Milliardenverlust im Supermarkt: Kann Künstliche Intelligenz den Warenschwund bremsen?
Self-Checkout boomt – und mit ihm die Verluste
Self-Checkout-Kassen sind längst kein Nischenphänomen mehr. In Deutschland werden sie inzwischen in mehr als 11.000 Geschäften eingesetzt. Laut dem EHI Retail Institute hat sich die Zahl der Systeme in den vergangenen zwei Jahren mehr als verdoppelt. Besonders stark vertreten ist der Lebensmitteleinzelhandel, der rund 60 Prozent aller stationären SB-Kassen stellt.
Parallel dazu steigen jedoch die Inventurverluste. 2024 beliefen sich diese branchenübergreifend auf rund 4,95 Milliarden Euro bei einem Bruttoumsatz von 495 Milliarden Euro. Der größte Teil entfällt auf Diebstahl, vor allem durch Kunden. Experten sehen einen klaren Zusammenhang zwischen der zunehmenden Nutzung von Self-Checkout und dem wachsenden Warenschwund.
Personalmangel beschleunigt den Trend
Ein wesentlicher Treiber für den Ausbau von SCO-Systemen ist der Personalmangel. Im Einzelhandel blieben 2024 laut dem Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung mehr als 120.000 Stellen unbesetzt. Lange Öffnungszeiten, körperlich anspruchsvolle Arbeit und Wochenenddienste machen die Branche für viele unattraktiv.
Self-Checkout-Kassen sollen hier entlasten, Wartezeiten verkürzen und Personal flexibler einsetzen. Doch die Verlagerung von Scan- und Bezahlprozessen auf den Kunden bringt neue Fehlerquellen mit sich – absichtlich oder unabsichtlich.
KI-Kassen sollen Fehler und Diebstahl erkennen
Um diese Lücke zu schließen, testen Händler zunehmend KI-gestützte Self-Checkout-Systeme. Ein Praxisbeispiel findet sich bei Edeka in Düsseldorf-Bilk. Dort kommen Kassen zum Einsatz, die mithilfe mehrerer Kameras das Scanverhalten der Kunden in Echtzeit analysieren.
Die KI erkennt, ob ein Artikel tatsächlich gescannt wurde oder unbeabsichtigt am Scanner vorbeiwandert. In solchen Fällen gibt das System Hinweise auf dem Display. Bleibt der Fehler bestehen, wird automatisch ein Mitarbeiter informiert. Zur Nachvollziehbarkeit zeigt das System kurze Videosequenzen der erkannten Situation.
Noch nicht unfehlbar – KI lässt sich austricksen
Der Praxistest zeigt jedoch auch Grenzen. Klassische Tricks, etwa das Übereinanderlegen mehrerer Produkte und das Scannen als ein Artikel, entgehen der KI bislang teilweise. Die Systeme befinden sich noch in einer Lernphase und werden kontinuierlich mit neuen Daten trainiert.
Händler können die Sensibilität der Systeme anpassen, etwa wann ein Alarm ausgelöst oder eine Kasse blockiert wird. Auch bestimmte Risikoprodukte lassen sich gezielt stärker überwachen. Vollständige Sicherheit bieten die Systeme derzeit jedoch nicht.
Alterskontrolle und Datenschutz als Zusatzthemen
Neben der Diebstahlprävention übernehmen KI-Kassen zunehmend weitere Aufgaben, etwa die Alterskontrolle beim Verkauf von Alkohol. Über eine Gesichtsanalyse schätzt das System das Alter des Kunden ein und lässt den Kauf bei ausreichender Wahrscheinlichkeit automatisch zu oder fordert Personal zur Kontrolle an.
Die Technik stammt unter anderem von Diebold Nixdorf. Das Unternehmen betont, dass weder Gesichter noch personenbezogene Daten gespeichert würden. Die Analyse erfolge ausschließlich in Echtzeit.
Effizienzgewinn mit Fragezeichen
Ob KI-gestützte Kassen den Warenschwund nachhaltig senken können, ist noch offen. Viele Händler testen die Systeme derzeit im Echtbetrieb. Klar ist: Die Technologie kann Fehler reduzieren und Prozesse effizienter machen, ersetzt aber weder Personal noch klassische Kassen vollständig.
Der Self-Checkout bleibt damit ein Balanceakt zwischen Effizienz, Kundenerlebnis und Kontrolle. KI kann helfen, die Lücke zu schließen – ist aber kein Allheilmittel.


