Krieg in der Ukraine

Nato-General: Ukraine verbessert Angriffe tief in Russland

28. September 2025, 05:35 Uhr · Quelle: dpa
Generalmajor Maik Keller lobt die Fortschritte der Ukraine im Krieg gegen Russland. Die NATO lernt daraus und stärkt die Unterstützung für effektive Verteidigung. (28 Wörter, 142 Zeichen)

Wiesbaden (dpa) - Der Koordinator der Nato-Unterstützung für die Ukraine, Generalmajor Maik Keller, bescheinigt dem Land deutlich zunehmende Fertigkeiten für den Gegenangriff auch tief in Russland. «Die Ukrainer werden besser darin, gezielt militärisch relevante Ziele auch in der russischen Tiefe zu erreichen. Das ist eine Fähigkeitsfrage und Fähigkeit ist Personal, Material und Ausbildung», sagt Keller im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. 

Um die Ukraine weiter zu stärken, würden Rüstungskooperationen mit dem Land ausgebaut. Weitreichende Waffen seien unter den Projekten, sagt Keller, der stellvertretender Kommandeur der Nato-Initiative zur Unterstützung der Ukraine (NSATU) ist. 

Die Ukraine zielt auf russische Raffinerien

Die Bundesregierung hatte jüngst angekündigt, der Ukraine 300 Millionen Euro für die Produktion weitreichender Drohnen zu geben. Erklärtes Ziel ist die Herstellung mehrerer Tausend dieser Waffensysteme. Die Ukraine hatte jüngst zudem ihren Marschflugkörper Flamingo vorgestellt und zuletzt Schläge gegen Raffinerien in Russland sowie die industrielle Infrastruktur für Diesel und Benzin verstärkt.

Wer den Großraum der Nato-Stelle in der Lucius-D.-Clay-Kaserne in Wiesbaden betritt, dem wird der nun schon mehr dreieinhalb Jahre währende Verteidigungskampf der Ukraine gegen die russischen Angreifer sehr präsent. 

Geschäftig arbeiten eng an eng Experten aus 30 Nationen, darunter auch der Ukraine selbst sowie Australien und Neuseeland als Nicht-Nato-Staaten daran, dass der Bedarf an Waffen, Munition, Ersatzteilen und Ausrüstung weiter gedeckt werden kann. Die Ukrainer werden auch beraten und an Nato-Standards herangeführt. In der Praxis ist Lernen aber keine Einbahnstraße. 

Auch die Nato-Staaten lernen von der Ukraine

«Drohnentechnologie ist das beste Beispiel. Bei Drohnen können den Ukrainern wenige auf der Welt etwas vormachen. Da sprechen wir nicht nur von der kinetischen Wirkung der Drohnen, sondern von der Art des Krieges, die sich geändert hat. Davon lernen auch wir», sagt Keller.

Über Kampfdrohnen hinaus haben sich in der Ukraine auch unbemannte Systeme für logistische Aufgaben und für den Verwundetentransport etabliert. Es gibt Drohnen zur See. Die deutsche Industrie kann technisch dazulernen. Die Bundeswehr und andere Nato-Staaten lernen, was Abläufe und Doktrin angeht.

«Der Kernauftrag ist die Koordination der Ukraine-Unterstützung. Wir wären aber bescheuert, wenn wir die ganzen Informationen nicht für unsere Weiterentwicklung nutzen würden», sagt Keller. «Wenn wir nicht in der Lage sind, unseren Soldatinnen und Soldaten bestimmte Erfahrungen zu ersparen, die die Ukrainer gemacht haben, haben wir als militärische Führer unseren Auftrag nicht erfüllt.»

Die Bundeswehr selbst beschafft sich gerade Kamikazedrohnen – sogenannte Loitering Munition – für den Angriff und will auch möglichst schnell neue Waffensysteme zur Abwehr von Drohnen einführen.

Ukrainischer Drohnen-Befehlshaber verdeutlicht Warnungen

«Was militärisch Sinn macht, ist, für den Kampf, auf der jeweiligen militärischen Ebene, eine Drohnenfähigkeit zu etablieren, die diesen Kampf reflektiert», sagt Keller. «Zug, Kompanie, Bataillon, Brigade und oberhalb haben unterschiedliche Reichweiten in der Tiefe und für diese Reichweite muss es auch eine Fähigkeit mit Drohnen geben.»

Im Juli hatte die Nato Robert «Magyar» Brovdi zu Gast bei einer Konferenz. Der frühere Geschäftsmann ist Chef der Drohnenkräfte und kann als Vater des Drohnenkrieges in der Ukraine gelten.

«Ohne auch nur bis auf zehn Kilometer hier ranzukommen, können vier Teams ukrainischer Drohnenpiloten diese Liegenschaft in 15 Minuten zu einem weiteren Pearl Harbor machen», warnte er. «Ich will niemanden Angst machen. Aber diese Technologien sind nun leicht zugänglich und billig.» Gemeinsame Anstrengungen seien jedenfalls im gegenseitigen Interesse. 

Es kommt auf Menge und Durchhaltevermögen an

Die Wirkung der Militärhilfe für die Ukraine komme durch die Summe der Unterstützung und das konsequente Weiterführen, sagt Keller. Die Erwartung: «Dann kann man die Russen in eine Position drängen, irgendwann mal zu überlegen: Okay, das hier führt zu nichts. Wir müssen verhandeln.»

Dagegen sieht Keller Eigenarten der Debatte in Deutschland skeptisch. «Wir hatten in Deutschland die Diskussion, dass Kampfpanzer Leopard geliefert werden müssen. Dann hatten wir die Taurus-Diskussion. Man glaubt, dass die Waffe, die gerade diskutiert wird, der Gamechanger ist. Das ist aus militärischer Sicht Quatsch», sagt er.

Es gebe nicht das eine System, das den Verlauf signifikant verändern könne. Immer sei es die Summe der unterschiedlichen Dinge. «Und weitreichendes Feuer ist ein Aspekt, der den Russen – auf Deutsch gesagt – das Leben schwerer machen kann. Denn man kann entweder den Pfeil abschießen – mit Patriot und Iris-T – oder man kann den Bogenschützen ausschalten.»

Keine Anzeichen für ein Zusammenbrechen der Front 

Seit mehr als drei Jahren hält die Ukraine mit westlicher Unterstützung dagegen. Die Russen versuchen mit großen Verlusten sich vorwärtszukämpfen, was aber nur langsam und teilweise gar nicht gelingt.

«Wir haben dort jetzt einen statischen Verlauf. Die 20 Kilometer vor und hinter der Front werden im Prinzip durch die Drohnen beherrscht. Das hat dazu geführt, dass der Kampfpanzer in dieser aktuellen Gefechtsphase nicht mehr die Bedeutung hat, die er vorher hatte», sagte Keller. Beide Seiten gehen demnach hin zu kleineren Gefechtsformationen – auf Motorrädern und Quads – und versuchen so durchzusickern. Das Bild kann sich aber auch wieder ändern.

Alles, was der Ukraine zur Unterstützung geben werde, helfe der Nato letztlich auch selbst. Keller sagt: «Es kann aber nicht alles nach vorne gehen, da wir leider auch damit rechnen müssen, dass Russland uns austesten wird. Das sieht man ja aktuell bereits in Polen und Estland. Da gilt es, abschreckungsfähig zu sein und das gelingt nur über eigene zusätzliche Fähigkeiten. Wir haben über die Jahre gesehen: Wenn es zum Schwur kommt, versteht Putin nur Stärke.»

Konflikte / Krieg / Verteidigung / Nato / Bundeswehr / Deutschland / Ukraine / Russland
28.09.2025 · 05:35 Uhr
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