Merz Weckruf in München: Europa muss erwachsen werden
„Die internationale Ordnung gibt es so nicht mehr“
MSC-Vorsitzender Wolfgang Ischinger hatte zu Beginn der 62. Sicherheitskonferenz zu Offenheit aufgerufen. Merz lieferte.
Er zeichnete das Bild einer Welt im Modus des Nullsummenspiels: Einflusszonen, Rohstoffe, Technologien und Lieferketten stehen im Zentrum eines verschärften Wettbewerbs der Großmächte. Die USA stellten sich mit hohem Tempo darauf ein – allerdings, so Merz, auf eine Weise, die bestehende Spannungen eher verschärfe als entschärfe.
Die Kernaussage: Europa kann sich nicht länger auf die alte transatlantische Arbeitsteilung verlassen.
Das „Programm der Freiheit“ – Anspruch und Ambition
Merz beließ es nicht bei der Diagnose. Er skizzierte ein „Programm der Freiheit“ mit drei zentralen Stoßrichtungen:
- Stärkung Deutschlands und Europas – wirtschaftlich wie militärisch
- Stabilisierung des transatlantischen Verhältnisses
- Aufbau neuer strategischer Partnerschaften
Die programmatische Botschaft ist klar: Europa soll geopolitisch erwachsen werden. Doch geopolitische Reife entsteht nicht durch Rhetorik, sondern durch Ressourcen, Koordination und Durchhaltefähigkeit.
Transatlantische Unwägbarkeiten
Zwar wird erwartet, dass US-Außenminister Marco Rubio moderatere Töne anschlägt als sein Vizepräsident im Vorjahr. Doch strategisch entscheidet letztlich Donald Trump über Kurs und Ton der US-Außenpolitik.
Das strukturelle Problem bleibt: Europa kann amerikanische Politik nicht kalkulieren, sondern nur darauf reagieren. Strategische Autonomie ist deshalb weniger ideologisches Projekt als versicherungstechnische Notwendigkeit.
Europas fragile Koalitionen
Auch innerhalb Europas ist die Lage volatil. Das sogenannte E3-Format – Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich – koordiniert derzeit zentrale Fragen, etwa zur Ukraine. Doch politische Stabilität ist keine Selbstverständlichkeit.
In London steht Premierminister Keir Starmer innenpolitisch unter Druck. In Frankreich endet die Amtszeit von Emmanuel Macron in absehbarer Zeit. Ob ihre Nachfolger die strategische Nähe zu Berlin fortsetzen, ist offen.
Europäische Handlungsfähigkeit hängt damit nicht nur von Institutionen, sondern von personellen Konstellationen ab – ein strukturelles Risiko in unsicheren Zeiten.
Deutschlands Hausaufgaben
Finanziell hat sich Deutschland Spielraum verschafft: Sondervermögen, Reform der Schuldenbremse, höhere Verteidigungsausgaben. Doch fiskalische Möglichkeiten ersetzen keine industrielle Umsetzung.
Die Modernisierung der Bundeswehr stockt, Beschaffungsprozesse bleiben langsam, und die europäische Rüstungskooperation leidet unter nationalen Partikularinteressen. Das jüngste Debakel um das deutsch-französisch-spanische Kampfjetprojekt FCAS steht exemplarisch für diese Ineffizienz.
Strategische Autonomie ohne funktionierende Rüstungsindustrie bleibt ein Papierversprechen.
Zwischen Vision und Wirklichkeit
Merz hat in München den richtigen Ton für eine unbequeme Zeit getroffen. Er hat klar benannt, dass die alte Ordnung bröckelt und Europa sich nicht länger in sicherheitspolitischer Komfortzone wähnen darf.
Doch Reden verändern keine Produktionsketten, keine Verteidigungsbudgets und keine geopolitischen Machtverhältnisse.
Der Kanzler hat die Diagnose gestellt. Jetzt beginnt die Bewährungsprobe: Ob Deutschland und Europa die angekündigte Eigenständigkeit nicht nur fordern, sondern organisatorisch, finanziell und politisch durchsetzen können.
Die neue Weltordnung wartet nicht.


