Nigel Farage: Kommt seine Stunde als Premierminister?
Inmitten der englischen Kommunalwahlen schlägt das Titelblatt des "Economist" große Wellen mit einem auffälligen Portrait von Nigel Farage – einem Mann, der das britische politische Terrain durcheinanderwirbelt und von dem das Magazin behauptet, dass Großbritannien ihn nicht ignorieren kann. Obwohl Farage, prominenter Brexit-Befürworter und Anführer der rechtspopulistischen Reform-Partei, keinen offiziellen Posten innehat und erst nach acht Versuchen ins Parlament einzog, könnte sein Einfluss weitreichender sein, als viele erwarten.
Farages Ambitionen könnten ihn an die Spitze der britischen Politik katapultieren und die ehrwürdigen Tories, die einst politische Giganten wie Churchill und Thatcher hervorbrachten, in Bedrängnis bringen. Die aktuelle Wahl zeigt: In einigen englischen Bezirken stehen die traditionellen Konservativen unter Druck, viele ihrer Ratsmandate an Farages Reform UK zu verlieren. Einst gelang es den Tories, Farages politischen Vorstößen erfolgreich entgegenzutreten, aber die Lücke schließt sich zunehmend.
Ähnlich der deutschen AfD verzeichnet die Farage-Partei Umfragezuwächse; 25 Prozent der Befragten präferieren derzeit Reform UK, was die Regierungsparteien Labour und die Tories hinter sich lässt. Wären jetzt allgemeine Wahlen, könnte der Reform-Partei der Sprung zur stärksten Fraktion gelingen – ein Szenario, das das etablierte Zwei-Parteien-System Großbritanniens, gestützt durch das Mehrheitswahlrecht, erschüttern könnte. Angesichts dieser Entwicklung wird bei den Tories offen über Allianzen nachgedacht; obwohl Parteichefin Kemi Badenoch nationale Bündnisse ausschließt, zeigt sich parteiinterner Rivale Robert Jenrick offen für Gespräche.
Die Labour-Partei hingegen hat mit ihrer eigenen Krise zu kämpfen. Historisch verankerte Wählergruppen, die einst Labour unterstützten, könnten sich aus Enttäuschung Farages Botschaften zuwenden. Für Labour-Politikprofessorin Sara Hobolt ist die wachsende Präsenz von Reform UK so bedrohlich, dass sie von einer "Paranoia" innerhalb ihrer Partei spricht. Trotz der Drucks bleibt Labour im Unterhaus stark vertreten.
Den politischen Realitäten ins Auge blickend, meldete Politikprofessor Tony Travers von der London School of Economics: Ein Erfolg Reforms bei den Kommunalwahlen könnte ihren Einfluss auf das nationale Parkett enorm stärken, trotz ihrer bislang geringen Präsenz im Parlament.

