US-Wiederaufbauplan für die Ukraine sorgt für Streit mit Europa
Ein „entscheidender Moment“ – und ein verdeckter Machtkampf
Eine Mitteilung des Kanzleramts am Mittwochabend ließ bereits erahnen, wie brisant die kommenden Tage werden. Nach einem Telefonat zwischen Bundeskanzler Friedrich Merz, US-Präsident Donald Trump sowie den europäischen Regierungschefs Emmanuel Macron und Keir Starmer war die Rede von einem „entscheidenden Moment“ in den Verhandlungen.
Hinter den Kulissen gingen die Gespräche jedoch weit über militärische Fragen hinaus. Laut „Wall Street Journal“ kam es zu einem scharfen Schlagabtausch über den wirtschaftlichen Wiederaufbau der Ukraine – und darüber, wer diesen kontrollieren soll.
US-Papier zum Wiederaufbau: Milliarden für US-Firmen
Im Zentrum steht ein vertrauliches Dokument der US-Regierung, das Europa offenbar nur zur Kenntnisnahme erhielt. Darin legt Washington seine Vision für die Verwendung der eingefrorenen russischen Vermögenswerte in Höhe von rund 183 Milliarden Euro dar. Diese sollen nicht primär an die Ukraine gehen, sondern über US-Unternehmen in Wiederaufbauprojekte fließen.
Beschrieben werden darin unter anderem Großprojekte wie „massive Rechenzentren“, angeblich betrieben mit Energie aus dem besetzten Kernkraftwerk Saporischschja.
Die Botschaft ist klar: Die USA wollen wirtschaftliche Kontrolle – und langfristige Gewinne.
Witkoff, Kushner – und plötzlich Larry Fink
Am Mittwoch schalteten sich Trumps Chefverhandler Steve Witkoff und Jared Kushner per Videokonferenz mit Präsident Selenskyj zusammen. Doch die eigentliche Überraschung waren zwei zusätzliche Teilnehmer: US-Finanzminister Scott Bessent und Blackrock-Chef Larry Fink.
Die Anwesenheit Finks zeigt, wie konkret Washington seine Pläne bereits vorantreibt. Blackrock gilt als der wichtigste Vermögensverwalter der Welt – ein Akteur, der über Expertise im Aufbau großer Fondsstrukturen verfügt. Genau das sieht das US-Papier offenbar vor: einen gigantischen, von den USA verwalteten Wiederaufbaufonds.
Ein Konzept, das Europa aushebelt
Für die Europäer ist dieses Vorgehen heikel. Sie hatten sich dafür eingesetzt, die „frozen assets“ direkt zur Unterstützung der Ukraine zu verwenden – für Infrastruktur, humanitäre Programme und den Kauf europäischer Waffen. Doch Washington hält diese Strategie für ineffizient.
Mehrere US-Beamte argumentieren laut WSJ, Europa würde die Gelder zu schnell verbrauchen. Die USA hingegen wollen Private-Equity-Experten und Finanzprofis der Wall Street einsetzen, um die Vermögenswerte gewinnbringend anzulegen. Ihr Ziel: den Fonds auf bis zu 800 Milliarden Dollar wachsen zu lassen.
Für Merz, einst Aufsichtsratschef von Blackrock Deutschland, ist die Botschaft gleich doppelt pikant.
Europas Druck – und wachsende Zweifel
Merz wirbt seit Wochen dafür, die eingefrorenen Vermögen freizugeben, zuletzt gemeinsam mit Ursula von der Leyen in Brüssel. Doch Belgiens Premier Bart De Wever blockiert weiterhin – aus Angst, am Ende allein für Rückzahlungsrisiken zu haften. Bis zum 18. Dezember will Merz eine Lösung finden. Die Enthüllungen über Washingtons Pläne machen dies nicht einfacher.
Selenskyj zeigte sich am Mittwoch vorsichtig optimistisch. Viele Ideen könnten „Erfolg haben“, sagte er, betonte aber, dass Sicherheit Voraussetzung für jedes wirtschaftliche Wachstum sei.
Werden territoriale Fragen zur Nebensache?
Die größten Befürchtungen Europas gehen jedoch weit über die Vermögensfrage hinaus. Sollte Washington bei seinen wirtschaftlichen Interessen bleiben, könnten politische Kompromisse folgen, die für die Ukraine kaum tragbar wären – etwa Gebietsabtretungen oder wirtschaftliche Deals mit Russland.
Laut WSJ erwägt die US-Regierung Vereinbarungen mit Russland zur Förderung seltener Erden oder zur Ölförderung in der Arktis. Auch diese Punkte tauchten bereits im umstrittenen 28-Punkte-Plan auf.
Die kommenden Tage entscheiden
Trump erklärte am Mittwoch, man wolle „keine Zeit verschwenden“. Merz dagegen zeigte sich „skeptisch“ gegenüber den Vorschlägen der Amerikaner. Am Wochenende wird zunächst in Paris weiterverhandelt, am Montag in Berlin – dann erneut mit Witkoff und Kushner zugeschaltet.
Die Rolle Larry Finks bleibt ein Symbol für den neuen Schwerpunkt Washingtons: Friedensverhandlungen, in denen wirtschaftliche Interessen im Zentrum stehen – und geopolitische Fragen zur Verhandlungsmasse werden könnten.


