Journalist Marcus Hellwig spricht über Haftbedingungen im Iran

05. Februar 2012, 00:23 Uhr · Quelle: dts Nachrichtenagentur
Berlin (dts) - Die Haftbedingungen des vom Oktober 2010 bis zum Februar 2011 im Iran inhaftierten deutschen Reporters Marcus Hellwig waren härter als bisher bekannt: Knapp ein Jahr nach seiner Freilassung sagte Hellwig, dessen Buch über die Gefangenschaft am 17. Februar erscheint, in einem Interview mit "Bild am Sonntag": "Vor allem die ersten zehn Tage waren brutal, da kam es häufig zu Schlägen. Ich musste aber auch stundenlang einfach nur an der Wand stehen, durfte mich nicht rühren." Hellwig wurde nach seinen Worten auch in eine Folterzelle geführt, um ihm zu zeigen, womit dort Menschen gequält würden.

In dem Raum sei ihm dann ein Elektrodraht an die Lippe gehalten worden. Hellwig sagte dazu: "Ich hatte Todesangst. Ich dachte: Ich sterbe hier. Die machen dich fertig. Da hatte ich Zweifel, ob die mich je wieder rauslassen würden, wenn sie so weit gehen." Hellwig berichtete, tägliche Folterungen von Mitgefangen mitgehört zu haben: "Das ging morgens nach dem Aufwachen um 8 Uhr los. Es war zunächst ein Schubsen, ein Geboller, dann später Schreie. Direkt über unserer Zelle war offenbar eine Folterzelle. Die Schreie waren fürchterlich." Insgesamt empfand der "Bild am Sonntag"-Reporter die Haftbedingungen als Psychoterror: "Es hat schon eine Zeit gegeben, in der ich psychisch an meine Grenzen gestoßen bin und in der ich Angst hatte, dass ich abdrehe." Unter Druck gesetzt fühlte sich Hellwig auch durch die Art der Verhöre. In den ersten 10 Tagen seiner Gefangenschaft sei er "eigentlich pausenlos" verhört worden, "manchmal auch nachts". Dabei seien ihm immer die selben Fragen gestellt worden. Er habe den Eindruck gehabt, dass seine Antworten die fragenden Geheimdienstbeamten nicht interessiert hätten. "Ich hatte nie den Eindruck, dass die Iraner daran interessiert waren, wirklich etwas von mir zu erfahren. Die wollten mich mit der ewigen Fragerei verunsichern, mich psychisch unter Druck setzen und eine Angstsituation schaffen. Nach dem Motto: Kooperieren Sie mit uns, dann können wir das mit den Verhören sein lassen." Als Schikane empfand Hellwig auch weitere Haftbedingungen in dem Gefängnis in der westiranischen Stadt Täbris: "Die haben das Licht in meiner Zelle – eine 150-Watt-Birne – Tag und Nacht brennen lassen. Es war so hell wie bei einem Fotoshooting. Dadurch war es sehr schwer, überhaupt schlafen zu können. Die Fußbodenheizung, die es gab, funktionierte entweder nur auf Saunatemperatur oder gar nicht. Das kann einem ganz schön zu schaffen machen." Hellwig weiter: "In der Zelle selbst gab es ja nichts, kein Bett, kein Waschbecken, kein WC. Immer freitags, am iranischen Sonntag, mussten wir unseren Raum mit einem Lappen putzen oder den Teppich kehren. Das war es." Außerhalb der Zelle, bei Besuchen des Waschraums und auf den Weg zu den teilweise stundenlangen Verhören, habe er stets eine Augenbinde tragen müssen, sagte Hellwig. Hellwig war mit dem Fotograf Jens Koch am 10. Oktober 2010 in Täbris bei dem Versuch verhaftet worden, den Sohn und den Anwalt der zum Tode durch Steinigung verurteilten Sakineh Ashtiani zu interviewen. Vorwürfen, die beiden Reporter hätten sich unvorsichtig verhalten, trat Hellwig entgegen: "Mir war klar, dass dies keine gefahrlose Reise sein würde. Ich hatte aber gehofft, durch sorgfältige Vorbereitung das Risiko zu minimieren." Auf die Frage, warum er das Interview im Büro des bekannten Menschenrechtsanwalts Javid Houtan Kian durchgeführt habe, sagte Hellwig: "Wir hatten vorgeschlagen, uns an einem belebten Platz in der Altstadt zu treffen. Doch Ashtianis Sohn bestand darauf, das Gespräch in der Kanzlei seines Anwalts Houtan Kian zu führen. Ich musste davon ausgehen, dass er die Lage besser einschätzen kann als ich." Zur Begründung für die Reise nach Täbris sagte Hellwig: "Ich wollte herausfinden, was wirklich hinter diesem unfassbaren Fall steckt, was für eine Frau das ist, wie ihr Sohn sie sieht. Und was für eine Gesellschaft das ist, in der Steinigung heute noch möglich ist." Hellwig weiter: "Dazu hat mich der Sohn von Sakineh Ashtiani sehr beeindruckt, der wie ein Löwe um seine Mutter kämpfte." Hellwig berichtet in dem Interview von einer grotesken Begegnung mit Sakineh Ashtiani: "Das war sehr gruselig. Wir wurden aus dem Gefängnis herausgebracht, man fuhr uns in einem Auto mit verbundenen Augen auf eine Art Campus. Dort saßen wir dann mit Geheimdienstmitarbeitern und einem Journalisten des iranischen Staatsfernsehen zusammen. Auf einmal ging die Tür auf, und Sakineh Astiani kam herein. Sie sah schrecklich aus, aufgeschwemmt und krank, die Augen waren ganz klein. Kein Vergleich zu der schönen Frau, die sie auf den alten Bildern einmal war. Sie fing dann an, uns mit leiser Stimme `im Namen Gottes` anzuklagen. Mir war sofort klar, dass sie dazu gezwungen wurde. Nach fünf schrecklichen Minuten wurden wir dann wieder getrennt." Hellwig betonte, der Gedanke an seine achtjährige Tochter habe ihm während der Haftzeit notwendige Kraft gegeben: "Entscheidend aber war, dass ich meiner damals achtjährigen Tochter Hannah versprochen hatte zurück zu kommen. Dieses Versprechen wollte ich unbedingt einlösen." Zu der Rückkehr nach Deutschland im Regierungsairbus mit Außenminister Guido Westerwelle am 20. Februar 2011 in Berlin-Tegel sagte Hellwig: "Die Treppe herunterzusteigen und dann meine Tochter Hannah in die Arme zu schließen - das war der schönste Moment in meinem Leben."
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05.02.2012 · 00:23 Uhr
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