US-Börsen auf Rekordkurs trotz geopolitischer Spannungen und fragiler Marktstruktur
Starke Unternehmenszahlen und solide Konjunkturdaten haben den US-Aktienmärkten zum Quartalsende neue Allzeithochs beschert – der S&P 500 sowie der Nasdaq Composite notierten zuletzt auf Rekordniveau. Dabei fällt besonders die Rückkehr des Tech-Sektors ins Auge: Nvidia legte binnen weniger Wochen 17 % zu, Meta sogar 25 %. Auch Microsoft profitierte mit einem Plus von 18 %.
Palantir Technologies (+73 %) und Broadcom (+16 %) spiegeln das Comeback des AI-Trades wider, nachdem chinesische Konkurrenzmodelle wie DeepSeek zu Jahresbeginn noch Milliarden an Marktkapitalisierung aus dem Sektor abgezogen hatten.
Doch unter der glänzenden Oberfläche zeigen sich Risse. Während Wachstumswerte florieren, hinken traditionell zyklische Sektoren wie Small Caps und Consumer Discretionaries hinterher. Auch Defensivbranchen wie Versorgeraktien übertreffen mit einem Plus von über 5 % den breiten Markt – ein Zeichen, dass Investoren sich absichern.
Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe ist auf 4,283 % gefallen, ein Rückgang gegenüber dem Jahresende (4,577 %) – ein weiteres Indiz für wachsende Skepsis. Zugleich notiert der US-Dollar 8,1 % schwächer, belastet durch Sorgen um das Haushaltsdefizit und die fiskalpolitische Linie der Trump-Regierung. Die US-Notenbank hat vorerst Abstand von weiteren Zinssenkungen genommen.
Trotz alledem bleibt der Risikoappetit hoch: Der Bitcoin kletterte über die Marke von 100.000 US-Dollar. Coinbase konnte sich im Jahresverlauf um 130 % erholen. Politisch wurde dies von Trumps pro-krypto Haltung und Gesetzesinitiativen im Kongress flankiert, die eine stärkere Integration digitaler Währungen in das Finanzsystem anstoßen sollen.
Gleichzeitig warnen Analysten, dass die Rückkehr protektionistischer Maßnahmen – Stichwort: neue US-Zölle – mittelfristig Inflationsrisiken erhöhen und Unternehmensgewinne schmälern könnten. Saira Malik von Nuveen rechnet mit einem spürbaren Effekt in den kommenden Monaten: „Ob die Zölle sich in der Inflation zeigen, sehen wir noch nicht – aber es wird kommen.“
Während die Ertragserwartung für den S&P 500 im laufenden Jahr von ursprünglich 14,3 % auf 9,4 % reduziert wurde, rechnen Analysten für 2026 wieder mit einem Anstieg von 13,7 %. Doch ob die Märkte diesen Pfad halten können, bleibt fraglich. Die Bewertung des S&P 500 liegt aktuell bei 22-fachem erwarteten Gewinn – deutlich über dem 10-Jahres-Durchschnitt von 18,7.
„Das ist kein klassisches Bullenmarkt-Setup“, resümiert David Lundgren von Little Harbor Advisors. „Das Umfeld ist brüchig – wer jetzt blind in Aktien investiert, unterschätzt die strukturellen Risiken.“

