Letzte Folge im «El Chapo»-Prozess

13. Februar 2019, 12:50 Uhr · Quelle: dpa

New York (dpa) - Wer irgendwann keine Lust mehr hatte, die Streaming-Serien «El Chapo» oder «Narcos: Mexico» bei Netflix zu gucken, konnte sich auch einfach in New York in den Gerichtssaal setzen.

Über fast drei Monate führte die Staatsanwaltschaft dort en détail auf, wie das mexikanische Sinaloa-Kartell tonnenweise Drogen in die USA schmuggelte und mit oftmals grausigen Methoden seine Macht zementierte. Dessen Ex-Anführer Joaquín Guzmán ist in der vorerst letzten Folge des juristischen Dramas nun schuldig gesprochen worden. «El Chapo» muss wohl den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen.

Die Beweislast muss die zwölf Geschworenen geradezu erschlagen haben. Sie hörten von den frühen Tagen des Kartells in den 1980er-Jahren und wie Guzmán den Drogenschmuggel revolutionierte. Staatsanwälte legten dar, wie er Kokain, Heroin, Methamphetamin und Marihuana in größere US-Städte liefern ließ. Im Einsatz waren demnach Autos, Lastwagen, Züge, Flugzeuge, Hubschrauber, Fischkutter und U-Boote, genutzt wurden auch geheime Tunnel an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Selbst die Lieferung von 90 Tonnen Kokain auf einem Öltanker war laut Zeugen einmal im Gespräch.

Besonders erdrückend waren die Mitschnitte von Telefonaten, in denen Guzmán etwa bei Verhandlungen über eine Lieferung von 20 Kilo Heroin nach Chicago zu hören ist. Aufgezeichnet hatte sie Pedro Flores, der mit seinem Zwillingsbruder Margarito lange mit dem Sinaloa-Kartell arbeitete, 2008 aber ausstieg und US-Drogenfahnder mit Hinweisen versorgte. Zuvor hätten sie für das Kartell Kokain im Wert von 800 Millionen Dollar (700 Mio Euro) bewegt, sagte Flores. 56 Zeugen rief die Staatsanwaltschaft auf - die Anwälte Guzmáns nur einen einzigen. Die Verteidigung war nach 30 Minuten beendet.

Auch blutige Details blieben der Jury nicht erspart. Ex-Komplizen erzählten im Zeugenstand, wie Guzmán seine Konkurrenten ermorden ließ oder selbst Hand anlegte. Ein Mann sei getötet worden, weil er sich einmal geweigert habe, Guzmán die Hand zu reichen. Ein Auftragskiller soll in einer Villa nahe der US-Grenze in einem schalldichten Raum gemordet haben, der sich dank eines Abflusses am Boden anschließend leicht säubern ließ. Auch Gesichtsoperationen, um Fahndern zu entgehen, waren unter Schmugglern nicht ungewöhnlich.

«Er hatte vier Privatjets. Er hatte Häuser an jedem Strand. Er hatte eine Ranch in jedem Bundesstaat», fasste ein Zeuge den luxuriösen Lebensstil Guzmáns in den 1990er-Jahren zusammen. Dazu kam die «Chapito», eine nach ihm benannte Jacht vor der Küste Acapulcos, und ein großes Anwesen nahe Guadalajara mit Tennisplätzen, Pools und einem Zoo, in dem Besucher von einem Zug aus Krokodile und Panther bestaunen konnten.

Guzmán saß meist regungslos im Saal, während Dolmetscher ihm das Gesagte auf Spanisch übersetzten. Nur wenn Emma Coronel erschien - anfangs hatte sie sogar ihre gemeinsamen Zwillingstöchter mitgebracht - lächelte Guzmán und winkte ihr durch den Saal. Per Handzeichen grüßte er auch Schauspieler Alejandro Edda, der Guzmán in der Serie «Narcos: Mexico» spielt und der anreiste, um den echten Drogenboss einmal live zu erleben. Selbst Touristen saßen an manchen Tagen mit im Gericht. Gegen Ende versammelten sich die ersten Beobachter gegen zwei Uhr nachts am Gerichtsgebäude, um gut sieben Stunden später einen Platz im Saal zu ergattern.

Bis zu den Schlussplädoyers hatte der Prozess das Zeug zum TV-Drama. In 14 Kartons brachte die Staatsanwaltschaft zuletzt drei AK-47-Gewehre, Bazookas und eine beschusshemmende Weste mit, die in Ermittlungen sichergestellt worden waren. Außerdem mit dabei: eine Konservendose Chilischoten. In Dosen dieser Art hatte Guzmán teils Kokain schmuggeln und sie mit Sand befüllen lassen, damit das zu leichte Gewicht beim Import nicht auffällt. Fast 14 Milliarden Dollar (12,3 Mrd Euro) verdiente Guzmán in seinen bald 30 Jahren im Drogenbusiness laut Staatsanwaltschaft.

Das vernichtende Urteil nahm Guzmán seinen Verteidigern zufolge «positiv» hin. «Wir waren ganz ehrlich gesagt verärgerter als er», sagte Anwalt Jeffrey Lichtman. Das Strafmaß muss Richter Brian Cogan noch offiziell verkünden. Aber der Schuldspruch für die «Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung» schreibt lebenslange Haft vor, einen Antrag auf vorzeitige Entlassung kann Guzmán nicht stellen. Ein Gefängnisausbruch, wie er Guzmán 2001 und erneut 2015 in Mexiko gelang, würde in den USA an ein Wunder grenzen.

In Mexiko, wo Guzmán in Volksliedern als Held besungen wird, tobt der Drogenkrieg auch ohne «El Chapo» weiter. Die Kartelle Juarez, Los Zetas und Jalisco Nueva Generación beherrschen weite Gebiete des Landes. Schmiergelder an Drogenfahnder, schlecht bezahlte Polizisten und selbst hochrangige Politiker helfen ihnen, Drogendeals im großen Stil abzuwickeln. Guzmán, hieß es im Prozess, habe selbst den früheren Präsidenten Enrique Peña Nieto mit 100 Millionen Dollar (88 Mio Euro) bestochen, um sich vor Strafverfolgern zu schützen.

Die US-Regierung brüstet sich trotzdem mit der Verurteilung. Man werde weiter unerbittlich gegen Drogenschmuggler vorgehen, warnte der amtierenden Justizminister Matthew Whitaker. Guzmáns Anwalt Eduardo Balarezo entgegnete auf Twitter, der Prozess sei nur eine «Show» zur Demonstration amerikanischer Macht gewesen.

Im Sinaloa-Kartell ist nach Guzmáns Festnahme im Januar 2016 bereits ein Nachfolger aufgerückt. Er heißt Ismael «El Mayo» Zambada und hat anders als Guzmán noch nie das Innere einer Gefängniszelle gesehen. Hinweise, die zu seiner Festnahme führen, belohnen die USA mit bis zu fünf Millionen Dollar (4,4 Mio Euro).

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13.02.2019 · 12:50 Uhr
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