Analyse: Luftangriff mit politischem Nachbeben

26. November 2009, 20:40 Uhr · Quelle: dpa
Berlin (dpa) - Eine solche Aufregung hat es im Bundestag lange nicht gegeben. Zehn Stunden beherrschte der von einem deutschen Oberst angeordnete Luftangriff in Afghanistan Debatten und Stimmung der Abgeordneten.

Und auch nach dem mit Spannung erwarteten Auftritt des früheren Verteidigungs- und jetzigen Arbeitsminister Franz Josef Jung (CDU) am Abend erschien klar: Das war nicht Schlussstrich unter den Skandal. Das Frühwarnsystem der Bundesregierung hat versagt.

Mit voller Wucht trifft das neue schwarz-gelbe Kabinett nun, was Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bereits vor der Bundestagswahl hätte klären können: Die Konsequenzen aus den dramatischen Ereignissen vom 4. September, als die NATO auf Befehl des Bundeswehrobersts zwei von Taliban gekaperte und in einem Flussbett steckengebliebene Tanklaster nahe Kundus aus der Luft bombardieren ließ. Mit verheerenden Folgen. Bis zu 142 Menschen wurden getötet oder verletzt.

Der Reihe nach. Es begann am Donnerstagmorgen mit den ersten Sätzen von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in einer Rede zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Ohne Umschweife tat er kund, dass er den langjährigen Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, und seinen Staatssekretär Peter Wichert entlassen hat - auf deren Wunsch. Der Grund: Im Ministerium wurden Informationen über zivile Opfer des Angriffs zurückgehalten. Schneiderhan und Wichert hätten die Verantwortung übernommen.

Der wunde Punkt war von Anfang die Frage, ob Zivilisten unter den zahlreichen Opfern sind. Kein Regierungsmitglied - von Merkel bis zum zu Guttenberg, räumte offensiv zivile Tote oder Verletzte ein. Erklärt wurde nur, dass es zutiefst bedauert würde, wenn es zivile Opfer gegeben haben sollte. Da half keine Untersuchung der NATO, die von «17 bis 142 Toten und Verletzten, darunter 30 bis 40 Zivilisten» sprach, und kein afghanischen Bericht über 30 getötete Zivilisten.

Am Donnerstagnachmittag dann Merkels Antwort auf die Frage, ob sie noch zu Jung stehe. Nach längerer Vorrede und der Vertrauensbekundung zu Guttenberg dieser Satz von ihr: Verantwortung in Afghanistan bedeute, «dass wir auch auf volle Transparenz dringen». Sie vertraue darauf, dass sich Jung «genau im gleichen Geiste» äußern werde. Nach allen Erfahrungen mit dramatischen politischen Entwicklungen werteten politische Beobachter dies als deutliche Distanzierung.

Am Abend schließlich Jungs Verteidigung. Er sei zwar von Schneiderhan über einen Feldjägerbericht informiert worden, der dem Verteidigungsministerium Anfang Oktober übermittelt wurde. Er habe den Bericht, der Angaben zu zivilen Opfern enthält, aber zur Weiterleitung an die NATO freigegeben - ohne konkrete Kenntnis. Die Union zollte Jung zwar Anerkennung für «seine klare Stellungnahme», befürworte aber zugleich einen Untersuchungsausschuss des Parlaments.

Für Linke und Grüne hat Jung mit seinen Angaben den nächsten schweren Fehler offenbart. Er hätte am selben Tag der Freigabe des Berichts an die NATO das Parlament darüber informieren müssen, meinte Trittin. So habe Jung nicht nur die Unwahrheit gesagt, sondern den Bundestag auch noch getäuscht. «Das gehört sich nicht für eine Demokratie.»

Ebenso legte Linksfraktionschef Gregor Gysi den Finger in die Wunde. «Nach welchen Kriterien geben Sie das frei, wenn Sie das nicht gelesen haben», fragte er. Für ihn ist Jungs Rücktritt die logische Folge der jetzigen Auseinandersetzung. «Sie werden letztlich keine andere Wahl haben. Ziehen Sie die Konsequenzen, das ist in Ihrem und in unserem Interesse», sagte Gysi. Und an Merkel gerichtet: «Wer war denn noch informiert, Frau Bundeskanzlerin?» Es handele sich um einen einmaligen Vorgang in der Bundeswehr, durch den mehr als 100 Menschen gestorben seien. «Warum gibt es keine Stellungnahmen?»

Kein Vorfall in dem nun seit acht Jahren andauernden Bundeswehreinsatz in Afghanistan und auch kein tödlicher Anschlag auf deutsche Soldaten hat den Bundestag und die Öffentlichkeit in Deutschland so beschäftigt wie dieser Angriff. Von Tag eins an hatte das Verteidigungsministerium eine allseits als schlecht und dürftig kritisierte Informationspolitik geliefert.

Früh entstand der Eindruck, Jung solle politisch über die Bundestagswahl am 27. September gerettet werden. Und erst just am Tag des Amtswechsels von Jung zu Guttenberg am 28. Oktober traf der Untersuchungsbericht der NATO ein, in dem von «Verfahrensfehlern» die Rede war. Jung musste sich dazu nicht mehr äußern. Und Guttenberg erklärte eine Woche später: «Selbst wenn es keine Verfahrensfehler gegeben hätte, hätte es zu dem Luftschlag kommen müssen.» Damit steht der 37-jährige Shooting-Star der Regierung nun plötzlich selbst in der Kritik. Die Opposition will, dass er diese Aussage korrigiert.

Bleibt die Frage, wie sich die Bundeswehr, die in Kundus unter realem Beschuss steht, in einem Krisenland mit «kriegsähnlichen Zuständen» (Guttenberg) verhalten soll. Der betroffene Oberst, der vier eigene Soldaten im Einsatz hat sterben sehen, wollte Schaden von der deutschen Truppe abwenden. Das darf ihm abgenommen werden. Ob er sich im Sinne des Völkerstrafrechts richtig verhalten hat, klärt jetzt erstmals die Bundesanwaltschaft. Für die Soldaten im Einsatz ist das alles höchst irritierend. Viele fühlen sich von der Politik zu Hause nicht richtig vertreten, wie ein Soldat beim Besuch von Guttenberg vor zwei Wochen in Kundus deutlich machte.

Konflikte / Bundeswehr / Afghanistan
26.11.2009 · 20:40 Uhr
[0 Kommentare]
CDU-Bundesparteitag am 20.02.2026
Stuttgart - Der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Jens Spahn (CDU), hat die besondere Bedeutung des am Freitagvormittag beginnenden CDU-Bundesparteitags hervorgehoben. "Es ist der erste Kanzler-Parteitag seit fünf Jahren, das ist an sich schon etwas Besonderes", sagte Spahn der "Bild". Mit Blick auf den Leitantrag zum Wohnungsbau fügte er […] (00)
vor 5 Minuten
Deutschland ist ein Land der Vielfalt – und das zeigt sich nirgendwo besser als auf seinen Straßen. Ob zerklüftete Küstenlandschaften im Norden, romantische Flusstäler im Westen oder majestätische Alpenpanoramen im Süden: Wer sich hinters Steuer setzt, erlebt die Bundesrepublik von ihrer schönsten Seite. Doch welche Strecken lohnen sich wirklich? Dieser […] (00)
vor 50 Minuten
AOC GAMING Q27G4ZD – Entwickelt für Geschwindigkeit und Klarheit
AGON by AOC – die weltweit führende Marke für Gaming-Monitore – präsentiert den 68,58 cm (27“) QHD-Gaming-Monitor  AOC GAMING Q27G4ZD. Das Modell bietet QD-OLED der 3. Generation, eine  Bildwiederholrate von 280 Hz, eine  Reaktionszeit von 0,03 ms  (GtG),  VESA DisplayHDR True Black 400  Zertifizierung sowie eine  Spitzenhelligkeit von bis zu 1000 Nits […] (00)
vor 1 Stunde
Birushana: Winds of Fate Fan Disc erscheint im Mai
Idea Factory International hat den westlichen Release der Fan Disc zu Birushana: Winds of Fate bestätigt. Das Spiel erscheint am 26. Mai 2026 physisch und digital für die Nintendo Switch in Nordamerika und Europa. Damit kehrt eine der beliebtesten Otome Visual Novels der vergangenen Jahre mit zusätzlichen Inhalten und neuen Routen zurück. Die […] (00)
vor 18 Minuten
VOXup zeigt siebte Staffel von «Chicago P.D.» als Free-TV-Premiere
Drei neue Folgen der US-Crimeserie laufen am 14. März ab 22: 00 Uhr erstmals im frei empfangbaren Fernsehen. VOXup setzt im März auf geballte Crime-Power und bringt die siebte Staffel von Chicago P.D. ins Free-TV. Ab Samstag, 14. März 2026, zeigt der Sender ab 22: 00 Uhr drei Episoden am Stück in deutscher Erstausstrahlung. Zum Auftakt steht die Episode „Zweifel“ auf dem Plan. Nachdem ein […] (00)
vor 1 Stunde
Dennis Schröder
Cleveland (dpa) - Die Cleveland Cavaliers bleiben in der nordamerikanischen Basketball-Liga NBA das Team der Stunde. Gegen die Brooklyn Nets gewann die Franchise um den vor wenigen Wochen gedrafteten Nationalmannschaftskapitän Dennis Schröder mit 112: 84 – und damit das sechste Spiel in Folge. Insgesamt entschied der Vierte der Eastern Conference elf […] (00)
vor 2 Stunden
bitcoin, crypto, finance, coins, money, currency, cryptocurrency, blockchain, investment, closeup
In dieser Woche werfen wir einen genaueren Blick auf die Kursentwicklungen von Ethereum, Ripple, Cardano, Binance Coin und Hyperliquid. Ethereum (ETH) Ethereum verzeichnete eine weitgehend stabile Woche mit einem Anstieg von nur 1%. Käufer konnten die wichtige Unterstützung bei $1.800 verteidigen. Der Verkaufsdruck lässt nach, was auf eine […] (00)
vor 23 Minuten
KI im Einzelhandel: Wie der Zebra TC501 Verkaufsflächen intelligenter macht
Düsseldorf, 20.02.2026 (PresseBox) - Der Einzelhandel steht vor einem grundlegenden Wandel. Kund: innen erwarten jederzeit verfügbare Ware, korrekte Preise, kurze Reaktionszeiten und reibungslose Abläufe – stationär wie omnichannel. KI im Einzelhandel ist dabei längst kein Zukunftsthema mehr, sondern ein entscheidender Hebel für effizientere Prozesse […] (00)
vor 1 Stunde
 
Andrew
London (dpa) - Das Vereinigte Königreich steht am Morgen nach der Festnahme des […] (00)
Katharina Dröge und Britta Haßelmann (Archiv)
Berlin - Die Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, Katharina Dröge und […] (04)
Bernd Lange (Archiv)
Brüssel - Der Vorsitzende des EU-Handelsausschusses, Bernd Lange (SPD), fordert, dass […] (00)
Markus Söder und Boris Rhein (Archiv)
München/Wiesbaden - Die Ministerpräsidenten von Bayern und Hessen sowie der CDU- […] (05)
Eric Dane
Los Angeles (dpa) - In der Krankenhaus-Serie «Grey's Anatomy» hatte er den Spitznamen […] (00)
Rumer Willis
(BANG) - Rumer Willis behauptet, sie arbeite in vier verschiedenen Jobs, um für ihre […] (00)
compass, newspaper, finance, direction, business, advisor, west, north, future, numbers
Der Bergbaugigant Rio Tinto steht vor den Herausforderungen eines signifikanten […] (00)
Olympische Winterspiele 2026
Bormio (dpa) - Nur wenige Momente haderte Tatjana Paller nach der verpassten Medaille […] (06)
 
 
Suchbegriff