglicherweise viel dramatischere Umwälzungen bringen als wenn man die Umschuldung über die Jahre streckt", sagte Straubhaar. Hier könne man auf die Erfahrungen aus der lateinamerikanischen Schuldenkrise der 90er-Jahre und die Brady-Pläne zurückgreifen.
Im März 1989 wurde das Instrument der Brady-Bonds geschaffen, um diese Darlehensschulden in handelbare Schuldverschreibungen zu konvertieren. Der Name leitet sich vom ehemaligen US-Finanzminister Nicholas Brady ab. Der Erwerb dieser Null-Kupon-Anleihen durch die jeweiligen Schuldnerländer erfolgte unter Verwendung von Mitteln des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank und aus eigenen Devisenreserven der Länder.
Auf diese Weise habe man in Lateinamerika Zeit gewinnen wollen und auch gewonnen. Man habe erreicht, die Umschuldung über viele Jahre zu strecken. Als Ergebnis seien die makroökonomischen Verwerfungen vergleichsweise bescheiden geblieben, sagte der HWWI-Direktor.
Eine solche "schleichende Umschuldung" über einen längeren Zeitraum sieht Straubhaar als zweite und nach seiner Auffassung nach auch zu präferierende Möglichkeit auch für die verschuldeten Staaten in Europa. "Mein Appell: Lasst uns noch etwas Zeit gewinnen, und nehmt diesen Ländern das Versprechen ab, dass sie wenigstens versuchen, gegenzusteuern", sagte Straubhaar.
Das bedeute, dass eine solche Umschuldung durch europäische Hilfsmaßnahmen - Stichwort Transferunion - getragen und versucht werde, den verschuldeten Ländern eine Refinanzierung zu erleichtern, sodass sie Zeit erhielten, aus ihrer wirtschaftlichen Situation herauszukommen. Dies könne auch durch den IWF und die Europäische Zentralbank (EZB) gestützt werden.
Mit einer solchen Hilfe wäre dann allerdings verbunden, dass diese Länder ihre nationale Finanzautonomie aufgeben müssten, und es eine "stärkere Finanzdiktion" aus den Ländern gebe, die das Geld gäben. "Das müsste - was durchaus in den Rettungsschirmen angedacht ist - mit dem Versprechen und auch der Durchsetzung der Forderung geschehen, die Staatshaushalte sukzessive in ein Gleichgewicht zu führen", sagte der HWWI-Direktor.
All dies könne nicht schnell geschehen. "Was immer wir tun, der Schuldenberg wird in nahezu allen gefährdeten Ländern bis 2015/2016 weiter steigen, weil die Länder in tiefen Rezessionen stecken", sagte der HWWI-Direktor. Griechenland, Spanien, Irland und Portugal seien in einer Schuldenfalle gefangen. Kurzfristige Lösungen sind daher ausgeschlossen. "Alles andere ist völlige Illusion", betonte der HWWI-Direktor.
Webseite: www.hwwi.org
-Von Beate Preuschoff, Dow Jones Newswires, +49 (0)30 - 2888 4122, [email protected]
DJG/bep/apo
BERLIN (Dow Jones)--Der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitutes (HWWI) Thomas Straubhaar hält eine Umschuldung Griechenlands für unvermeidbar. "An einer Umschuldung führt eigentlich kein Weg vorbei", sagte Straubhaar im Interview mit Dow Jones Newswires am Mittwoch in Berlin. Es stelle sich daher nicht mehr die Frage, ob es eine Umschuldung geben wird, sondern nur noch, wann und wie, betonte Straubhaar.
Eine Möglichkeit sei eine "brüske rasche Umschuldung" mittels eines Haircuts, bei dem alle Gläubiger Griechenlands auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten müssten. Der HWWI-Direktor warnte jedoch vor den unberechenbaren Folgen eines solchen Vorgehens. Bei der Haircut-Umschuldung könnte ein Dominoeffekt ausgelöst werden. Die Schockwirkungen eines so raschen Umschuldungsprozesses könnten auch deutsche Banken mitreißen und zu einer Bankenkrise in Deutschland führen, sagte Straubhaar.
"Ich glaube, dass man deshalb sehr vorsichtig sein muss mit der Forderung nach einem raschen Schuldenschnitt", sagte der HWWI-Direktor. Wenn dies zu abrupt und zu schnell gehe - das habe die Erfahrung mit der Lehman-Brothers-Pleite gezeigt - hätten die Akteure keine Zeit, sich anzupassen und dann sei dieser Dominoeffekt sehr unkalkulierbar.
"Das kann dann für die kurze Frist möglicherweise viel dramatischere Umwälzungen bringen als wenn man die Umschuldung über die Jahre streckt", sagte Straubhaar. Hier könne man auf die Erfahrungen aus der lateinamerikanischen Schuldenkrise der 90er-Jahre und die Brady-Pläne zurückgreifen.
Im März 1989 wurde das Instrument der Brady-Bonds geschaffen, um diese Darlehensschulden in handelbare Schuldverschreibungen zu konvertieren. Der Name leitet sich vom ehemaligen US-Finanzminister Nicholas Brady ab. Der Erwerb dieser Null-Kupon-Anleihen durch die jeweiligen Schuldnerländer erfolgte unter Verwendung von Mitteln des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank und aus eigenen Devisenreserven der Länder.
Auf diese Weise habe man in Lateinamerika Zeit gewinnen wollen und auch gewonnen. Man habe erreicht, die Umschuldung über viele Jahre zu strecken. Als Ergebnis seien die makroökonomischen Verwerfungen vergleichsweise bescheiden geblieben, sagte der HWWI-Direktor.
Eine solche "schleichende Umschuldung" über einen längeren Zeitraum sieht Straubhaar als zweite und nach seiner Auffassung nach auch zu präferierende Möglichkeit auch für die verschuldeten Staaten in Europa. "Mein Appell: Lasst uns noch etwas Zeit gewinnen, und nehmt diesen Ländern das Versprechen ab, dass sie wenigstens versuchen, gegenzusteuern", sagte Straubhaar.
Das bedeute, dass eine solche Umschuldung durch europäische Hilfsmaßnahmen - Stichwort Transferunion - getragen und versucht werde, den verschuldeten Ländern eine Refinanzierung zu erleichtern, sodass sie Zeit erhielten, aus ihrer wirtschaftlichen Situation herauszukommen. Dies könne auch durch den IWF und die Europäische Zentralbank (EZB) gestützt werden.
Mit einer solchen Hilfe wäre dann allerdings verbunden, dass diese Länder ihre nationale Finanzautonomie aufgeben müssten, und es eine "stärkere Finanzdiktion" aus den Ländern gebe, die das Geld gäben. "Das müsste - was durchaus in den Rettungsschirmen angedacht ist - mit dem Versprechen und auch der Durchsetzung der Forderung geschehen, die Staatshaushalte sukzessive in ein Gleichgewicht zu führen", sagte der HWWI-Direktor.
All dies könne nicht schnell geschehen. "Was immer wir tun, der Schuldenberg wird in nahezu allen gefährdeten Ländern bis 2015/2016 weiter steigen, weil die Länder in tiefen Rezessionen stecken", sagte der HWWI-Direktor. Griechenland, Spanien, Irland und Portugal seien in einer Schuldenfalle gefangen. Kurzfristige Lösungen sind daher ausgeschlossen. "Alles andere ist völlige Illusion", betonte der HWWI-Direktor.
Webseite: www.hwwi.org
-Von Beate Preuschoff, Dow Jones Newswires, +49 (0)30 - 2888 4122, [email protected]
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