Rheinmetall fordert Airbus im Orbit heraus
Der Kampf um die Hoheit im militärischen Orbit
Der Weltraum wird zur nächsten sicherheitspolitischen Schlüsselarena – und Deutschland will dort technologisch wie strategisch aufschließen. Mit der geplanten Satellitenkonstellation „SATCOMBw Stufe 4“ soll bis 2029 ein eigenes, hochleistungsfähiges Kommunikationsnetzwerk für die Bundeswehr entstehen. Mindestens hundert Satelliten sollen Panzer, Schiffe, Drohnen und Soldaten weltweit vernetzen – in Echtzeit, abhörsicher und unabhängig von zivilen Systemen. Das Konzept erinnert in seiner Architektur stark an das Starlink-Netz von Elon Musks SpaceX.
Nun bahnt sich ein industrieller Showdown an: Rheinmetall will gemeinsam mit dem Bremer Raumfahrtkonzern OHB den Zuschlag für das Milliardenprojekt – und damit den bisherigen Platzhirsch Airbus Defence and Space ausstechen.
SATCOMBw Stufe 4: Das digitale Rückgrat der künftigen Bundeswehr
Das Projekt gilt als Herzstück der deutschen Weltraumoffensive. Der Auftragswert wird auf acht bis zehn Milliarden Euro geschätzt, eingebettet in ein Gesamtbudget von rund 35 Milliarden Euro, das Verteidigungsminister Boris Pistorius bis 2030 für militärische Weltraumfähigkeiten vorgesehen hat.
Technisch geht es um eine niedrig fliegende Satellitenkonstellation mit hoher Redundanz und geringer Latenz – ein militärisches Pendant zu zivilen Megakonstellationen wie Starlink. Zuständig für Planung und Umsetzung ist die Teilstreitkraft „Cyber- und Informationsraum“ (CIR). Deren Weltraumbeauftragter, Generalmajor Armin Fleischmann, formulierte das Ziel offen: ein „Starlink für die Bundeswehr“, möglichst realisiert von deutschen Industriepartnern.
Rheinmetall und OHB: Ein neues Machtzentrum entsteht
Für Rheinmetall wäre der Einstieg in SATCOMBw Stufe 4 ein strategischer Quantensprung. Der Düsseldorfer Konzern, bislang vor allem als Land- und Munitionsspezialist bekannt, baut seit Kurzem systematisch seine Raumfahrtkompetenz aus. Das Joint Venture mit dem finnischen Radarsatelliten-Spezialisten Iceye – inklusive eines 1,7-Milliarden-Euro-Auftrags der Bundeswehr – war der erste große Schritt. Nun soll mit OHB ein noch größeres Bündnis folgen.
OHB bringt jahrzehntelange Erfahrung im Satellitenbau ein, unter anderem bei militärischen Aufklärungsplattformen. Rheinmetall steuert Systemintegration, Finanzkraft und politische Verankerung bei. Intern strebt der Konzern die Mehrheit an dem geplanten Gemeinschaftsunternehmen an – ein Signal, dass man die Rolle des Generalunternehmers und strategischen Taktgebers beansprucht.
Airbus: Der etablierte Favorit unter Zeitdruck
Demgegenüber steht Airbus Defence and Space, Betreiber des bestehenden Bundeswehr-Kommunikationssystems SATCOMBw und technologisch bestens gerüstet. Produktionskapazitäten, Halbleiterkompetenz, Antennentechnologie – all das ist vorhanden. Zudem spricht der enge Zeitplan für den Münchner Konzern: Bis 2029 soll die Konstellation einsatzbereit sein, ein ambitioniertes Ziel angesichts langer Entwicklungs- und Startzyklen.
Allerdings produziert Airbus einen Großteil seiner Satelliten in Frankreich und plant eine Fusion der Raumfahrtsparte mit Thales und Leonardo. In Berlin wächst damit die Sorge vor strategischer Abhängigkeit und industrieller Fragmentierung – ein Argument, das Rheinmetall und OHB in die Karten spielt.
Industriepolitik im All: Deutsche Souveränität als Entscheidungskriterium
Pistorius und das Verteidigungsministerium betonen zunehmend den Wunsch nach nationalen und europäischen Wertschöpfungsketten. Strategische Partnerschaften, Mehrheitsbeteiligungen, technologische Souveränität – diese Begriffe prägen die neue Rüstungs- und Raumfahrtpolitik. Ein deutsches Konsortium unter Führung von Rheinmetall würde diesem Kurs eher entsprechen als ein europäisch-französisch-italienischer Verbund unter Airbus.
Gleichzeitig wächst das Risiko der Konzentration: Sollte Rheinmetall sowohl bei Aufklärungs- als auch bei Kommunikationssatelliten Generalunternehmer werden, entstünde eine erhebliche Abhängigkeit der Bundeswehr von einem einzigen Konzern – sicherheitspolitisch wie industrieökonomisch ein sensibles Szenario.
Ein Milliardenprojekt mit geopolitischer Sprengkraft
SATCOMBw Stufe 4 ist weit mehr als ein Rüstungsauftrag. Es ist ein industriepolitisches Statement, ein Souveränitätsprojekt und ein Testfall für Deutschlands Anspruch, im militärischen Weltraumzeitalter eigenständig zu agieren. Der Zweikampf zwischen Rheinmetall/OHB und Airbus entscheidet nicht nur über Marktanteile, sondern über die künftige Machtarchitektur der europäischen Rüstungs- und Raumfahrtindustrie.
Ob der etablierte Raumfahrtgigant oder der aufstrebende Rüstungskonzern das Rennen macht, wird zeigen, wie ernst es der Bundesregierung mit einem „Starlink made in Germany“ wirklich ist.


