Reisebranche vor Umbruch – Gerichtsurteil könnte Preisbindung und Tausende Reisebüros in Deutschland kippen
Das Landgericht Düsseldorf hat die Preisbindung für Pauschalreisen als Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht eingestuft – mit potenziell gravierenden Folgen für rund 10.000 Reisebüros in Deutschland. Der Fall, angestoßen durch eine Klage des Kreuzfahrtanbieters Aida, könnte das jahrzehntelang stabile Vertriebsmodell der Branche fundamental erschüttern.
Konkret hatte Aida dem Sparkassen-Dienstleister S-Markt & Mehrwert die Zusammenarbeit aufgekündigt, nachdem dieser Kunden Rückvergütungen auf Kreuzfahrten gewährt hatte. Die Richter sahen in dieser Kündigung eine unzulässige Einschränkung des Preiswettbewerbs und urteilten, dass das Verbot der Weitergabe von Provisionen gegen §1 des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) verstößt.
Die Konsequenzen reichen über den Einzelfall hinaus. Denn fast alle deutschen Reiseveranstalter arbeiten mit dem Prinzip der Preisbindung – sowohl im stationären als auch im Online-Vertrieb. Sie rechtfertigen diese Praxis mit der Rolle von Reisebüros als Handelsvertreter, eine Konstruktion, die Preisparität zwischen allen Vertriebskanälen garantiert. Doch genau dieses Argument ließ das Gericht nicht gelten.
Die Branchenlage ist angespannt. Zwar erzielen Reisebüros noch immer Umsätze auf dem Niveau von 2005 – rund 22 Milliarden Euro –, doch viele kleine Betriebe arbeiten mit knappen Margen. Laut Daten des Anbieters Datamego bestehen unter den 10.704 Reisevermittlern über 80 Prozent aus Einzelpersonen, Kleinst- oder Kleinunternehmen. Die Einführung echter Preiswettbewerb würde gerade sie massiv unter Druck setzen.
Onlineportale wie Check24 oder Holidaycheck stehen in den Startlöchern. Ohne regulatorische Fesseln könnten sie künftig mit Rabatten agieren – ein Vorteil, den klassische Reisebüros strukturell kaum ausgleichen können. Der Vergleich mit dem Einzelhandel von 1974 liegt nahe: Damals führte die Abschaffung der „Preisbindung der dritten Hand“ zur Verdrängung tausender kleiner Läden durch aggressive Filialisten wie dm und Schlecker.
Branchenvertreter wie VUSR-Chefin Marija Linnhoff zeigen sich skeptisch, ob die bisherige Struktur zu retten ist. Schon heute sei das deutsche Modell international eine Ausnahme, Preisbindungen dieser Art existieren nur noch in Österreich und der Schweiz. Sollte das Oberlandesgericht die Einschätzung der Düsseldorfer Richter bestätigen, droht ein flächendeckender Strukturbruch.
Auch Franchise-Systeme, die ausschließlich Produkte einzelner Veranstalter wie Tui oder DERtour verkaufen, könnten das stationäre Reisebüro kaum retten. Denn der Druck kommt nicht nur vom Rechtssystem, sondern auch von einem veränderten Kundenverhalten – digital, preissensibel und zunehmend autonom.

