Studie warnt vor De-Skilling: Ärzte verlieren Fähigkeiten durch zu starke Abhängigkeit von KI
Künstliche Intelligenz hat in einer neuen Untersuchung zwar die Erkennungsrate von Krebsvorstufen im Darm erhöht – zugleich aber auch die Gefahr aufgezeigt, dass Ärzte ihre eigenen Fähigkeiten verlieren. Laut einer im Fachjournal The Lancet Gastroenterology and Hepatology veröffentlichten Studie sank die Erfolgsquote bei der Tumorerkennung um rund 20 Prozent, sobald die KI-Hilfe entfernt wurde.
Untersucht wurden vier Endoskopiezentren in Polen. Dabei verglich man die Trefferquote der 19 beteiligten Ärzte in den drei Monaten vor der Einführung von KI sowie in den drei Monaten danach. Manche Koloskopien wurden mit Unterstützung von KI durchgeführt, andere zufällig ohne. Das Ergebnis: Wo die Maschine nicht half, schnitten die Mediziner deutlich schlechter ab als zuvor.
Die Forscher führen dies auf eine Überabhängigkeit zurück. Die KI habe Ärzte “weniger motiviert, weniger fokussiert und weniger verantwortlich” gemacht, sobald sie wieder allein Entscheidungen treffen mussten. Besonders brisant: Die teilnehmenden Ärzte waren keine Anfänger, sondern allesamt erfahrene Endoskopiker mit jeweils über 2.000 Eingriffen.
Der norwegische Wissenschaftler Yuichi Mori, Mitautor der Studie, erwartet sogar, dass der Effekt mit leistungsfähigeren Systemen noch stärker ausfallen könnte. Omer Ahmad, Gastroenterologe am University College Hospital London, warnte in einem Kommentar: „Wir müssen verhindern, dass fundamentale ärztliche Fähigkeiten stillschweigend erodieren.“
Die Erkenntnisse fügen sich in eine breitere Debatte. Schon eine MIT-Studie hatte in diesem Jahr gezeigt, dass der Einsatz von OpenAI’s ChatGPT beim Verfassen von Essays die kognitive Aktivität der Nutzer senkte. Weltweit setzen Gesundheitssysteme dennoch auf KI – etwa finanziert Großbritannien aktuell mit 11 Millionen Pfund ein Projekt zur Früherkennung von Brustkrebs.

