Seniorenwohnung der Zukunft: Risiko für die Privatsphäre?

22. Februar 2019, 11:41 Uhr · Quelle: dpa

Kempten (dpa) - Die Schranktüren öffnen sich automatisch, Kleiderstangen mit Hemden fahren heraus. In Seniorenwohnungen der Zukunft soll die Technik das Leben im Alter unterstützen und Pfleger entlasten. In der Küche sind Herd, Arbeitsfläche, Spüle und Schränke höhenverstellbar.

Ein Knopfdruck genügt, und sie fahren herunter, so dass auch Rollstuhlfahrer alles problemlos erreichen können. Fallen Krümel auf den Boden, schlürft der Staubsaugerroboter sie auf. Fehlt Milch und Butter im Kühlschrank, ordert ein intelligentes Bestellsystem die Lebensmittel im nahe gelegenen Supermarkt.

«In zehn bis fünfzehn Jahren ist das Normalität», sagt Ingenieur Alexander Karl von der Hochschule Kempten. «Es muss normal sein.» Karl spielt auf die alternde Gesellschaft an. Laut Statistischem Bundesamt ist in Deutschland bereits jeder Fünfte mindestens 65 Jahre alt. Viele Senioren wünschen sich, möglichst lange selbstständig in den eigenen vier Wänden zu leben. Karl will das ermöglichen.

Im dritten Stock einer Seniorenwohnanlage hat die Hochschule Kempten eine Forschungswohnung angemietet: Küche, Bad, Balkon, Schlaf- und Wohnzimmer. Auf 55 Quadratmeter testen Studenten und Ingenieure Prototypen und entwickeln «intelligente Assistenztechnik». Raffinierte Details verstecken sich hinter Schränken, unter dem Fußboden, an der Wand oder in Möbeln. «Ambient Assisted Living Lab» («AAL Lab») werden solche Modellwohnungen in der Fachsprache genannt.

Karl betritt das Wohnzimmer und greift nach einem menschengroßen Vlies. Er wirft die Attrappe auf den Boden. Es dauert zwanzig Sekunden und eine Signallampe leuchtet rot. Alarm wird an eine Notrufstelle, den Pflegedienst oder Nachbarn weitergeleitet. «Unter dem Parkett ist ein Sensor eingebaut, der alle Bewegungen erfasst. Die Bewohner können selbst bestimmen, nach wie vielen Sekunden der Alarm ausgelöst und an wen er gesendet wird», erklärt Karl.

Im Badezimmer ist eine «intelligente Toilette» installiert. Tritt man davor, fährt der Deckel nach oben, die Sitzheizung auf der Klobrille wird aktiviert. Weder Klopapier ist notwendig, noch müssen Pfleger unliebsame Aufgaben übernehmen: Ein feiner Wasserstrahl reinigt, der eingebaute Fön trocknet. Stützt man sich auf die Armlehnen links und rechts, entsteht ein EKG. Sie messen Blutdruck, Puls, Blutzucker und Sauerstoffsättigung. Die Daten erscheinen auf einem Flachbildschirm neben der Toilette und können direkt an den Hausarzt geschickt werden. Sind sie auffällig, meldet dieser sich zurück.

Was praktisch klingt, birgt auch Risiken: Für die Datenübertragung ist der Sensor mit dem Internet verbunden, alle Werte werden in einer Cloud gespeichert - eine Angriffsfläche für Hacker. «Der Router ist immer eine Schwachstelle, die gerne angegriffen wird. Vor allem medizinische Daten sind ein wertvolles Gut», sagt Professor Georg Sigl vom Lehrstuhl für Sicherheit in der Informationstechnik der TU München.

Bereits das Handy des Enkels, das sich ins WLAN einwählt, stelle ein Sicherheitsrisiko dar, so Sigl. Hacker können nicht nur Daten stehlen und diese profitabel an Firmen verkaufen, sondern sich Zugang zur Wohnung verschaffen. Erpressungen wie «Zahlen Sie 10.000 Euro, ansonsten schalte ich Ihren Notfallknopf aus» seien denkbar. Zudem können Darknet-Marktplätze für Einbrüche entstehen, die Wohnungen überwachen und auflisten, wann ein Mensch zu Hause ist und wann nicht.

Doch was, wenn Bewohner ihre Daten freiwillig hergeben? Versicherungen locken mit vergünstigten Tarifen bei der Anschaffung bestimmter Smart Home Technologie. Bei Vertragsabschluss willigen die Kunden ein, ihre Daten zu teilen - auch medizinische. «Beiträge von privaten Kassen könnten sich plötzlich erhöhen», sagt Sigl.

Zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Angewandte und Integrierte Sicherheit (Fraunhofer AISEC) berät der Sicherheitsexperte Entwickler und weiß, dass die Priorität vieler Smart-Home-Unternehmen ist, sich schnell auf dem Markt zu etablieren: «IT-Sicherheit ist bei Herstellern oft zweitrangig. Man ist froh, wenn die Funktionalität umgesetzt wird.» Er appelliert, sich von Anfang an Gedanken über die IT-Sicherheit von Produkten zu machen. Mindeststandard sollten Geräte sein, die nur starke Passwörter zulassen, sichere Schlüsselspeicher haben und regelmäßige Software-Updates durchführen. «Sicherheit muss wehtun - wenn es nicht wehtut, bringt es nichts», so Sigl.

Die Reaktion auf technische Assistenzsysteme sei bei Senioren bisher sehr unterschiedlich, sagt Alexander Karl. Jedoch weniger wegen der Angst um die Privatsphäre, sondern vielmehr sei es die Bedienung der Geräte, die Senioren zu schaffen mache. Doch auch in dieser Hinsicht bleibt der Laboringenieur zuversichtlich: «Ich hatte kürzlich eine 95-Jährige hier, die sagte, so ein 'Wischding' brauche sie nicht. Ein paar Minuten später steuerte sie damit voller Freude die komplette Wohnung.»

Wohnen / Senioren / Seniorenwohnanlage / Rentner / Zukunft / Sicherheit / Bayern / Deutschland
22.02.2019 · 11:41 Uhr
[2 Kommentare]
Iran-Krieg - Europäisches Parlament
Brüssel/Berlin (dpa) - CDU und CSU bemühen sich nach dem Bekanntwerden der Zusammenarbeit ihrer europäischen Parteienfamilie EVP mit der AfD und anderen Rechtsaußen-Parteien um Schadensbegrenzung. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte am Montag in Berlin, man missbillige, was da in der letzten Woche offensichtlich auf Ebene von Mitarbeitern stattgefunden […] (15)
vor 7 Minuten
Harry Styles' Konzerte wird London Millionen einbringen.
(BANG) - Harry Styles wird London voraussichtlich einen wirtschaftlichen Schub von 200 Millionen Pfund bescheren. Analysen zufolge wird die 12-Konzerte umfassende Residency des 'Aperture'-Hitmachers im Wembley-Stadion in diesem Sommer im Rahmen seiner 'Together, Together'-Tour zu Ausgaben von mehr als 700 Millionen Pfund für Tickets, Reisen und […] (00)
vor 2 Stunden
Apple AirPods Max 2
Cupertino (dpa/tmn) - Nach mehr als fünf Jahren aktualisiert Apple seine Kopfhörer AirPods Max mit besserer Geräuschunterdrückung und KI-Funktionen. Das markante Design mit den Aluminium-Klangschalen und einem mit Plastik verkleideten Metallbügel lässt Apple auch in der zweiten Generation der Kopfhörer unverändert. Der Schlüssel für den erweiterten […] (00)
vor 3 Stunden
Neuer Taktiker für Valorant
Während des Finales des VALORANT  Masters Santiago stellen Riot Games und  VALORANT  den neuesten Taktiker vor: Miks. Der aus Kroatien stammende Agent tritt mit der Fähigkeit auf, reine Schallenergie zu bündeln. Seine dynamische Persönlichkeit und sein Fokus auf Teamzusammenhalt prägen sein Auftreten, während seine Schallkräfte das Tempo auf dem […] (00)
vor 3 Stunden
Western-Veteran Matt Clark mit 89 Jahren gestorben
Der US-Schauspieler spielte in zahlreichen Filmklassikern der 1970er-Jahre und blieb über Jahrzehnte ein gefragter Nebendarsteller. Der US-amerikanische Schauspieler Matt Clark ist tot. Der Darsteller starb am 15. März 2026 im Alter von 89 Jahren in seinem Zuhause in Austin im US-Bundesstaat Texas. Berichten zufolge erlag Clark Komplikationen nach einer Wirbelsäulenoperation. Clark wurde am 25. […] (00)
vor 1 Stunde
Bayer 04 Leverkusen - FC Bayern München
Frankfurt/Main (dpa) - Das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes hat einen Einspruch des FC Bayern München gegen die Gelb-Rote Karte für Luis Díaz abgeschmettert und darüber hinaus Offensivspieler Nicolas Jackson für zwei Spiele gesperrt. Jackson fehlt dem deutschen Rekordmeister damit in den Bundesligaspielen am Samstag (15.30 Uhr) zu Hause gegen […] (02)
vor 1 Stunde
Vergessen Sie Novo Nordisk - Dieser geheime dänische Pharma-Gigant bereitet den Mega-IPO vor
Der dänische Pharma-Sektor dominiert weit über Novo Nordisk hinaus Der Börsenplatz Kopenhagen steht vor einer tektonischen Verschiebung. Während globale Investorengelder primär in den Adipositas-Giganten Novo Nordisk fließen, formiert sich in der zweiten Reihe ein massiver Börsengang. Der mehr als einhundert Jahre alte Arzneimittelhersteller LEO Pharma hat formell Investmentbanken kontaktiert. […] (00)
vor 30 Minuten
Freistunden mit Rundgang in ukrainischer Sprache
Mainz, 16.03.2026 (lifePR) - Im Rahmen der  Freistunden  ist am Sonntag, den 22/03 der Eintritt in die Kunsthalle von 13–17 Uhr frei. Kommen Sie vorbei und nehmen Sie an unserem kostenlosen Rundgang in ukrainischer Sprache teil. So 22/03 14–15 Uhr Rundgang in deutscher Sprache 15–16 Uhr Rundgang in ukrainischer Sprache 13–17 Uhr Eintritt frei Freistunden  wird ermöglicht durch die Rheinhessen […] (00)
vor 1 Stunde
 
Herfried Münkler (Archiv)
Berlin - Der Berliner Politologe Herfried Münkler hat in Bezug auf den Iran-Krieg vor […] (01)
Flughafen Berlin-Brandenburg International (BER) (Archiv)
Berlin - Am Flughafen Berlin Brandenburg (BER) sollen am Mittwoch, dem 18. März, […] (00)
Iran-Krieg - Israel
Teheran/Tel Aviv/Beirut (dpa) - Zu Beginn der dritten Kriegswoche im Nahen Osten […] (00)
Israelischer Soldat (Archiv)
Berlin - Die Bundesregierung hat Israel vor einer umfangreichen Bodenoffensive im […] (01)
man, business, adult, suit, bitcoin, cryptocurrency, blockchain, crypto, formal, confident
Das von Tom Lee geleitete Unternehmen BitMine, ehemals ein bedeutender Akteur im […] (00)
Dragonkin: The Banished ist jetzt für PC erhältlich
NACON  und  Eko Software  geben den heutigen Release von  Dragonkin: The Banished […] (00)
VfB Stuttgart - RB Leipzig
Stuttgart (dpa) - Im engen Rennen um einen Champions-League-Platz hat der VfB […] (04)
Wendi McLendon-Covey
(BANG) - Wendi McLendon-Covey hat Spekulationen zurückgewiesen, sie habe bewusst […] (00)
 
 
Suchbegriff