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Michael C. Jakob – Der rationale Investor - Der Niedergang des klassischen Asset Managements

23. Februar 2026, 09:19 Uhr · Quelle: InvestmentWeek
Michael C. Jakob – Der rationale Investor - Der Niedergang des klassischen Asset Managements
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Beta wird zur Commodity, Gebühren fallen Richtung Null. Gewinner: Plattformen, Risiko-Engineering, Private Markets – nicht Fondsmanager.
Aktives Fondsmanagement verliert seine Schutzwälle: Gebühren fallen, Daten werden transparent, Plattformen dominieren. Warum das klassische Asset Management zerbricht – und wer künftig gewinnt.

In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.

Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.

Beobachtung aus der realen Welt

Wer heute mit institutionellen Investoren, Family Offices oder auch nur großen Vermögensverwaltern spricht, hört denselben Satz in unterschiedlichen Varianten:

„Alpha ist selten geworden – und teuer zu rechtfertigen.“

Das klingt banal, ist aber eine tektonische Verschiebung. Denn parallel dazu passieren drei Dinge, die im klassischen Asset Management wie Säure wirken:

Erstens: Gebühren fallen – und zwar seit Jahren, strukturell. Morningstar zeigt für die USA, dass die asset-gewichtete Durchschnittsgebühr zwischen 2005 und 2024 von 0,83% auf 0,34% gefallen ist.
Zweitens: Passive Produkte sind längst nicht mehr „die Alternative“, sondern die Baseline. Die ICI-Daten illustrieren, wie weit Gebühren bei Index-ETFs bereits nach unten gedrückt wurden (z. B. 0,14% bei Index-Aktien-ETFs in 2024).
Drittens: Performance-Realität wird transparenter, jährlich dokumentiert und schwer wegzuerklären. Im SPIVA U.S. Year-End 2024 unterperformten 65% der aktiven US-Large-Cap-Fonds den S&P 500.

Das Ergebnis: Der Kunde zahlt nicht mehr für „Asset Management“. Er zahlt – wenn überhaupt – für Problemlösung, Risiko-Engineering, Zugang und Distribution.

Große These

Das klassische Asset Management stirbt nicht an einem einzelnen Gegner – sondern an einem unheilvollen Bündnis aus Technologie, Kosten-Transparenz und Kapitalströmen.

Die Branche war historisch ein Geschäftsmodell mit drei Schutzwällen:

  1. Informationsvorsprung
  2. Distributionsmacht
  3. Intransparenz bei Benchmarking und Kosten

Alle drei Wälle sind gefallen.

Technologie hat Informationsvorsprünge demokratisiert. Regulierung und Datenanbieter haben Transparenz radikal erhöht. Und die Kapitalströme folgen dem, was messbar funktioniert: niedrige Kosten, hohe Liquidität, klare Regeln.

Die Ironie: Viele „aktive“ Häuser reagieren darauf mit noch mehr Produkten, noch mehr Storytelling, noch mehr Komplexität. Genau das verschlimmert das Problem. Denn die Industrie wird nicht am Produktregal der Zukunft gemessen, sondern an einem neuen Maßstab: Wie effizient kann sie Kapital in einer Welt allokieren, in der Beta nahezu kostenlos ist?

Strategische Konsequenzen

1) Gebührenkompression macht aus vielen Asset Managern Subscale-Player

Gebühren fallen nicht linear, sondern wie ein Kompressor: Erst langsam, dann brutal. Vanguard senkt weiterhin Gebühren in großem Stil; laut Wall Street Journal reduzierte Vanguard jüngst Kosten auf 53 US-Fonds (im Schnitt -27%) und brachte den durchschnittlichen Expense Ratio auf rund 0,06%.

Das ist keine „Marketingaktion“. Es ist eine Ansage an die gesamte Industrie: Wer keine Skalenvorteile, keine Plattformdistribution und keine automatisierte Produktion hat, wird Margen verlieren – und irgendwann Relevanz.

In so einer Welt verschiebt sich der Wettbewerb von „Wer hat den besten Fonds?“ zu „Wer besitzt die billigste Produktionsstraße und den besten Vertriebskanal?“. Das ist eine Plattformlogik, keine Managerlogik.

2) Asset Management wird zu einem Daten-, Risiko- und Distributionsgeschäft

Wenn Beta billig ist, wird das Drumherum teuer: Modellportfolios, Steueroptimierung, Reporting, Risikoaggregation, regulatorische Verpackung, Mandatsstrukturierung.

Das ist der Grund, warum die größten Gewinner nicht zwangsläufig die besten Stock-Picker sind, sondern die besten Infrastrukturanbieter. BlackRock ist das plakative Beispiel: Das Unternehmen meldete zum Jahresende 2025 rund 14 Billionen US-Dollar Assets under Management.
Solche Größenordnungen sind nicht nur ein „Asset“-Phänomen. Sie sind ein Infrastruktureffekt: Indexprodukte, ETFs, Aladdin-Ökosystem, institutionelle Einbettung.

Das klassische Haus, das „Fonds baut und verkauft“, wird dagegen austauschbar. Austauschbarkeit ist in Märkten der schnellste Weg zu Nullmargen.

3) Die Wertschöpfung wandert in illiquide Märkte und Private Credit

Während Public Markets immer effizienter und billiger werden, sucht die Industrie nach „Marge“ in Bereichen, die weniger transparent, weniger liquid und schwerer zu benchmarken sind: Private Equity, Private Credit, Infrastruktur, Secondaries.

Das ist rational – aber geopolitisch nicht neutral.

Kapitalallokation in illiquiden Märkten ist stärker von Regulierung, Sanktionen, lokalen Rechtsregimen und staatlichen Interessen abhängig. In einer Welt fragmentierender Machtblöcke (USA/China, strategische Industrien, Technologiekontrollen, Energie- und Lieferkettenpolitik) wird „Zugang“ selbst zu einem geopolitischen Asset.

Hier entsteht ein neues Spielfeld: Asset Manager als quasi-diplomatische Akteure, die mit Staatsfonds, Pensionskassen und Regierungen um Co-Investments, Standortvorteile, Subventionen und regulatorische Privilegien verhandeln.

Das ist weit entfernt vom klassischen Fondsmanagement – und näher an Macht- und Industriepraxis.

4) Performance-Narrative kollabieren unter Daten: Aktiv muss neu definiert werden

SPIVA ist nicht perfekt, aber es ist eine jährliche Erinnerung daran, wie hart Benchmarking zuschlägt. Wenn in der größten Kategorie 65% der aktiven US-Large-Cap-Fonds 2024 unterperformen, ist „Skill“ statistisch seltener als die Industrie verkauft.
In Europa zeigen SPIVA-Daten ebenfalls sehr hohe Unterperformance-Raten in zentralen Kategorien (teils auf Rekordniveau).

Gleichzeitig gibt es Gegenbewegungen: Morningstar-/Medienauswertungen zeigen, dass aktive Fonds in Europa 2025 in Summe sogar höhere Nettozuflüsse als passive hatten – getrieben u. a. durch Fixed Income.
Das ist wichtig, weil es die Richtung präzisiert: „Aktiv“ gewinnt dort, wo Märkte weniger effizient sind, wo Zinskurven, Kreditselektion und Strukturierung dominieren – und verliert dort, wo Large-Cap-Equity längst ein hochindustrialisiertes Feld ist.

Die Konsequenz: Die Industrie muss „aktiv“ neu definieren. Nicht als Stock-Picking-Romantik, sondern als systematisches Risiko- und Opportunitätsmanagement in Märkten, die noch Reibung besitzen.

Beispiele aus Unternehmen und Staaten

Vanguard steht für den Endzustand des Gebührenwettbewerbs: Kosten werden so weit gesenkt, dass nur noch Skala, Vertrauen und operative Exzellenz zählen.

BlackRock steht für die Plattformthese: Asset Management ist hier nicht mehr nur Produktproduktion, sondern Betriebssystem – mit gigantischer Assetbasis, die wiederum Skaleneffekte und Marktmacht verstärkt.

Und die ICI- und Morningstar-Zahlen stehen für die Mikroökonomie dahinter: sinkende Durchschnittsgebühren, sinkende Index-ETF-Kosten, eine langfristige Umverteilung von Rendite vom Anbieter zurück zum Investor.

Staaten und staatsnahe Akteure spielen die zweite Ebene: Wenn Zinsen hoch sind und Staaten gleichzeitig Industriepolitik betreiben, wird Kapitalallokation politischer. Das erhöht die Attraktivität von „privaten“ Märkten – und erhöht gleichzeitig das regulatorische Risiko. Wer große Mandate verwaltet, verwaltet implizit auch politische Sensitivitäten.

Ausblick auf die nächsten 10–20 Jahre

In den kommenden zwei Jahrzehnten wird Asset Management in drei Schichten zerfallen:

Erste Schicht: Beta als Commodity
Index, ETFs, faktorbasierte Bausteine, Direct Indexing – verwaltet von wenigen globalen Plattformen, mit Gebühren nahe der Grenzkosten. Dort wird Differenzierung nicht über Rendite entstehen, sondern über Steuertechnik, Reporting, Integration in Beratung und digitale Nutzeroberflächen.

Zweite Schicht: „Aktiv“ als Risiko- und Strukturierungsdienst
Aktiv wird dort bezahlt, wo Komplexität real ist: Kredit, Duration, Volatilität, Liquiditätsprämien, Sondersituationen, Multi-Asset-Risikoparität, Overlay-Management. Nicht als Bauchgefühl, sondern als Engineering.

Dritte Schicht: Zugang zu Illiquidität und Real Assets
Private Markets werden weiter wachsen, aber das Spielfeld wird härter: mehr Regulierung, mehr Transparenzforderungen, mehr politische Einflussnahme. Gewinner sind nicht die mit dem besten Pitchbook, sondern die mit dauerhaftem Dealflow, Co-Investment-Netzwerken, operativer Wertschöpfung und sauberer Governance.

Die klassische Asset-Management-Firma – im Sinne von: „Wir managen Fonds und verlangen 1–2%“ – wird in dieser Welt entweder konsolidiert, spezialisiert oder marginalisiert.

Und das ist der Kern: Die Branche verschwindet nicht. Aber ihr Zentrum verlagert sich. Von der Kunst des Stock Pickings zur Industrie der Kapitalinfrastruktur.

Wer das akzeptiert, kann sich neu erfinden: als Plattform, als Risikodienstleister, als Zugangsanbieter.

Wer es nicht akzeptiert, wird weiterhin Produkte verkaufen – in einem Markt, der Produkte nicht mehr bezahlt.

Finanzen / Education / Asset Management / Investitionen / Technologie / Transparenz / Kapitalmärkte
[InvestmentWeek] · 23.02.2026 · 09:19 Uhr
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