Islamische Republik

Iran richtet erstmals seit Protestbeginn Demonstranten hin

08. Dezember 2022, 19:31 Uhr · Quelle: dpa
Die iranische Justiz macht Ernst mit ihrem eisenharten Kurs gegen Anhänger der Proteste gegen die politische Führung. Auch weiteren Inhaftierten droht die Exekution.

Teheran (dpa) - Im Iran ist erstmals seit Beginn der systemkritischen Massenproteste vor etwa drei Monaten ein Demonstrant hingerichtet worden. Ein Revolutionsgericht in der Hauptstadt Teheran habe ihn gemäß islamischer Rechtsauffassung wegen «Kriegsführung gegen Gott» zum Tode verurteilt, meldete am Donnerstag die staatliche Nachrichtenagentur Irna. Demnach soll er ein Mitglied der berüchtigten paramilitärischen Basidsch-Miliz mit einer Waffe angegriffen, Schrecken verbreitet und eine Straße blockiert haben. Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) verurteilte die Exekution. «Die Menschenverachtung des iranischen Regimes ist grenzenlos», schrieb sie.

Der Mann war laut Irna Ende September in Teheran verhaftet worden. Sine Berufung hatte der Oberste Gerichtshof abgelehnt. Nach Medienberichten hieß er Mohsen Schekari. Zur Art der Hinrichtung gab es zunächst keine Angaben, doch wird die Todesstrafe normalerweise durch Erhängen vollstreckt.

Demonstrationen dauern an

Die Kundgebungen gegen die Führung der islamischen Republik dauern immer noch an. Seit Beginn der Woche hielten vor allem in der iranischen Kurdenprovinz viele Ladenbesitzer aus Protest ihre Geschäfte geschlossen. In weiten Landesteilen war ein massives Aufgebot von Sicherheitskräften präsent, um Versammlungen und Proteste zu verhindern.

Experten waren von dem Tempo des Prozesses und der Vollstreckung überrascht. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International äußerte sich entsetzt und sprach von einem «äußerst unfairen Scheinprozess». Nach Angaben des Nachrichtenportals Misan, das der Justiz nahe steht, wurde Schekari am 25. September verhaftet und das Todesurteil bereits am 20. November verlesen.

Außenministerin Baerbock schrieb auf Twitter, Schekari sei «in einem perfiden Schnellverfahren» abgeurteilt und hingerichtet worden, weil er anderer Meinung als das Regime gewesen sei. Die Drohung mit Hinrichtung werde den Freiheitswillen der Menschen aber nicht ersticken.

Auch Frankreichs Außenministerium äußerte scharfe Kritik. Diese Hinrichtung reihe sich ein in zahlreiche andere schwere und inakzeptable Verstöße gegen die Grundrechte und -freiheiten, die von den iranischen Behörden begangen wurden, teilte das Ministerium mit. Frankreich bekräftige sein Eintreten für das Recht, friedlich zu demonstrieren, und verurteile scharf die gegen die demonstrierenden Iranerinnen und Iraner gerichteten Repressionen.

Baerbock kündigte eine harte Reaktion der Europäischen Union auf die Hinrichtung an. Dass die iranische Führung «mit diesen perfiden Schnellverfahren» und dem Todesurteil «ein grausames Exempel» statuiere, unterstreiche die Menschenverachtung dieses Regimes, sagte die Grünen-Politikerin am Donnerstag bei einem Treffen mit ihrem irischen Kollegen Simon Coveney in der Hauptstadt Dublin. Das Auswärtige Amt bestellte im Zusammenhang mit den Vorfällen nach Informationen aus Regierungskreisen den iranischen Botschafter in Deutschland ein. Dies gilt als scharfe diplomatische Reaktion.

In den vergangenen Wochen wurden bereits mehrere Todesurteile gegen Demonstranten verhängt. Die Justiz hat angesichts der Proteste einen harten Kurs angekündigt. Auch im Parlament forderten Abgeordnete harte Urteile bis zur Todesstrafe für die Tausenden inhaftierten Protestteilnehmer. Nach Einschätzungen von Menschenrechtlern wurden seit Mitte September mindestens 470 Demonstranten getötet und mehr als 18.000 verhaftet.

Der prominente iranische Blogger und Menschenrechtsaktivist Hossein Ronaghi, der jüngst auf Kaution aus der Haft entlassen wurde, schrieb an die politische Führung gerichtet auf Twitter: «Wir werden die Augen angesichts der Exekutionen nicht verschließen, die Hinrichtung eines jeden Demonstranten wird ernste Konsequenzen für Euch haben.» Das Leben einer Person zu nehmen sei «wie das Leben von uns allen zu nehmen. Könnt Ihr Galgen für uns alle aufstellen?»

UN-Menschenrechtsexperten in großer Sorge um Verurteilte

Unabhängige UN-Experten haben die Hinrichtung scharf verurteilt. Sie äußerten am Donnerstag in Genf gleichzeitig Sorge um ein Dutzend weitere Menschen, die nach ihren Angaben im Zusammenhang mit den Demonstrationen zum Tode verurteilt worden sind.

Der 23-Jährige, der am Donnerstag hingerichtet wurde, habe keinen fairen Prozess bekommen, so die Experten des UN-Menschenrechtsrats. Ohnehin dürfe die Todesstrafe, wenn überhaupt, nur bei den allerschlimmsten Verbrechen verhängt werden - etwa, wenn ein Täter absichtlich den Tod von anderen herbeiführe. Der Demonstrant war wegen «Kriegsführung gegen Gott» zum Tode verurteilt worden. Zwölf weitere Menschen seien aus gleichen Gründen in der Todeszelle.

Zahl der vollstreckten Todesurteile angestiegen

Menschenrechtler kritisieren, dass die Zahl der vollstreckten Todesurteile im Iran seit der Amtsübernahme des erzkonservativen Präsidenten Ebrahim Raisi im Sommer vergangenen Jahres deutlich angestiegen ist. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden nach Angaben von Amnesty International mindestens 250 Menschen hingerichtet, vor allem wegen Drogendelikten.

Auslöser der landesweiten Proteste war der Tod der iranischen Kurdin Mahsa Amini. Sie starb am 16. September im Polizeigewahrsam, nachdem sie von der Sittenpolizei wegen Verstoßes gegen die islamischen Kleidungsvorschriften festgenommen worden war.

Politik / Justiz / Demonstrationen / Menschenrechte / Mahsa Amini / Todesurteil / Iran
08.12.2022 · 19:31 Uhr
[14 Kommentare] · [zum Forum]
Fahne vor den Vereinten Nationen (UN) (Archiv)
Jakarta - Ein indonesischer Blauhelm-Soldat ist im Libanon durch ein Projektil getötet worden. Das teilte das indonesische Außenministerium mit. Der Vorfall ereignete sich am Sonntag in der Nähe der Stadt Adchit al-Qusayr, als ein Projektil in der Nähe einer UN-Position explodierte. Drei weitere indonesische Soldaten wurden verletzt. Die UN-Mission […] (00)
vor 7 Minuten
Demi Lovato ist vor ihrer 'It's Not That Deep'-Tour nervös.
(BANG) - Demi Lovato fühlt sich vor dem Start ihrer 'It's Not That Deep'-Tour "ein bisschen überfordert und nervös". Die 33-jährige Sängerin freut sich jedoch darauf, ihre Fans bei der 18 Termine umfassenden Nordamerika-Tour zu sehen, die am 13. April im Kia Centre in Orlando, Florida, beginnt. Bei einer Veranstaltung zu ihrem Kochbuch 'One Plate at a […] (00)
vor 11 Stunden
Nahostkonflikt - Israel
Tel Aviv/Ramallah (dpa) - Nach Gewalt israelischer Soldaten gegen Journalisten des US-Fernsehsenders CNN im besetzten Westjordanland hat die Armeeführung ein ganzes Reservebataillon vom Dienst suspendiert. Das Bataillon werde einem Prozess zur Stärkung seiner «fachlichen und ethischen Grundlagen» unterzogen, teilte das Militär in der Nacht mit.  Ein […] (00)
vor 4 Stunden
Nach PS5-Preiserhöhung: Analyst warnt vor steigenden Xbox- und Switch 2-Preisen
Die Nachricht kam für viele wie ein Schlag: Sony erhöht die Preise der PS5 und plötzlich steht eine Frage im Raum, die kaum jemand hören wollte. Bleibt es dabei… oder ist das erst der Anfang? Ein Analyst bringt jetzt genau dieses Szenario ins Spiel. Und seine Einschätzung sorgt aktuell für Unruhe in der Gaming-Community. Laut Branchenexperte Piers […] (01)
vor 7 Stunden
«A Tale of Two Cities»: Dickens-Verfilmung mit neuen Infos
Kit Harington, François Civil und Mirren Mack übernehmen die Hauptrollen in der vierteiligen Miniserie. Die Literaturverfilmung A Tale of Two Cities nimmt Gestalt an: Für die neue BBC-Produktion wurden erste Informationen veröffentlicht. Die vierteilige Serie basiert auf dem berühmten Roman von Charles Dickens und soll in Großbritannien bei BBC sowie international unter anderem bei MGM+ […] (00)
vor 1 Stunde
WTA-Tour/ATP-Tour – Miami
Miami Gardens (dpa) - Jannik Sinner hat einen perfekten Tennis-Monat in den USA gekrönt und auch das Masters-Turnier in Miami gewonnen. Der Weltranglistenzweite aus Italien gewann nach dem Halbfinal-Erfolg über Alexander Zverev im Endspiel 6: 4, 6: 4 gegen den Tschechen Jiri Lehecka. Zuvor hatte Sinner bereits beim Masters im kalifornischen Indian Wells […] (00)
vor 47 Minuten
Vernichtungsschlag vertagt: Trumps Geheim-Plan am Abgrund der Weltwirtschaft
Das weiße Haus spielt russisches Roulette mit dem globalen Ölpreis Die Welt hält den Atem an, während die wichtigste Schlagader der globalen Wirtschaft zum Schauplatz eines beispiellosen Nervenkriegs wird. US-Präsident Donald Trump hat das Schicksal der iranischen Energieinfrastruktur an ein seidenes Zeitlimit geknüpft. Es geht nicht mehr nur um […] (00)
vor 25 Minuten
In einem sich neu ordnenden Rohstoffmarkt setzt Green Bridge Metals auf heimische Zukunftsrohstoffe
Lüdenscheid, 29.03.2026 (PresseBox) - Green Bridge Metals Corp. (ISIN: CA3929211025; WKN: A3EW4S) , freut sich, ein Update zu seinem laufenden Phase-1-Diamantkernbohrprogramm dem Projekt “Titac” bereitzustellen, das sich im “South Contact District” des Unternehmens im Nordosten des US-Bundesstaates Minnesota befindet. Das Projekt “Titac” beherbergt […] (00)
vor 23 Stunden
 
Neue Gasheizung (Archiv)
Potsdam - Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, […] (00)
Buckelwal liegt weiter in Wismarbucht
Wismar/Schwerin (dpa) - Der an der Ostseeküste gestrandete Buckelwal hat sich nicht […] (01)
UN-Friedenstruppen im Libanon
Beirut (dpa) - Bei der Explosion eines Geschosses in einer Stellung der UN- […] (00)
Drei Leichen bei Nürnberg gefunden
Nürnberg (dpa) - Nach dem Fund von drei Leichen in Pommelsbrunn in Nürnberg ist immer […] (00)
Julian Nagelsmann
Stuttgart (dpa) - Julian Nagelsmann würde am liebsten einfach die Repeat-Taste […] (02)
Halle Bailey
(BANG) - Halle Bailey empfindet seit ihrer Mutterschaft alles "noch intensiver". Die […] (00)
Kommt Crimson Desert auf die Switch 2? Entwickler prüft überraschenden Port
Das Open-World-Abenteuer Crimson Desert gehört aktuell zu den meistdiskutierten […] (00)
Das Gold-Beben: Warum der Absturz des sicheren Hafens nur die Ruhe vor dem Sturm ist
Die Welt brennt, die Energiepreise explodieren, und ausgerechnet der „sichere Hafen“ […] (00)
 
 
Suchbegriff