Filmkritik - Twentynine Palms (2004)
 
 

Twentynine Palms

DVD / Blu-ray / iTunes :: IMDB (5,2)
Regie: Bruno Dumont
Darsteller: Yekaterina Golubeva, David Wissak
Laufzeit: 119min
FSK: ab 16 Jahren
Genre: Horror, Drama (Frankreich)
Verleih: Second Order Film
Filmstart: 12. April 2007
Bewertung: n/a (0 Kommentare, 0 Votes)
Twentynine Palms ist ganz offensichtlich ein Liebesfilm. Denn der Zuschauer erlebt ein Liebespaar in der kalifornischen Wüste, das tut, was Liebende tun: sich lieben, im Motel, im Pool, auf Stein und Fels. Die Landschaftsmotive, die David als Fotograph für seinen Auftraggeber sucht, bilden die umwerfende Szenerie für die Wucht dieser Liebe. Die Geschichte von Twentynine Palms scheint also einfach und schnell erzählt. Wäre da nicht der Regisseur Bruno Dumont, der schon mit seinen früheren in Cannes ausgezeichneten Filmen La Vie de Jésus, L´Humanité und jüngst mit Flandres für Aufmerksamkeit und Aufruhr sorgte. Denn Dumont ist ein Meister in der Bebilderung des Unaussprechlichen. Er stellt keine Fragen und hat mithin keine Antworten, zaubert in seinen filmischen Ausdruck jedoch menschliche Abgründe, dass es einem die Sprache verschlägt. Und so ist Twentynine Palms viel mehr und etwas ganz anderes als eine Love Story. Es geht buchstäblich um die nackte Existenz und damit um die Unvereinbarkeit zweier Menschen, die sich vereinen, es geht um zivilisatorische Brüchigkeit und deshalb um Gewalt. Ohne moralische Bewertung oder die Herleitung von Handlungsmotiven zeigt Dumont die Energie, die die Welt zusammenhält. Ganz banal als Bedarf für Bewegung ist Kraftstoff und Wind von den ersten Szenen an präsent. David und Katia verlassen Los Angeles in einem Geländewagen. David steuert das Auto, Katia ist müde und schläft auf dem Beifahrersitz. Das Benzin geht zur Neige, man muss zum Tanken an eine Tankstelle. Die Beiden steigen aus und stehen klein und bewundernd in einem Windanlagenpark. Subtil und scheinbar nicht der Rede wert kommen die zwischenmenschlichen Energiefelder ins Spiel. David und Katia fahren weiter. Katia macht einen klassischen Fehler und fragt: „Woran denkst Du?“ Darauf David: „Ich denke nicht, ich fahre.“ Auf diese Weise geraten sie in eine Endlosschleife der Verärgerung, die weder durch Sprechen, noch mit Schweigen zu stoppen ist. Man kann höchstens der emotionalen Aufladung eine andere Richtung geben ... ... überwältigend körperlich erleben David und Katia die Kraft ihrer Liebe. Nachdem Sie ein Zimmer in einem Motel genommen haben, treffen sie sich im Pool wieder. David bewegt sich langsam auf Katia zu, die am anderen Ende des Pools nun ihrerseits schmollend paddelt. Ein Alligator auf Beutefang oder ein sehnsüchtiger Liebhaber? In diesem Fall letzteres – oder beides – David erobert Katia und sie ist bald genüsslich bei der Sache. Das ist der Auftakt einer naturgewaltigen Reise zweier von der Liebe bewegten Menschen. Mal regelrecht getrieben, mal entspannt schlendernd, zeichnen die beiden ein emotionales Panorama, das den Bogen von unbedarfter Heiterkeit bis zu leidenschaftlichen Ausbrüchen spannt. Grenzenlos wie die kalifornische Wüste geben sich David und Katia ihrer Passion hin, die kaum der Sprache bedarf. Angesichts der Radikalität des körperlichen Erlebens ist der Gipfel stimmlicher Begleitung letztlich der Schrei, dem kein noch so überzeugtes „Ich liebe dich“ gleichkommt. Und der auch sprachloser Ausdruck von Schmerz und Leid ist. Da passt es nur ins Bild, dass David und Katia keine gemeinsame Sprache haben. Denn David ist Amerikaner, Katia ist Russin und sie versuchen, sich auf Französisch zu verständigen. Wohin führt Dumont das Paar und das Publikum schlussendlich? Die anfangs kaum spürbare, später deutliche Spannung bleibt vage, es gibt kaum Hinweise auf zukünftige Ereignisse. Es ist die urtümliche „Angst vor dem schwarzen Mann“, die den Zuschauer erfasst. Keine reale Gefahr begründet die Furcht, es ist das Bedrohliche des Ungewissen schlechthin, das umso stärker wirkt, je weniger konkret es ist. Twentynine Palms ist darum, ohne jeden Genrewechsel, Liebesgeschichte wie Horrorfilm in einem. Der Regisseur vollbringt dies mit Hingabe zum Extrem und ganz bewusst. In einem Interview sagt er 2003 auf die Frage, man habe den Eindruck dass der Horror aus dem Paar heraus entsteht?: „Es ist zunächst und vor allem ein Liebesfilm.“ Und später: „Ich wollte einen Horrorfilm machen, ich wollte Angst machen.“ Dabei benutzt er den „ganzen amerikanischen Kram“, wie er sagt, den wir als Bilder aus US-Filmen im Kopf haben. Die dort übliche feinsäuberliche Trennung von Gut und Böse wird jedoch radikal demontiert. David und Katia handeln bedürfnisorientiert und triebgesteuert, ohne Gut und Böse. Das ist so einfach und wahr wie der Titel des Films. Twentynine Palms ist ein gottverlassener Ort, an dem 29 Palmen stehen. Die großen Titel (L´Humanité – zu deutsch Menschheit und auch Menschlichkeit und La Vie de Jésus – Das Leben Jesus´) der ersten beiden Filme Dumonts, die auf gesellschaftliche und religiöse Werte verweisen, werden abgelöst durch schlichte Ortsbezeichnungen. Flandres (Flandern) heißt der jüngste Film des Regisseurs. Ob Twentynine Palms dennoch hinterrücks ein Kapitel der Moralgeschichte ist, „der Sündenfall nach Bruno Dumont“, wie die französische Tageszeitung Le Monde schreibt, möge der Zuschauer entscheiden.

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