Nach dem Putsch

Überleben im Schutz des Dschungels von Myanmar

01. Februar 2023, 00:58 Uhr · Quelle: dpa
Vor zwei Jahren putscht sich die Junta in Myanmar an die Macht. Das Grauen, das sie verbreitet, wird international oft vergessen. Eindrücke aus einem Flüchtlingscamp im Dschungel.

Naypyidaw/Bangkok (dpa) - Khin Khin führte ein glückliches Leben nahe der Stadt Hpa-an im Südosten von Myanmar, als sich vor zwei Jahren schlagartig alles änderte. Die Region mit ihren zahlreichen Höhlen und Pagoden lockte bis dahin auch Touristen aus aller Welt. Die 44-Jährige arbeitete als Krankenschwester. Verheiratet, Mutter von drei Kindern. Ihr Ehemann war Mitglied der Nationalen Liga für Demokratie (NLD), der Partei der damaligen Regierungschefin Aung San Suu Kyi. Als das Militär putschte und die Soldaten kamen, war die Familie gerade nicht zu Hause. Das war ihre Rettung.

Heute lebt Khin Khin als Binnenvertriebene im Dschungel des Bundesstaates Karen an der Grenze zu Thailand. «Ich kann erst nach Hause zurückkehren, wenn Min Aung Hlaing tot ist», sagt sie. Gemeint ist jener General, der als Drahtzieher des Umsturzes vom 1. Februar 2021 gilt - und der mit Russland einen mächtigen Verbündeten hat.

Seit jenem verhängnisvollen Tag ist das frühere Birma, das gerade auf dem Weg zu demokratischen Reformen war, unaufhaltsam zurück in die Tage früherer Militärdiktaturen geglitten. Suu Kyi wurde festgenommen und mittlerweile zu insgesamt mehr als 30 Jahren Haft verurteilt. Das Land ist zum Synonym für blutige Unterdrückung, Chaos und Verzweiflung geworden. Jeder Widerstand wird brutal unterdrückt. Die Junta schreckt dabei weder davor zurück, bei Luftangriffen wahllos Zivilisten zu töten, noch Oppositionelle zu Tode zu foltern.

Andere Krisen ziehen die Aufmerksamkeit auf sich

Nach jüngsten Schätzungen des nichtstaatlichen Think Tanks «Institute for Strategy and Policy - Myanmar» (ISP) sind seit dem Umsturz bereits zwei Millionen Menschen vor den Attacken und Festnahmen der Armee geflohen - und leben als Vertriebene im eigenen Land. Sie kommen aus Großstädten wie Yangon und Mandalay ebenso wie aus kleinen Dörfern. Oft haben sie sich tagelang durch den Dschungel gekämpft.

Die Welt blickt derzeit auf andere Orte des Grauens, den russischen Angriffskrieg in der Ukraine vor allem, oder den Bürgerkrieg in Syrien. Der Horror von Myanmar macht deshalb kaum noch Schlagzeilen. Aber für die meisten der 54 Millionen Einwohner des südostasiatischen Landes, das an Thailand, Laos, Indien, Bangladesch und China grenzt, sind die ständigen Übergriffe des Militärs schreckliche Realität.

Die singapurische Zeitung «Straits Times» stellte kürzlich fest: «Von der Ukraine bis nach Syrien und Myanmar, wir leben in einer Welt der Flüchtlinge.» Seit 1945 habe es nicht mehr so viele Vertriebene gegeben. «Ein Flüchtling zu sein - losgerissen von Heimat, Freunden, Besitz, Kultur - ist immer eine entsetzliche Zwangslage», so das Blatt. Das musste auch Maung Win erfahren, ein Polizist aus Yangon, der sich dem Widerstand angeschlossen hat.

Lebensbedingungen in Camps sind schlecht

Er rodet gerade Teile des Waldes, um bombensichere Unterschlüpfe zu bauen. Sie sollen die Flüchtlinge vor den Luftangriffen der Junta schützen. Genau wie Khin Khin lebt er derzeit in einem Gebiet, das von der mächtigen «Karen National Union» (KNU) kontrolliert wird. Die KNU ist die älteste bewaffnete Gruppe im Vielvölkerstaat Myanmar. Seit mehr als 70 Jahren kämpft sie für die Freiheit und bietet seit dem Putsch vielen Binnenvertriebenen Schutz.

«Ich werde es nie bereuen, diesen Weg gewählt zu haben, ich bin stolz darauf», sagte Maung Win (27) der Deutschen Presse-Agentur. «Mir wurde befohlen, mich dem Militär anzuschließen, aber ich lehnte ab und bin dem Widerstand beigetreten.» Als er erzählt, wie er Familie und Freunde hinter sich lassen musste, seufzt er tief.

Die meisten im Camp leben in kleinen Hütten oder Zelten. Sauberes Trinkwasser gibt es nicht. Viele leiden unter Krankheiten wie Durchfall. Medikamente sind knapp, Nachschub zu besorgen gefährlich. Um neue Siedlungen zu bauen, werden Waldstücke abgebrannt. In die Flammen werden Abfälle geworfen, weil die Menschen nicht wissen, wo sie sie sonst entsorgen sollen. Der Geruch ist beißend. Aber das Schlimmste ist die Ungewissheit. Werden sie je heimkehren können?

Viele Vertriebene sind Kinder

Auch im angrenzenden Karenni-Staat (auch Kayah-Staat genannt) haben sich viele in die Wälder geflüchtet. Nang Phaw war schwanger, als die Streitkräfte der Junta Anfang 2022 mit schweren Waffen ihr Dorf angriffen. «Ich hatte Todesangst, ich dachte, eine der Raketen würde mir direkt auf den Kopf fallen», erzählt die 28-Jährige. Sie sei einfach in die Dunkelheit hinausgerannt, ziellos, planlos, panisch. Seither ist sie ein Flüchtling - zum ersten Mal in ihrem Leben.

Nach Erhebungen der Organisation «Karenni Human Rights Group» sind 20 Prozent der Vertriebenen Kinder unter acht Jahren. Die meisten leiden an Mangelernährung. Hilfslieferungen unter anderem der Vereinten Nationen werden Menschenrechtlern zufolge immer wieder von der Junta blockiert. Eine Zahl, die zu denken gibt: Im Karenni-Staat leben 200.000 der knapp 300.000 Einwohner mittlerweile als Binnenvertriebene.

Immer wieder gibt es Berichte über Massaker an der Zivilbevölkerung. Eines der schlimmsten wurde Ende 2021 bekannt. Im Karenni-Staat wurden in verbrannten Fahrzeugen die verkohlten Leichen von mehr als 30 Menschen gefunden, darunter Kinder sowie zwei Mitarbeiter von Save the Children. «Das Militär hat Berichten zufolge Menschen aus ihren Autos gezwungen, einige festgenommen, andere getötet und ihre Körper verbrannt», teilte die Kinderhilfsorganisation damals mit und verurteilte den Angriff als Bruch des humanitären Völkerrechts.

Terror des Militärs: Dörfer werden angezündet

Zur Strategie des Militärs gehört auch, möglichst viele Häuser zu zerstören. Schätzungen zufolge sollen es bereits Zehntausende sein. «Das Militär will den Menschen Angst machen», ist Ko Tun überzeugt, der Vertriebenen hilft. Wenn es auch nur einen Verdacht gebe, dass sich irgendwo ein Mitglied des Widerstands verstecke, würde oft die ganze Ansiedlung niedergebrannt. «Dörfer anzuzünden halten die Soldaten für nützlich, darum machen sie es regelmäßig.»

Am meisten sorgen sich die Flüchtlinge um die Zukunft ihrer Kinder. Denn auf der weltweiten Bühne steht Myanmar nur selten oben auf der Agenda. «Ich muss meine derzeitige Situation akzeptieren, weil ich will, dass sie irgendwann in Freiheit leben können», sagt Min Min aus Yangon. Der 40-jährige Vater eines Sohnes und einer Tochter ist ebenfalls in den Dschungel an der Grenze zu Thailand geflohen. «Was aus mir wird, ist mir relativ egal, aber ich habe noch Hoffnung für meine Kinder und dass sich all die Opfer, die wir bringen, auszahlen. So dass wir eines Tages nach Hause zurückkehren können.»

Konflikte / Militär / Flüchtlinge / Putsch / Junta / Dschungel / Myanmar
01.02.2023 · 00:58 Uhr
[1 Kommentar]
Ostern in der Ukraine
Kiew/Moskau (dpa) - Die Ukraine hat Russland Hunderte Verstöße gegen die von Kremlchef Wladimir Putin selbst angeordnete Waffenruhe zum orthodoxen Osterfest vorgeworfen. Der ukrainische Generalstab in Kiew teilte am Abend mit, dass er 469 Verletzungen der Waffenruhe registriert habe. Es habe nicht nur Hunderte Angriffe mit Drohnen gegeben, sondern auch […] (10)
vor 4 Minuten
Perfekt vortrainiert? US-Flugbehörde wirbt gezielt Gamer als Fluglotsen an
Immer weniger junge Menschen bewerben sich in den USA als Fluglotsen. In den letzten zehn Jahren ging der Andrang um sechs Prozent zurück, während der Bedarf und die Durchfallerquote auf hohem Niveau verharrten. »Wo finden wir geeignete Leute für diesen anspruchsvollen Job?«, fragten sich die Mitarbeiter der Flugaufsichtsbehörde FAA, um […] (00)
vor 6 Stunden
Review: Ecovacs GOAT A1600 LiDAR Pro – Smarter Rasenmäher
Wer sich mit smarter Gartenpflege beschäftigt, stößt schnell auf den Ecovacs GOAT A1600 LiDAR Pro. Nach intensiver Auseinandersetzung mit verschiedenen Modellen verschiedener Hersteller habe ich mich bewusst für dieses Gerät entschieden – und nach mehreren Wochen täglichen Einsatzes bin ich restlos überzeugt. Für etwa 1.499 Euro erhält man einen […] (00)
vor 3 Stunden
Anno 117-DLC bringt Katastrophe – Release schon in wenigen Tagen
Die Ruhe ist vorbei. Nach dem Release von Anno 117: Pax Romana kehrt jetzt die erste große Herausforderung zurück und die hat es in sich. Mit dem ersten DLC steht nicht nur neuer Content an. Es geht um etwas, das deine gesamte Stadt bedrohen kann. Ubisoft hat es offiziell gemacht: Der erste DLC „Prophecies of Ash“ erscheint am 23. April. Damit […] (00)
vor 3 Stunden
Punk-Pop-Duo „Ottos Apfel“ träumt von der großen Bühne
Die ZDF-Reihe begleitet zwei Musiker, die mit Leidenschaft und Inklusion das Publikum begeistern. Das ZDF setzt seine Reihe einfach Mensch mit einer neuen Ausgabe fort: Am Samstag, 2. Mai 2026, um 12.00 Uhr steht die Folge „Joey Maurice und Maurice Rieger: Ottos Apfel rockt die Bühne“ auf dem Programm. Bereits seit dem 14. April ist die Dokumentation im Streaming abrufbar. Im Mittelpunkt […] (00)
vor 9 Stunden
FC St. Pauli - Bayern München
Hamburg (dpa) - Freistoß Joshua Kimmich, Volleyschuss Leon Goretzka: So hat der FC Bayern München in der Fußball-Bundesliga einen 54 Jahre alten Torrekord gebrochen. Zwischen den beiden Champions-League-Krachern gegen Real Madrid gewannen die Bayern mit 5: 0 (1: 0) beim FC St. Pauli und schossen dabei ihre Saisontreffer 101 bis 105. Die bisherige […] (00)
vor 1 Stunde
bitcoin, blockchain, currency, coin, gold, money, finance, digital, crypto, payment
Ein Analyst hat eine mutige Prognose für Ethereum abgegeben und erklärt, dass die Kryptowährung kurz vor einem parabolischen Anstieg steht. Diese Einschätzung basiert auf der Bildung eines sogenannten Goldenen Dreiecks im Chart, das auf einen bevorstehenden Ausbruch des führenden Altcoins hindeutet. Ein solcher Ausbruch könnte auch eine breitere Rallye […] (00)
vor 1 Stunde
Redwood AI: Cloud-Upgrade stärkt Vermarktungspotenzial von “Reactosphere”
Lüdenscheid, 11.04.2026 (lifePR) - Redwood AI (ISIN: CA7579221093 | WKN: A422EZ) , Redwood oder das Unternehmen, freut sich bekannt zu geben, dass “Reactosphere” (die Software oder Plattform), seine KI-gesteuerte chemische Syntheseplattform, jetzt vollständig in der Cloud bereitgestellt wird und Nutzern über eine verbesserte, produktionsbereite […] (00)
vor 11 Stunden
 
US-Masters in Augusta
Augusta (dpa) - Rory McIlroy hat auch den zweiten Tag beim Masters in Augusta […] (01)
Iran-Krieg - Gespräche in Pakistan
Islamabad (dpa) - In der pakistanischen Hauptstadt Islamabad hat das Ringen um ein […] (04)
Oberleitung fällt auf ICE: Hunderte Reisende sitzen fest
Zahna-Elster (dpa) - Eine Oberleitung ist auf der Bahnstrecke Berlin-München auf […] (01)
Marie-Christine Ostermann (Archiv)
Berlin - Angesichts stagnierenden Wachstums und sinkender Investitionen hat die […] (08)
Tesla
Austin (dpa) - Tesla führt in den Niederlanden als erstem Land in Europa die […] (00)
007 First Light-Release: Switch 2-Version verschoben, Launch erst im Sommer
Der neue James-Bond-Titel rückt näher, doch nicht für alle gleichzeitig. Während sich […] (00)
BTS haben ihre 'ARIRANG'-Welttour mit einem emotionalen Auftakt gestartet.
(BANG) - BTS haben ihre 'ARIRANG'-Welttour mit einem Auftakt gestartet, der sowohl […] (00)
RB Leipzig - Borussia Mönchengladbach
Leipzig (dpa) - Bratwurst-Boykott, brisantes Reitz-Vorspiel - und der X-Faktor Yan […] (00)
 
 
Suchbegriff