Euro profitiert vom Vertrauensverlust in den Dollar – strukturelle Schwächen bremsen globale Ambitionen
Seit Jahresbeginn hat der Euro gegenüber dem US-Dollar rund elf Prozent zugelegt – eine der stärksten Aufwertungen innerhalb weniger Monate seit über einer Dekade. Der Kurs liegt derzeit bei 1,15 Dollar, Analysten von Morgan Stanley und Société Générale halten 1,20 für realistisch, die Deutsche Bank sogar 1,30. Damit rückt eine Diskussion erneut in den Vordergrund: Kann der Euro dem Dollar langfristig als globale Reservewährung Paroli bieten?
Zwar verweist die Europäische Zentralbank (EZB) auf wachsende Kapitalzuflüsse in europäische Anleihen und Aktien. Doch der Haupttreiber der Euro-Stärke liegt derzeit nicht in Europas eigener Wirtschaftskraft, sondern im globalen Vertrauensverlust gegenüber den USA. Donald Trumps unberechenbare Fiskal- und Handelspolitik hat dazu geführt, dass Anleger verstärkt aus dem Dollar aussteigen – eine Entwicklung, die sich in der Flucht in europäische Vermögenswerte niederschlägt.
Politisch wird die Aufwertung in Brüssel als Chance begriffen. EU-Wirtschaftskommissar Valdis Dombrovskis sprach jüngst davon, Europa sei „ein sicherer Hafen in einer destabilisierten Weltordnung“. Auch Piero Cipollone, EZB-Direktoriumsmitglied, hält eine langsame Verschiebung hin zu einem multipolaren Währungssystem für möglich – allerdings nur unter strukturellen Voraussetzungen, die derzeit nicht erfüllt sind.
Tatsächlich bleibt der Dollar dominant. 60 Prozent der weltweiten Währungsreserven sind in Dollar denominiert, beim Euro sind es 20 Prozent. Der Dollar dominiert fast 90 Prozent aller Devisenmarkttransaktionen weltweit, rund die Hälfte aller internationalen Anleihen wird in US-Währung begeben. Ökonomen wie Holger Schmieding (Berenberg Bank) und Peter Praet (ehem. EZB) verweisen auf das bestehende Dollar-Ökosystem – mit Visa, Mastercard, US-Banken und Ratingagenturen – das eine Ablösung de facto unmöglich mache.
Ein zentraler struktureller Nachteil des Euro bleibt das Fehlen eines tiefen, einheitlichen Kapitalmarkts. Die USA verfügen über einen Anleihenmarkt von über 30 Billionen Euro, der Euro-Raum inklusive nationaler Anleihen kommt auf lediglich 13 Billionen. Die EU hat bislang nur rund eine Billion Euro in Gemeinschaftsanleihen emittiert. Laut Praet wäre für einen echten Sprung in der Währungsrelevanz das Zwanzigfache notwendig – eine politische Hürde, die nicht zuletzt an Deutschlands Widerstand gegen weitere EU-Schulden scheitert.
Zwar sind EU-Bonds bei Investoren stark überzeichnet, doch Bundeskanzler Friedrich Merz hat unlängst betont, dass gemeinsame Schulden die Ausnahme bleiben müssten. Auch die Kapitalmarktunion stagniert – zu groß ist der Widerstand einzelner Mitgliedstaaten.
Der starke Euro wirkt sich zwiespältig aus: Während Importe günstiger werden – insbesondere Rohstoffe wie Öl, die in Dollar abgerechnet werden – leiden Exporteure. Der Triebwerkshersteller MTU musste kürzlich seine Umsatzprognose senken, da Erlöse in Dollar durch die Umrechnung in Euro schrumpfen. Gleichzeitig profitieren Staaten wie Deutschland und Frankreich von fallenden Anleiherenditen: Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fiel zuletzt auf 2,4 Prozent – trotz angekündigter Neuverschuldung in Billionenhöhe.
Langfristig könnte Europa von der aktuellen Verschiebung profitieren – vorausgesetzt, es gelingt, Innovation, Wachstum und Kapitalmarkttiefe zu steigern. Doch solange die politischen Strukturen fragmentiert bleiben, wird der Euro zwar gestärkt – aber nicht dominant.

