Streik bei Ford in Köln: Der erste in der Geschichte – und ein Weckruf für Autohersteller
Die Kölner Werke des Automobilherstellers Ford erleben derzeit eine historische Zäsur: Erstmals seit ihrer Gründung vor fast 100 Jahren hat ein von der IG Metall initiierter Streik die Produktionshalle des Unternehmens weitgehend zum Stillstand gebracht. Der Arbeitskampf entstand als Reaktion auf die geplanten Streichungen von 2.900 Stellen bis 2027. Angesichts des drohenden Arbeitsplatzverlusts erhebt die Gewerkschaft hohe Forderungen nach Abfindungen und einer strategischen Kurskorrektur. Dabei sind betriebsbedingte Kündigungen bis 2032 vertraglich ausgeschlossen, was die Protestbewegung nicht zu beruhigen vermochte.
Bereits in den frühen Morgenstunden des Streiktages errichtete die IG Metall Streikposten vor den Werkstoren, was zum vollständigen Erliegen der Frühschichten führte. David Lüdtke, der Sprecher der IG Metall bei Ford Köln, betonte den totalen Stillstand sämtlicher Abteilungen, von der Fertigung bis hin zur Verwaltung. Ausnahmen gelten lediglich für bestimmte Mitarbeiter, die über ein Notdienst-Tor Zugang haben. Die Arbeitsniederlegung soll nur temporär sein, am kommenden Donnerstagmorgen nach den letzten Nachtschichten wird der Betrieb planmäßig wiederaufgenommen.
Den Auftakt zu diesem Streik bildet eine eindrucksvolle Urabstimmung von Anfang Mai, bei der sich 93,5 Prozent der IG-Metall-Mitglieder bei Ford für einen Arbeitskampf aussprachen. Der Betriebsratsposten Benjamin Gruschka unterstrich den zunehmenden Druck auf die Unternehmensführung und deutete an, dass ohne substanzielles Entgegenkommen weitere Arbeitskämpfe folgen könnten. Besonders alarmierend für die Mitarbeitenden ist die kürzlich gekündigte Patronatserklärung der US-Muttergesellschaft, die wirtschaftliche Unsicherheit mit einer möglichen Insolvenz der Ford-Werke GmbH befeuerte.
Die politischen Wogen gehen ebenfalls hoch, denn Jochen Ott, SPD-Fraktionsvorsitzender im NRW-Landtag, kritisierte öffentlich den Umgang der Ford-Leitung mit ihren Beschäftigen. Er forderte angemessene soziale Kompensationsangebote für Angestellte, deren Stellen gefährdet sind. Während Ford in der Zwischenzeit seine Produktion auf Elektroautos umgestellt hat, bleibt der Erfolg im Bereich der E-Mobilität hinter den Erwartungen zurück. Daher ist die betriebliche Unsicherheit in Köln weiterhin ein Thema von höchster Brisanz.
Ein kleiner Hoffnungsschimmer am Markt zeigt sich jedoch: Trotz des rückläufigen Marktanteils von Ford in Deutschland stiegen die Zulassungszahlen im April um 15,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der aktuelle Streik ist nicht nur ein bedeutender arbeitsrechtlicher Einschnitt bei Ford, sondern könnte als Weckruf für die gesamte Automobilindustrie fungieren, die sich den Herausforderungen der Transformation und der sozialverantwortlichen Mitarbeiterpolitik stellen muss.

