Wulff will Migranten mehr in die Pflicht nehmen

19. Oktober 2010, 18:36 Uhr · Quelle: dpa

Ankara/Berlin (dpa) - Bundespräsident Christian Wulff hat vor dem Parlament in Ankara eine stärkere Eingliederung türkischer Einwanderer gefordert. «Sie gehören zu unserem Land», sagte Wulff am Dienstag inmitten der hitzig geführten Zuwanderungsdebatte.

Die Mitbürger türkischer Herkunft seien «herzlich willkommen», müssten sich allerdings verantwortungsvoll in die deutsche Gesellschaft einbringen. Zwischen Union und FDP ging unterdessen der Streit um die Zuwanderung insbesondere von Fachkräften weiter.

Die islamischen Länder rief Wulff auf, Christen die Ausübung ihres Glaubens zu ermöglichen. «Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei», sagte Wulff, der als erstes deutsches Staatsoberhaupt eine Rede vor dem Parlament in Ankara hielt. Am 3. Oktober hatte er am Tag der Deutschen Einheit Aufsehen erregt mit seiner Feststellung: «Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.»

In einem Interview mit der türkischen Zeitung «Hürriyet» sprach sich Wulff gegen einen Zuzugstopp aus der Türkei aus, wie ihn CSU- Chef Horst Seehofer verlangt hatte. «Zu behaupten, eine ganze Gruppe könne und wolle sich nicht integrieren, halte ich für falsch.» Seehofer zeigte sich in München unbeirrt: «Ich werde diese Meinung beibehalten.»

Der türkische Präsident Abdullah Gül warnte vor einer politischen Instrumentalisierung der Migrationsdebatte in Deutschland. Nötig seien mehr Hilfen etwa beim Erlernen der deutschen Sprache. «Jetzt sehen wir, wo in der Vergangenheit die Fehler gemacht wurden», sagte Gül.

Vor den Abgeordneten sprach Wulff die Probleme von Zuwanderern mit islamischem Hintergrund direkt an. «Dazu gehören das Verharren in Staatshilfe einiger, Kriminalitätsraten, Machogehabe, Bildungs- und Leistungsverweigerung.» Er ergänzte: «Durch multikulturelle Illusionen wurden Probleme regelmäßig unterschätzt.» Dies seien aber «beileibe» nicht nur Probleme von Einwanderern. An die Adresse der nach Deutschland ausgewanderten Türken sagte Wulff: «Als ihr aller Präsident fordere ich, dass jeder Zugewanderte sich mit gutem Willen aktiv in unsere deutsche Gesellschaft einfügt.»

Niemand solle seine kulturelle Identität aufgeben oder seine Herkunft verleugnen, sagte Wulff. Zuwanderer müssten aber die Menschenwürde, die freie Meinungsäußerung, die Gleichberechtigung von Mann und Frau und den religiös und weltanschaulich neutralen Staat achten. Muslime könnten in Deutschland ihren Glauben in würdigem Rahmen praktizieren. Die zunehmende Zahl der Moscheen zeuge hiervon.

«Gleichzeitig erwarten wir, dass Christen in islamischen Ländern das gleiche Recht haben, ihren Glauben öffentlich zu leben, theologischen Nachwuchs auszubilden und Kirchen zu bauen», betonte Wulff. In allen Ländern sollten die Menschen die gleichen Rechte und Chancen genießen. «Hier in der Türkei hat das Christentum zweifelsfrei eine lange Tradition.»

Die Türkei rief Wulff auf, den Weg nach Europa fortzusetzen. Deutschland sei an einer Anbindung der Türkei an die Europäische Union besonders interessiert, sagte der Bundespräsident. Die Verhandlungen über einen EU-Beitritt würden «in einer fairen und ergebnisoffenen Weise» geführt.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, sowie Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin lobten die Rede Wulffs. «Der Beitrag türkischer Zuwanderer für Deutschland ist nicht wegzudenken, und wir sind ihnen zu Dank verpflichtet», sagte Trittin.

Zwischen Union und FDP ging der Zuwanderungsstreit am Dienstag weiter. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) lehnte das von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) geforderte Punktesystem für ausländische Fachkräfte strikt ab. Im ZDF warf er Brüderle indirekt einen zu wirtschaftsfreundlichen Ansatz vor: «Es geht aber um Menschen, und nicht darum, dass den Arbeitgebern wie gebratene Tauben zu Billiglöhnen irgendwelche Leute zugeführt werden vom Staat.» Ihn ärgere, dass das Zuwanderungsrecht schlecht gemacht werde.

Der Innenminister begrüßte das geplante Gesetz zur beschleunigten Anerkennung ausländischer Abschlüsse. Laut Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) soll es Anfang 2011 in Kraft treten und bis zu 300 000 Fachkräften mit ausländischen Wurzeln die Anerkennung erleichtern.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) äußerte sich in Indien distanziert zur Absage von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) an eine «Multikulti»-Gesellschaft in Deutschland. In Neu Delhi sagte er, =Zuwanderer müssten die Regeln beachten. «Wenn sie unsere Werte und Gesetze akzeptieren, dann können sie auch ihre ursprüngliche Kultur und Religion praktizieren.»

Im Streit um angebliche Integrationsverweigerer nannte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Zahlen: Wegen Krankheit, Betreuung von Familienangehörigen oder einer Arbeitsaufnahme erscheint rund jeder fünfte Migrant nicht zum verpflichtenden Integrationskurs - die meisten holen es aber später nach.

Linke und Grüne warnten vor den am Vortag von der Koalition angekündigten Sanktionen gegen angebliche Integrationsverweigerer. Ausgrenzung führe zu weniger Integration. Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, warnte, die Integrationsdebatte könnte ausländische Studenten abschrecken.

Rede Wulff vor dem Parlament in Ankara

International / Bundespräsident / Türkei / Deutschland
19.10.2010 · 18:36 Uhr
[19 Kommentare]
Olaf Scholz (Archiv)
New York - Altbundeskanzler Olaf Scholz (SPD) soll für seine Verdienste um das jüdische Leben in Deutschland mit der Leo-Baeck-Medaille ausgezeichnet werden. Er soll den Preis des Leo-Baeck-Instituts am 28. April in New York erhalten, wie der "Tagesspiegel" (Donnerstagausgabe) berichtet. Als Laudator ist der frühere US-Außenminister Anthony Blinken […] (00)
vor 16 Minuten
Karol G hat enthüllt, dass ihr geraten wurde, sich nicht gegen die US-Einwanderungsbehörden zu äußern
(BANG) - Karol G hat enthüllt, dass ihr geraten wurde, sich nicht gegen die US-Einwanderungsbehörden zu äußern, da sie sich sonst angeblich Probleme mit ihrem Visum einhandeln könnte. Der kolumbianische Superstar bereitet sich darauf vor, an beiden Sonntagen beim Coachella-Festival in Indio, Kalifornien, als Headliner aufzutreten. Neben ihr gehören auch […] (00)
vor 11 Stunden
Die Apps Instagram, Facebook und WhatsApp auf einem Handy
Ellwangen/Berlin (dpa/tmn) - Nutzerinnen und Nutzer von Facebook und Instagram haben keinen rechtlichen Anspruch darauf, dass ihre personenbezogenen Daten ausschließlich innerhalb Europas gespeichert und verarbeitet werden. Das hat das Landgericht Ellwangen in einem Urteil entschieden (Az.: 3 O 480/24), auf das die Arbeitsgemeinschaft IT-Recht im […] (01)
vor 5 Stunden
Warum Benzin in Deutschland so teuer ist – und wie sich der Preis wirklich zusammensetzt
Wer aktuell an die Tankstelle fährt, kennt das Gefühl: Der Blick auf die Zapfsäule sorgt oft für Stirnrunzeln. Preise von rund zwei Euro pro Liter sind längst keine Seltenheit mehr. Viele fragen sich deshalb völlig zurecht: Warum ist Benzin eigentlich so teuer – und wer verdient daran wirklich? Die Antwort darauf ist deutlich komplexer, als es auf den […] (01)
vor 10 Stunden
«Saturday Night Live»: Prominente Hosts beenden 51. Staffel im Mai
Die Kultshow «Saturday Night Live» setzt zum Staffelfinale mit hochkarätigen Gästen an. Der US-Sender NBC hat die letzten drei Ausgaben der 51. Staffel von Saturday Night Live angekündigt. Im Mai übernehmen gleich mehrere prominente Namen die Moderation der traditionsreichen Sketch-Show – begleitet von bekannten Musik-Acts. Den Auftakt macht am 2. Mai Olivia Rodrigo, die sowohl als Host als […] (00)
vor 5 Stunden
FC Barcelona - Atlético Madrid
Barcelona (dpa) - Hansi Flick hat nach der Champions-League-Niederlage seines FC Barcelona mit Schiedsrichter Istvan Kovacs aus Rumänien und dessen Team gehadert. Beim enttäuschenden 0: 2 vor eigenem Publikum gegen Atlético Madrid stießen dem ehemaligen Bundestrainer vor allem zwei Szenen sauer auf: der Platzverweis von Verteidiger Pau Cubarsi (44. […] (00)
vor 15 Minuten
trading, investing, stocks, options, dow, nasdaq, downtown, profit, tesla, bitcoin
Der Bitcoin-Kurs hat einen starken Anstieg über die Marke von $70.500 verzeichnet. BTC konsolidiert derzeit seine Gewinne und könnte weitere Kursgewinne über der Zone von $71.650 anstreben. Bitcoin hat an Schwung gewonnen und die Marken von $70.500 und $71.500 überschritten. Der Kurs handelt über $70.200 und dem 100-Stunden-Durchschnitt. Ein neues […] (00)
vor 46 Minuten
ClickRent-Datenleck: 2,5 Millionen Kunden des Autovermieters betroffen
Lahr, 08.04.2026 (lifePR) - Beim spanischen Autovermieter ClickRent ist es offenbar zu einem massiven Datenschutzvorfall gekommen, der für Millionen Kunden erhebliche Folgen haben kann. Nach Berichten spanischer Medien vom 31. März 2026 und 1. April 2026 sollen rund 2,5 Millionen Datensätze betroffen sein; abgeflossen sein sollen unter anderem Ausweisdokumente, […] (00)
vor 11 Stunden
 
Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa besucht Berlin
Berlin (dpa) - Menschen aus Syrien haben seit dem Machtwechsel in Damaskus kaum noch […] (00)
Bundesregierung erwartet gebührenfreie Hormus-Passage
Athen/Teheran (dpa) - Der griechische Regierungschef Kyriakos Mitsotakis fordert nach […] (00)
Tankstelle (Archiv)
Wien - Trotz der jüngsten Entspannung an den Ölmärkten erwartet der Wirtschaftsweise […] (00)
US-Präsident Trump
Washington (dpa) - Donald Trump hat die Stopptaste gedrückt. Die Einigung auf eine […] (00)
«Actor Awards»: SAG-Awards-Termine bis 2028 stehen fest
Die SAG-AFTRA hat die nächsten Ausgaben der «Actor Awards» terminiert – übertragen wird erneut […] (00)
Starke Gewinne trotz Herausforderungen Delta Airlines hat Gewinne gemeldet, die die […] (00)
Tennis: ATP-Tour
Monte-Carlo (dpa) - Tennisstar Alexander Zverev hat einen Fehlstart in die […] (04)
Neues MacBook Neo mit 12 GB RAM und A19 Pro Chip erwartet
Nach einem aktuellen Bericht plant Apple im Jahr 2027 die Veröffentlichung eines […] (00)
 
 
Suchbegriff