Holcim-Zahlen brechen ein – doch die Börse applaudiert trotzdem
Der Zementkonzern Holcim ist verhalten in das neue Jahr gestartet. Der Umsatz sank im ersten Quartal um 4,8 Prozent auf 3,52 Milliarden Franken, während das operative Ergebnis um 11,2 Prozent auf 431 Millionen Franken fiel, wie das Schweizer Unternehmen am Freitag mitteilte.
Holcim begründete den Rückgang mit dem Verkauf des Geschäfts in Nigeria und in anderen Märkten, der nassen Witterung in Europa und ungünstigen Währungseffekten. Dennoch übertraf der Konzern die Analystenschätzungen leicht.
Die Zahlen klingen nach Krise. Sind sie aber nicht – zumindest nicht nach Maßstäben der Zementindustrie. Denn die Erwartungen waren noch düsterer.
Die Branche steckt in der Strukturkrise
Holcim verkörpert die Probleme einer gesamten Industrie. Die Baukonjunktur schwächelt global. In Europa bremsen hohe Zinsen den Wohnungsbau. In China, dem weltgrößten Zementmarkt, implodiert der Immobiliensektor. In den USA steigen zwar die Infrastrukturinvestitionen, doch das reicht nicht, um die Rückgänge anderswo zu kompensieren.
Dazu kommen strukturelle Herausforderungen. Zement ist ein Massenprodukt mit geringen Margen. Der Transport ist teuer, der Wettbewerb brutal. Jeder Anbieter kämpft um lokale Marktanteile.
Holcim hat in den vergangenen Jahren versucht, sich von unprofitablen Märkten zu trennen. Der Verkauf des Nigeria-Geschäfts ist Teil dieser Strategie. Nigeria ist ein wachsender Markt, aber auch ein schwieriger – politisch instabil, währungsvolatil, infrastrukturell herausfordernd.
Die Entscheidung, sich zurückzuziehen, zeigt: Holcim setzt auf Profitabilität statt auf Volumen. Lieber kleinere, aber rentablere Märkte als große, aber verlustbringende.
Das Wetter wird zur Ausrede
Holcim macht die nasse Witterung in Europa für einen Teil der Umsatzrückgänge verantwortlich. Diese Begründung ist klassisch für die Bauindustrie – und nicht ganz unplausibel.
Beton kann bei Regen nicht verarbeitet werden. Baustellen stehen still. Lieferungen werden verschoben. Ein verregneter März kann durchaus ein ganzes Quartal verhageln.
Doch die Frage ist: Wie viel von den Rückgängen ist wirklich wetterbedingt – und wie viel strukturell? Die nasse Witterung ist eine bequeme Erklärung. Sie suggeriert: Das ist temporär, das holt sich im zweiten Quartal auf.
Aber was, wenn die Nachfrage dauerhaft schwächer ist? Wenn Unternehmen Bauprojekte nicht nur verschieben, sondern streichen? Wenn Budgets gekürzt werden, weil die wirtschaftlichen Aussichten düster sind?
Die Währungseffekte kommen erschwerend hinzu. Ein starker Schweizer Franken macht Holcim im Ausland zu schaffen. Wenn der Konzern in Dollar oder Euro verkauft und in Franken bilanziert, drücken ungünstige Wechselkurse auf den Umsatz.
Analysten waren zu pessimistisch – oder zu realistisch
Dennoch übertraf Holcim die Analystenschätzungen leicht. Das ist bemerkenswert. Die Analysten hatten offenbar mit noch schlechteren Zahlen gerechnet.
Was sagt das aus? Entweder waren die Analysten zu pessimistisch – oder sie hatten die Probleme der Branche richtig eingeschätzt und Holcim hat sich besser geschlagen als erwartet.
Vermutlich ist beides wahr. Die Erwartungen waren niedrig, weil die Branche in der Krise steckt. Holcim hat diese niedrigen Erwartungen leicht übertroffen, weil das Unternehmen seine Hausaufgaben gemacht hat: Kosten gesenkt, unprofitable Märkte verkauft, effizienter gewirtschaftet.
Das ist kein Wachstumsstar, sondern ein Krisenmanager. Holcim kämpft nicht um Marktanteile, sondern um Margen.
Die Börse honoriert das. Stabilität in der Krise ist mehr wert als Wachstum in unsicheren Zeiten.
Der Ausblick bleibt optimistisch – trotz allem
Holcim bestätigte seinen Ausblick für das Gesamtjahr und rechnet weiterhin mit einem organischen Umsatzwachstum von drei bis fünf Prozent und einem organischen Ergebnis-Anstieg um acht bis zehn Prozent.
Organisches Wachstum bedeutet: bereinigt um Akquisitionen, Verkäufe und Währungseffekte. Das ist die Kennzahl, die zählt. Sie zeigt, wie das bestehende Geschäft läuft.
Drei bis fünf Prozent Umsatzwachstum klingen bescheiden – sind aber für einen Zementkonzern in der aktuellen Lage respektabel. Acht bis zehn Prozent Ergebniswachstum bedeuten: Holcim wird profitabler, auch wenn der Umsatz nur moderat steigt.
Das ist die Strategie. Nicht mehr verkaufen, sondern besser verdienen. Weniger Volumen, höhere Margen. Fokus auf die profitablen Märkte und Produkte.
Die Frage ist: Ist dieser Ausblick realistisch? Holcim hat das erste Quartal mit Rückgängen abgeschlossen. Um die Jahresprognose zu erreichen, muss das Geschäft in den kommenden Monaten deutlich anziehen.
Das Management setzt darauf, dass das schlechte Wetter ein einmaliger Effekt war. Dass die verkauften Geschäfte nur noch die Vergleichszahlen belasten, aber nicht mehr die aktuelle Performance. Und dass die Nachfrage im zweiten Halbjahr anzieht.
Die Zementindustrie wartet auf Infrastrukturprogramme
Holcim und die gesamte Zementindustrie hoffen auf massive Infrastrukturprogramme. In den USA hat die Regierung Billionen für den Ausbau von Straßen, Brücken und Schienennetzen versprochen. In Europa gibt es ähnliche Pläne – allerdings mit weniger Geld und mehr bürokratischen Hürden.
Sollten diese Programme tatsächlich umgesetzt werden, wäre das ein Segen für die Zementindustrie. Infrastruktur braucht Beton. Viel Beton.
Doch bislang sind die meisten Programme nur Ankündigungen. Die Genehmigungsverfahren ziehen sich hin, die Finanzierung ist unklar, die politischen Mehrheiten wackeln.
Holcim kann nicht darauf setzen, dass die Politik liefert. Das Unternehmen muss mit der Realität zurechtkommen: Eine schwache Baukonjunktur, Überkapazitäten im Markt, Preisdruck.
Das Fazit: Durchhalten statt durchstarten
Holcim kämpft. Das erste Quartal war schwach. Aber es war nicht katastrophal. Die Erwartungen waren niedrig – und wurden leicht übertroffen.
Das Unternehmen hat seine Hausaufgaben gemacht. Unprofitable Märkte verkauft, Kosten gesenkt, Effizienz gesteigert. Das zahlt sich aus.
Der Ausblick für das Gesamtjahr bleibt optimistisch. Ob er sich erfüllt, hängt von vielen Faktoren ab – vom Wetter, von der Wirtschaftsentwicklung, von politischen Entscheidungen.
Für Anleger ist Holcim kein Wachstumstitel, sondern ein Substanzwert. Ein Unternehmen, das Dividenden zahlt, solide wirtschaftet, Krisen übersteht.
In turbulenten Zeiten ist das vielleicht genug.


