Kerosin-Beben zwingt Lufthansa in die Knie – 20.000 Flüge fallen weg
Der Lufthansa-Konzern vollzieht einen der größten Kapazitätseinschnitte seiner jüngeren Geschichte. Bis Oktober entfallen 20.000 Kurzstreckenverbindungen – eine direkte Folge der explodierenden Kerosinkosten. Seit Ausbruch des Iran-Konflikts hat sich der Preis für Flugkraftstoff verdoppelt. Das Unternehmen spart damit rund 40.000 Tonnen Kerosin ein, eine Menge, die dem Jahresverbrauch von etwa 50 mittelgroßen Passagiermaschinen entspricht.
Die Regionaltochter CityLine, jahrelang das Rückgrat der Zubringerdienste, wird komplett eingestellt. Damit verschwindet ein zentraler Baustein des Hub-Systems, über das Passagiere aus kleineren Städten zu den großen Drehkreuzen gelangten.
Die Kurzstrecke wird zum Verlustgeschäft
Lufthansa spricht von „unwirtschaftlichen Verbindungen", die nun aus dem Programm fliegen. Gemeint sind vor allem Routen unter 500 Kilometern, auf denen die Kerosinkosten mittlerweile mehr als die Hälfte der Betriebsausgaben ausmachen. Bei einem durchschnittlichen Kurzstreckenflug von Frankfurt nach Stuttgart verbraucht ein Airbus A320 etwa zwei Tonnen Treibstoff – Kosten, die bei aktuellen Marktpreisen nicht mehr durch Ticketerlöse gedeckt werden.
Die Airline konzentriert sich nun auf sechs zentrale Drehkreuze: Frankfurt, München, Zürich, Wien, Brüssel und Rom. Von dort aus soll das weltweite Streckennetz weiterhin zugänglich bleiben. Passagiere aus Regionalflughäfen müssen künftig längere Anreisewege oder Umsteigeverbindungen in Kauf nehmen.
Bereits am Montag wurden die ersten 120 täglichen Flugstreichungen wirksam. Die betroffenen Kunden seien informiert worden, heißt es aus Frankfurt. Die Maßnahmen gelten zunächst bis Ende Mai.
Polnische und norwegische Städte verlieren Direktverbindungen
Komplett vom Flugplan gestrichen wurden die Strecken von Frankfurt nach Bydgoszcz und Rzeszow in Polen sowie nach Stavanger in Norwegen. Diese Verbindungen galten als besonders defizitär, da sie überwiegend von Geschäftsreisenden genutzt wurden, deren Nachfrage seit der Pandemie nie wieder das Vorkrisenniveau erreicht hat.
Zehn weitere Destinationen werden von anderen Flughäfen innerhalb der Gruppe bedient oder fallen temporär weg. Betroffen sind unter anderem Heringsdorf an der Ostsee, Cork in Irland, Danzig, Ljubljana, Rijeka, Sibiu, Stuttgart, Trondheim, Tivat und Breslau. Für Passagiere bedeutet das längere Reisezeiten und komplexere Buchungen.
Die Streichungen treffen vor allem osteuropäische Märkte, wo Lufthansa in den vergangenen Jahren massiv expandiert hatte. Die Hoffnung auf wachsende Verkehrsströme aus Polen, Rumänien oder den baltischen Staaten hat sich nicht erfüllt – und die Kerosinpreise machen diese Experimente nun unbezahlbar.
Mittelfristige Planung wird neu aufgerollt
Lufthansa überarbeitet derzeit die gesamte Streckenplanung für die kommenden Monate. Details sollen Ende April oder Anfang Mai veröffentlicht werden. Intern kursieren bereits Szenarien, nach denen weitere Regionalflughäfen vom Netz genommen werden könnten, sollte sich die Treibstoffsituation nicht entspannen.
Der Konzern geht davon aus, dass die Versorgung mit Kerosin für die im Sommerflugplan verbliebenen Flüge „weitgehend stabil" bleibt. Diese Formulierung lässt Raum für weitere Anpassungen. Branchenbeobachter rechnen damit, dass sich die Preise erst stabilisieren, wenn eine politische Lösung im Nahen Osten in Sicht ist.
Die deutsche Airline steht damit vor einer strategischen Weichenstellung: Entweder sie akzeptiert die neue Kostenrealität und schrumpft dauerhaft – oder sie setzt auf alternative Antriebe und modernere, sparsamere Flotten. Beides kostet Milliarden.
Die Rechnung geht auf Kosten der Regionen
Was als operative Anpassung verkauft wird, ist faktisch eine Abkehr vom Flächennetz. Städte ohne eigene Langstreckenanbindung verlieren an Attraktivität für internationale Unternehmen. Für Heringsdorf, Bydgoszcz oder Sibiu bedeutet der Wegfall der Lufthansa-Verbindung den Verlust eines wichtigen Standortfaktors.
Die Kurzstrecke in Europa wird zunehmend zum Auslaufmodell – nicht aus ökologischen, sondern aus ökonomischen Gründen. Was Klimaaktivisten seit Jahren fordern, setzt nun der Markt durch. Nur dass es keine Hochgeschwindigkeitszüge gibt, die die gestrichenen Flüge ersetzen könnten.
Am Ende bleibt eine Erkenntnis: Der Iran-Krieg findet nicht nur im Nahen Osten statt. Er wird auch in den Flugplänen europäischer Airlines ausgetragen.


