Investmentweek

Wie Anleger mit „Fallen Angels“ die Zwangsverkäufe ausnutzen

07. Oktober 2025, 20:56 Uhr · Quelle: InvestmentWeek
Wie Anleger mit „Fallen Angels“ die Zwangsverkäufe ausnutzen
Foto: InvestmentWeek
Herabstufungen von Investment-Grade-Anleihen erzeugen Zwangsverkäufe in Milliardenhöhe – allein im US-Markt wechselten 2024 laut ICE-Daten mehr als 180 Milliarden Dollar solcher „Fallen Angels“ den Besitzer. Der technische Verk
"Fallen Angels" bieten Investoren die Möglichkeit, qualitativ hochwertige Anleihen nach Downgrades günstig zu kaufen. Mit systematischen Ansätzen können Überrenditen erzielt werden.

Der Moment, den alle hassen – und die Besten lieben

Herabstufung, Indexausschluss, Händler auf Autopilot: Wenn eine bislang solide Unternehmensanleihe in den High-Yield-Bereich fällt, setzt reflexartig der Verkauf ein. Für viele Fonds ist das Pflicht.

Für geduldige Käufer ist es eine Einladung. „Fallen Angels“ heißen diese Emissionen – Titel, die das IG-Siegel verlieren, kurzfristig über die Klinge springen und dann, oft schneller als gedacht, wieder atmen. Wer hier systematisch und diszipliniert agiert, erwirbt Qualität mit Abschlag.

Was „Fallen Angels“ sind – und warum sie entstehen

Definition: „Fallen Angels“ sind Anleihen, die von mindestens einer großen Ratingagentur aus dem Investment-Grade-Bereich (BBB-/Baa3 und besser) in den High-Yield-Bereich herabgestuft werden.

Mechanik:

  • Viele Anleihemandate dürfen High-Yield nicht halten.
  • Geräte die Bonität ins „Junk“-Segment, müssen diese Investoren verkaufen – unabhängig vom Preis.
  • Gleichzeitig ist der High-Yield-Markt kleiner als das IG-Universum. Zusätzliche Angebotsschübe treffen auf weniger Liquidität.

Folge: Zwangsverkauf + kleineres Aufnahmemodell = überzogene Spreads. Genau dort entsteht der Mehrertrag.

Der Preis der Panik: Wie der Spread-Überhang entsteht

Vor der Herabstufung weitet sich der Risikoaufschlag bereits spürbar aus, weil Gerüchte, negative Ausblicke und „Watch-Listen“ zirkulieren.

Mit dem offiziellen Downgrade kommt es meist zur zusätzlichen Spreadausdehnung – historisch im Durchschnitt rund 120 Basispunkte über das Niveau vergleichbarer High-Yield-Peers. Dieser „Verkaufsdruck-Aufschlag“ ist keine Gnade der Märkte, sondern ein technischer Effekt: Indexregeln, Mandatsgrenzen, Rebalancings.

Wird die Anleihe anschließend vom High-Yield-Markt „aufgenommen“, verengen sich die Spreads in den folgenden Quartalen häufig wieder – nicht, weil die Welt plötzlich rosarot ist, sondern weil die technische Verzerrung verschwindet und Fundamentalisten übernehmen.

Der Renditehebel: Was systematische Käufer historisch erzielt haben

Wer kurz nach der Herabstufung kauft und geduldig hält, wurde in der Vergangenheit häufig belohnt:

  • +3,1 Prozentpunkte Überrendite im ersten Jahr gegenüber High-Yield-Peers gleicher Laufzeit und Bonität.
  • +4,5 Prozentpunkte im Zweijahresfenster nach dem Ereignis.
  • Zeitraum der Auswertung: 2007 bis 2024, Basis ICE-Indizes (IG & HY).

Der statistische Grund ist bestechend simpel: Der technische Druck treibt die Bewertung unter faire Niveaus – die Rückkehr zur neuen Peer-Group ist die Ertragsquelle.

Nicht jeder Engel steigt wieder auf: Selektion entscheidet

Die gute Nachricht: Drei Viertel aller „Fallen Angels“ entwickeln sich in den Folgequartalen so gut wie oder besser als ihre Peers. Die schlechte: Das unterste Quartil hat ein „fat tail“ – wenige sehr schlechte Verläufe ziehen den Schnitt drastisch nach unten. Deshalb gilt:

Meiden Sie die schlechtesten fünf bis zehn Prozent.
Klingt banal, ist aber die ganze Kunst. Denn diese kleine Gruppe frisst einen Großteil der Zusatzrendite auf.

Negativfilter – rote Flaggen vor dem Einstieg:

  • Strukturelle Probleme (Geschäftsmodell erodiert, nicht nur Zyklusdelle).
  • Refi-Mauer in den nächsten 12–24 Monaten ohne glaubwürdige Liquiditätsquelle.
  • Covenant-Risiken (schwache Sicherheiten, hoher Spielraum für weitere Verschuldung).
  • Governance-Mängel (aggressive Bilanzpolitik, undurchsichtige Related-Party-Deals).
  • Rechtsrisiken (anhängige Verfahren, regulatorische Einschnitte).

Positivfilter – was Fallen Angels „heilbar“ macht:

  • Temporäre, zyklische Ertragsdelle statt strukturellem Schaden.
  • Nachweisbare Kostensenkungsprogramme und glaubwürdige Assetverkäufe.
  • Nicht-kernrelevante Downgrades (z. B. eine einzelne, lösbare Kennzahl reißt – nicht die Cash-Maschine).
  • Sponsoren-Stütze (starke Eigentümer, Bankenlinien, staatliche Backstops in regulierten Sektoren).

Timing und Taktik: Wann der Einstieg am besten funktioniert

  1. „Event-nah“ kaufen: Die höchste Prämie entsteht um das Rating-Ereignis. Warten auf „Bestätigung“ kostet oft die halbe Chance.
  2. Tranchen statt Volltreffer: Staffeln in zwei bis drei Blöcken (T0, T+10 Tage, T+30 Tage). So fängt man Nachzügler-Abgaben auf – etwa wenn passive Vehikel mit Verzögerung rebalancieren.
  3. Horizont von zwölf Monaten: Der technische Druck verebbt innerhalb eines Jahres am stärksten. Wer nach neun bis 18 Monaten rebalanciert, sichert die Prämie und begrenzt Fundamentalrisiken.

Konstruktion eines Fallen-Angel-Sleeves – so bauen Profis

Universum: Neu herabgestufte Emissionen aus BBB-/Baa3 nach BB-Segment, Laufzeit 2–7 Jahre.
Filter:

  • Mindestgröße der Tranche (Liquidität),
  • keine „going-concern“-Gefahr (Zinsdeckung > 1,5x, freie Liquidität > 12 Monate),
  • Refikosten simulieren (Spread + Zinsstruktur) – kann der Emittent realistisch rollen?
    Gewichtung: Gleichgewichtet starten, dann risikoparity nach Spread-Duration.
    Exit-Regeln:
  • Spread-Einengung >100 bp vs. Einstieg oder
  • Rating-Stabilisierung (Outlook auf „stable“) oder
  • Neue Negativ-Events ⇒ Stop-Loss/Reduktion.
    Risikobudget: Max. 15–20 % des HY-Buckets als Fallen-Angel-Sleeve; Einzelemittent < 2 % des Gesamtportfolios.

Warum Europa jetzt besonders spannend ist

Die tektonischen Schocks (Handelskonflikte, Zölle, exogene Kostensprünge) treffen US-Unternehmen früher – über Löhne, Energie, Finanzierung. Europäische Emittenten wurden in vergangenen Zyklen oft später und überschießend herabgestuft. Das macht den hiesigen Markt für selektive Fallen-Angel-Strategien attraktiv: weniger heiß gelaufen, mehr Fehlbewertungen, häufig bessere Sicherheitenstrukturen – und Investoren, die bei Downgrades besonders regelgebunden reagieren.

Fallstricke: Wo Anleger sich am häufigsten irren

  • „Billig ist günstig“ – Irrtum. Ein hoher Spread kann reine Liquiditätskompensation sein – oder der Vorbote einer Rekapitalisierung.
  • „BBB-minus ist sicher“ – Irrtum. Das Etikett zählt weniger als die Refi-Landkarte der nächsten 24 Monate.
  • „Der Index fängt alles auf“ – Irrtum. Im Übergang fliegt die Anleihe aus IG-Indizes und ist im HY-Index noch untergewichtet – temporäre Käuferlücke inklusive.
  • „Zwei Agenturen, zwei Meinungen“ – gefährlich. Ein zweites Downgrade kann die zweite Verkaufswelle auslösen.

Praxisnah: Ein Muster-Case ohne Namen

Industrieemittent, BBB- → BB+, 5-jährige Anleihe, Kupon 3,00 %. Vor dem Downgrade Handel bei T+180 bp, am Tag danach T+340 bp (–6 % Kurs). Fundamentaldaten: zyklische Gewinnschwäche, aber hohe unbesicherte Liquiditätslinien, geplante Assetverkäufe. Kauf in zwei Tranchen über 30 Tage.

Neun Monate später: Spread T+230 bp, Kurs +4 % zzgl. Kupon – Gesamtertrag ~8–9 %. Keine Wunder, nur Normalisierung.

Wie IG- und HY-Manager jeweils optimal reagieren

Aus IG-Sicht: Wer nicht sofort liquidieren muss, verkürzt die Positionsreduktion (z. B. in Tranchen) und nutzt Sekundärliquidität, statt im ersten Abverkauf die Spitze zu treffen. Ergebnis: weniger Slippage, geringere Opportunity-Costs.

Aus HY-Sicht: Breit kaufen führt bereits zu Überrendite – besser ist selektiv: die schlechtesten 5–10 % meiden (Governance, Refi-Mauern, Rechtsrisiken). Das hebt das Portfolioergebnis signifikant, ohne das Risiko proportional zu erhöhen.

Operative Checkliste – in fünf Punkten

  1. Ereignisradar: Rating-Outlooks, Watch-Negatives, Covenant-Trigger im Blick.
  2. Liquidität vor Rendite: Mindesttranche, aktives Dealer-Netz; keine „Single-Dealer-Trades“, wenn Panik herrscht.
  3. Refi-Simulation: Zinslast nach Refi vs. EBITDA, FCF-Break-Even, Asset-Backstops.
  4. Dokumente lesen: Covenants, „incurrence vs. maintenance“, Security Packages – nicht blind auf Secondaries verlassen.
  5. Disziplinierter Exit: Datenbasiert glattstellen, nicht „verlieben“.

Warum der Ansatz gerade jetzt wieder Sinn ergibt

Geopolitische Zölle, migrations- und industriepolitische Kosten, fragile Lieferketten, schwankende Energiepreise: All das erhöht die Wahrscheinlichkeit von Downgrade-Clustern am „BBB-Rand“. Gleichzeitig bleibt die Suche nach Rendite im Anleihemarkt groß. In dieser Gemengelage entstehen die klassischen Fehlbewertungen, die Fallen-Angel-Strategien brauchen: zu viel erzwungener Verkauf in kurzer Zeit, zu wenig natürliche Käufer – bis die Spreads schlicht zu hoch sind.

Mut ist eine Methode

„Fallen Angels“ sind kein Bauchgefühl-Trade, sondern ein prozessgetriebenes Handwerk. Wer Regeln hat, Daten prüft und Liquidität managt, kauft Panikrabatte und verkauft Normalisierung. Mehr ist es nicht – und auch nicht weniger.

Die Lektion für Profis bleibt zeitlos: Der Markt übertreibt am Ereignistag – Ihre Rendite entsteht am Tag danach.

Finanzen / Anleihen / Fallen Angels / High-Yield / Investment-Grade
[InvestmentWeek] · 07.10.2025 · 20:56 Uhr
[0 Kommentare]
btc, bitcoin, cryptocurrency, currency, crypto, gold, digital, blockchain, cryptography, 3d
Bitcoin bewegt sich weiterhin im Bereich von $66.000, nachdem die letzte Handelswoche von einer Korrekturwelle geprägt war. Die führende Kryptowährung befindet sich seit Oktober 2025 in einem Bärenmarkt, der bisher zu einem Rückgang von 52 % vom Allzeithoch des Zyklus geführt hat. Jüngste On-Chain-Daten zeigen jedoch positive Entwicklungen, die eine […] (00)
vor 1 Stunde
Mohamed Abdilaahi
San Juan Capistrano (dpa) - Mohamed Abdilaahi hat den deutschen Uralt-Rekord von Dieter Baumann über 10.000 Meter auf der Bahn geknackt. Beim Lauf-Meeting in San Juan Capistrano in Kalifornien unterbot der 27-Jährige vom Club Cologne Athletics in 26: 56,58 Minuten die fast 29 Jahre alte Bestmarke von Dieter Baumann um mehr als 24 Sekunden (27: 21,53 […] (00)
vor 3 Minuten
Rekord! Immer mehr Hochschulabsolventen haben kein Abi
Diese beiden Trends gehen auseinander: Der Andrang auf die Gymnasien ist groß, gleichzeitig gibt es immer mehr Hochschulabsolventen und Studenten ohne Abi. Berufserfahrung wird immer mehr zum Eintrittstor fürs Studium. Seit 2009, dem Jahr, als es die Möglichkeit zum ersten Mal gab, haben in Deutschland bereits mehr als 100.000 beruflich qualifizierte […] (00)
vor 6 Stunden
Review: Alltagshelfer auf drei Rädern – Saugroboter Proscenic Q20 Plus
Saugroboter sind wie moderne Wichtel, während der Arbeitszeit oder dem Wochenendausflug gleiten sie durch die Wohnung und reinigen den Boden. Der Proscenic Q20 Plus setzt dafür laut Hersteller auf 10.000 Pa Saugleistung bei einem Geräuschpegel von circa 60 dB. Navigieren tut der Roboter mithilfe eines LiDAR-Systems sowie einer KI-Objekterkennung. Für […] (00)
vor 4 Stunden
Pokémon Pokopia Guide: Kristall-Fragmente finden und effektiv farmen
In Pokémon Pokopia sammelst du ständig Materialien, um Gebäude zu reparieren, neue Gegenstände herzustellen oder Quests abzuschließen. Während viele Ressourcen relativ leicht zu finden sind, gibt es ein Material, das bei Spielern immer wieder für Frust sorgt: Kristall-Fragmente. Diese kleinen blauen Splitter gehören zu den seltensten Rohstoffen im […] (01)
vor 20 Stunden
ZDF zeigt «Operation Fortune» im Montagskino
Guy Ritchies Actionkomödie läuft Ende April erneut im Free-TV, gefolgt von einem deutschen Coming-of-Age-Film. Das ZDF setzt am Montag, den 27. April 2026, um 22: 15 Uhr im „Montagskino“ auf Hollywood-Unterhaltung: Mit Operation Fortune zeigt der Sender die Actionkomödie von Guy Ritchie aus dem Jahr 2022. Der Film war bereits im vergangenen Jahr bei RTL zu sehen und erreichte dort solide […] (00)
vor 2 Stunden
Katalonien-Rundfahrt
Barcelona (dpa) - Die letzten Attacken von Florian Lipowitz auf dem olympischen Berg Montjuic verpufften, und doch durfte sich der deutsche Radstar in Barcelona als Gewinner fühlen. Der dritte Gesamtrang hinter dem überragenden Jonas Vingegaard und dem Franzosen Lenny Martinez bei der schweren Katalonien-Rundfahrt war auch ein Fingerzeig für die Tour de […] (00)
vor 1 Stunde
In einem sich neu ordnenden Rohstoffmarkt setzt Green Bridge Metals auf heimische Zukunftsrohstoffe
Lüdenscheid, 29.03.2026 (PresseBox) - Green Bridge Metals Corp. (ISIN: CA3929211025; WKN: A3EW4S) , freut sich, ein Update zu seinem laufenden Phase-1-Diamantkernbohrprogramm dem Projekt “Titac” bereitzustellen, das sich im “South Contact District” des Unternehmens im Nordosten des US-Bundesstaates Minnesota befindet. Das Projekt “Titac” beherbergt […] (00)
vor 8 Stunden
 
Logistik-Super-GAU am Golf: Der 400-Milliarden-Euro-Todesstoß für die Weltwirtschaft
Rauchwolken über dem Hafen Jebel Ali markieren das Ende der bisherigen Logistik- […] (00)
cryptocurrency, business, finance, money, wealth, gold, cash, monetary, investment, ethereum
Der Derivatemarkt von Solana zeigt derzeit Signale, die auf den Preisdiagrammen nicht […] (00)
Trumps 15-Punkte-Poker: Der verzweifelte Plan gegen den totalen Wirtschafts-Kollaps
Der Parkett-Boden in Frankfurt bebt unter einer Mischung aus Euphorie und nackter […] (00)
Großeinsatz der Polizei in Witten
Witten (dpa) - Bei einem Messerangriff in der Ruhrgebietsstadt Witten ist am Samstag […] (01)
PlayStation 5 wird drastisch teurer
Früher wäre so etwas undenkbar gewesen: Eine mehr als fünf Jahre alte Spielekonsole […] (01)
Julian Nagelsmann
Stuttgart (dpa) - Julian Nagelsmann wird seinen Kader für die Fußball-WM am 12. Mai […] (03)
Kabel Eins trotzt der Konkurrenz und fährt besten True-Crime-Freitag des Jahres ein
Die Wette auf die gestrige Freitags-Leistung von Kabel dürfte wohl niemand gehalten haben. […] (00)
btc, bitcoin, cryptocurrency, currency, crypto, gold, digital, blockchain, cryptography, 3d
Aktuelle Daten von Santiment zeigen, dass die bearishe Stimmung in sozialen Medien […] (00)
 
 
Suchbegriff