EU-Botschafter in Kabul: Abschiebungen aussetzen

11. August 2021, 02:02 Uhr · Quelle: dpa

Brüssel/Kabul (dpa) - Die EU-Botschafter in Afghanistan raten angesichts des schnellen Vormarsches der Taliban von Abschiebungen in das Krisenland vorerst ab.

Wegen des sich verschärfenden Konflikts, der prekären Sicherheits- und Menschenrechtslage sowie des Mangels an sicheren Räumen im Land werde empfohlen, eine Aussetzung von Zwangsrückführungen nach Afghanistan zu erwägen, heißt es in einem an die EU-Staaten versendeten internen Bericht der EU-Missionschefs in Kabul. Gleichzeitig bestätigte die EU-Kommission den Eingang eines Briefes, in dem sich die Innenminister Deutschlands und fünf anderer EU-Staaten gegen die Aussetzung von Abschiebungen aussprechen. Der Brief liegt der Deutschen Presse-Agentur vor.

Die militant-islamistischen Taliban nahmen derweil weitere kleinere Provinzhauptstädte ein und rücken zunehmend auf die Großstadt Masar-i-Scharif vor. Dabei werden immer mehr Zivilisten Opfer der sich ausbreitenden Kämpfe.

Abschiebungen umstritten

Abschiebungen nach Afghanistan sind wegen der Sicherheitslage umstritten. Seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen haben die Taliban große Geländegewinne erzielt. Mittlerweile beherrschen sie gut die Hälfte der Bezirke des Landes, mehrere Grenzübergänge und Teile wichtiger Überlandstraßen. Seit Freitag eroberten sie sieben Provinzhauptstädte, darunter die Großstadt Kundus.

Die Empfehlung der EU-Botschafter in Kabul ist ungewöhnlich. Migrationsfragen liegen eigentlich in der Kompetenz der Mitgliedsstaaten. Die Missionschefs vor Ort können bestimmte Themen analysieren und hinterfragen, aber nicht in Hauptstadtentscheidungen eingreifen. In Kabul betreiben noch acht EU-Länder Botschaften, darunter Deutschland. Alle Missionschefs haben den Bericht unterzeichnet.

Die sechs Innenminister fordern in ihrem Brief dagegen die EU-Kommission auf, im Dialog mit Afghanistan Rücksendungen von Afghanen weiter voranzubringen. Eine Aussetzung der Abschiebungen würde mehr afghanische Bürger dazu motivieren, in die EU zu migrieren.

Deutschland hält an Abschiebungen fest

In Deutschland hat sich die Debatte über einen möglichen Abschiebestopp zuletzt verschärft. Anfang August war ein geplanter Abschiebeflug abgesagt worden. Die Bundesregierung hält aber an den Abschiebungen fest. Aus dem Bundesinnenministerium hieß es, der abgesagte Flug solle möglichst bald nachgeholt werden.

Amnesty International und 25 weitere Organisationen forderten am Dienstag von Deutschland einen sofortigen Abschiebestopp. «Auch Deutschland darf die Augen vor der sich immer weiter verschlechternden Lage in Afghanistan nicht verschließen und muss alle Abschiebungen einstellen», heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. «Rechtsstaat heißt, dass menschenrechtliche Prinzipien eingehalten werden. Sie dürfen auch nicht in einem Wahlkampf zur Verhandlung gestellt werden.»

Biden: Afghanen müssten selbst kämpfen

Nach Ansicht von US-Präsident Joe Biden ist der Kampf gegen die militant-islamistischen Taliban nunmehr Sache der Afghanen. Angesichts des jüngsten Vormarschs der Islamisten sagte Biden im Weißen Haus, die Afghanen müssten nun «selbst kämpfen, um ihren Staat kämpfen». Ihre Streitkräfte seien den Taliban militärisch überlegen, auch in Bezug auf die Truppenstärke. «Aber sie müssen auch kämpfen wollen», so Biden.

Der US-Präsident appellierte auch an die politische Führung in Kabul, an einem Strang zu ziehen. Wörtlich sagte er: «Ich glaube, sie beginnen zu verstehen, dass sie an der Spitze politisch zusammenkommen müssen.» Biden versprach, die USA würden die afghanischen Sicherheitskräfte weiterhin finanziell und militärisch unterstützen. Er werde jeden Tag über die Lage unterrichtet.

Mit Blick auf den von ihm angeordneten Abzug der US-Soldatinnen und Soldaten fügte der Präsident hinzu: «Aber ich bedauere meine Entscheidung nicht.» Zum Zeitpunkt der Entscheidung hatten die USA noch rund 2500 Soldaten in Afghanistan. Inzwischen ist der Abzug nach Militärangaben zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen. Bis zum Monatsende soll er komplett beendet sein. Die Bundeswehr und die Soldaten anderer NATO-Länder haben Afghanistan bereits verlassen.

Taliban nehmen weitere Provinzhauptstädte ein

In Afghanistan konnten die Taliban gestern die Provinzhauptstädte Pul-i Chumri in der Provinz Baghlan im Norden des Landes sowie die Stadt Farah in der gleichnamigen Provinz im Westen des Landes erobern.

Dem Provinzrat Firusuddin Aimak zufolge verließen die Regierungskräfte am Abend die 250.000-Einwohner-Stadt Pul-i Chumri ohne weiteren Widerstand. Mehrere Kommandeure und andere Behördenvertreter hätten die Stadt bereits vor 10 oder 15 Tagen verlassen und angekündigt, die Islamisten von einem anderen Weg aus anzugreifen. Die zurückgebliebenen Kräfte hätten noch ein paar Tage standgehalten, sich nun aber in eine Militärbasis außerhalb zurückgezogen. Damit ist nun der Landweg zwischen der Hauptstadt Kabul in die nördliche Stadt Masar-i-Scharif abgeschnitten.

In Farah hätten die Islamisten die wichtigsten Regierungseinrichtungen in der Stadt eingenommen, darunter das Polizeihauptquartier, den Gouverneurssitz und das Gefängnis. Die Sicherheitskrfte hätten sich in eine Militärbasis rund vier Kilometer von der Stadt zurückgezogen, hieß es. Farah mit seinen geschätzt 128.000 Einwohnern liegt am Fluß Farah und in eher exponierter Lage mit offener Wüste im Süden.

Die Taliban rücken auch zunehmend auf die Großstadt Masar-i-Scharif vor. Dort waren bis vor kurzem Hunderte deutsche Soldaten im Camp Marmal stationiert. Gestern habe es Gefechte in den Gebieten Langarchana und Pul-e Imam Buchari gegeben, die 15 respektive 20 Kilometer von der Stadt entfernt seien, sagte die Parlamentarierin Saifura Niasi.

Tausende zivile Opfer

Indessen werden immer mehr Zivilisten Opfer des sich intensivierenden Krieges. Das Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) berichtete, seit Anfang August seien in 15 vom IKRK unterstützten Gesundheitseinrichtungen mehr als 4000 durch Waffen verwundete Patienten behandelt worden. Die Zahl sei ein Hinweis auf die Intensität der jüngsten Gewalt. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen teilte mit, auf dem Gelände eines Regionalkrankenhauses in der Provinzhauptstadt Lashkargah im Süden des Landes sei am Montag eine Rakete nahe der Notaufnahme eingeschlagen. Dies zeige, wie schwierig aktuell der Zugang der Bevölkerung zu medizinischer Hilfe sei. In einigen Städten wie Laschkargah oder Kundus lägen medizinische Einrichtungen direkt im Kampfgebiet.

Die Nato bewertet den gewaltsamen Taliban-Vormarsch als besorgniserregend. Das hohe Maß an Gewalt der Islamisten bei ihrer Offensive, darunter Angriffe auf Zivilisten und Berichte über Menschenrechtsverletzungen, sehe man mit «tiefer Sorge». Die Taliban müssten verstehen, dass die internationale Gemeinschaft sie nie anerkennen werde, wenn sie den politischen Prozess verweigerten und das Land mit Gewalt erobern wollten.

Konflikte / Militär / Nato / EU / Taliban / Afghanistan / Europa
11.08.2021 · 02:02 Uhr
[13 Kommentare] · [zum Forum]
Stromausfall Berlin
Berlin - Es sind Szenen wie aus einem Hollywoodthriller. Der Berliner Südwesten ist von der Stromversorgung abgeschnitten. Vermutlich ein Brandanschlag auf eine Stromtrasse im Vorort Teltow. Täter: noch unbekannt. Das Motiv: noch unbekannt. Das Landeskriminalamt ermittelt. Noch bis Donnerstag müssen sich bis zu 45 000 Berliner Haushalte auf ein Leben ohne Strom einstellen. Keine Ampel, kein Licht, […] (00)
vor 8 Minuten
Dieter Bohlen
(BANG) - Dieter Bohlen schätzt an seiner Ehefrau ganz bestimmte Eigenschaften. Der Pop-Titan hat mit seiner langjährigen Partnerin Carina Walz vor wenigen Tagen den nächsten großen Schritt gewagt: Nach fast 20 Jahren Beziehung gaben sie sich an Silvester auf den Malediven das Jawort. Doch was macht Carina für den 71-jährigen Musikproduzenten so besonders? Offenbar wusste Bohlen bereits lange bevor […] (01)
vor 3 Stunden
Review: SwitchBot Smart Heizkörperthermostat-Panel im Test
Mit dem SwitchBot Smart Radiator Thermostat Panel (Matter Combo) präsentiert SwitchBot eine besonders durchdachte Lösung für modernes, intelligentes Heizen. Das System richtet sich an alle, die ihre Heizkosten senken, den Wohnkomfort steigern und gleichzeitig ihr Zuhause zukunftssicher in ein Smart-Home-Ökosystem integrieren möchten – ohne komplizierte Umbauten oder Eingriffe in die bestehende […] (00)
vor 2 Stunden
PlayStation-Spieler aufgepasst: So günstig bekommst du Ego-Shooter-Geschichte im Bundle
Manche Spielereihen altern nicht, sie werden mit jedem Teil nur wütender und bringen dich der Hölle näher. Oder so. DOOM Anthology ist nämlich genau so ein Fall. Wer auf der PlayStation schon immer mit dem Gedanken gespielt hat, in die komplette Geschichte des legendären Ego-Shooters von id Software (u.a. die quasi Erfinder des Rocket Jumps ) einzutauchen, bekommt jetzt die perfekte Gelegenheit. […] (01)
vor 22 Stunden
Kate Winslet
(BANG) - Kate Winslet ist noch immer schockiert darüber, dass sie tatsächlich selbst Regie bei einem Film geführt hat. Die 50-jährige Schauspielerin gab mit 'Goodbye June' ihr Regiedebüt. Das Familiendrama wurde von ihr gemeinsam mit Joe, dem 22-jährigen Sohn ihres Ex-Partners Sam Mendes, geschrieben. Kate gab zu, dass es für sie kaum zu fassen sei, dass sie nun ihren eigenen Film realisiert hat. […] (00)
vor 3 Stunden
Johan-Olav Botn
Oberhof (dpa) - Der norwegische Gesamtweltcupführende Johan-Olav Botn und sein Teamkollege Sturla Holm Laegreid verpassen den Biathlon-Weltcup in Oberhof. Beide sind krank und daher nicht wettkampffähig, wie der norwegische Biathlon-Verband mitteilte. Stattdessen rücken Sverre Dahlen Aspenes und Martin Nevland, der sein Weltcup-Debüt feiert, ins norwegische Aufgebot.  «Ich hätte sehr gerne […] (00)
vor 20 Minuten
Kostenloses Stock Foto zu aktienmarkt, analyse, analysieren
Ein Krypto-Analyst prognostiziert, dass der Ethereum-Kurs bald auf $3.500 steigen könnte, was eine Befreiung von dem bärischen Druck bedeuten würde, der die Dynamik der Kryptowährung im Jahr 2025 weitgehend unterdrückt hat. Obwohl ETH derzeit mehr als 37,5 % unter seinen Allzeithochs gehandelt wird, hat der Analyst technische Indikatoren und Marktsignale identifiziert, die $3.500 als realistisches […] (00)
vor 1 Stunde
Marktlücke trifft Milliardenmarkt: LIR Life Sciences setzt zum Durchbruch an
Lüdenscheid, 03.01.2026 (PresseBox) - LIR Life Sciences Corp. (ISIN: CA50206C1005 | WKN: A41QA9), LIR Life Sciences oder das Unternehmen, freut sich bekannt zu geben, dass der innovative Ansatz des Unternehmens, der sowohl medizinisch als auch wirtschaftlich überzeugt, Barrieren in der Adipositastherapie überwinden kann – sei es durch einfachere Anwendung, bessere Verträglichkeit oder niedrigere […] (00)
vor 3 Stunden
 
In einem mysteriösen Fall von mutmaßlicher Sabotage kam es im Südwesten Berlins zur […] (00)
Grenzkontrollen wirken: Illegale Einreisen brechen um 50 Prozent ein
Grenzkontrollen verändern die Statistik spürbar Der zeitliche Zusammenhang ist eindeutig. Seit […] (01)
Abschiebungen
Berlin (dpa) - Zu Beginn des neuen Jahres hat die Bundesregierung ihre Abschiebungen von […] (02)
Angesichts der turbulenten Geschehnisse in Venezuela mit den jüngsten US-Angriffen und der […] (00)
Nintendo of America startet 2026 ohne Bowser – Neue Führung übernimmt 2026
Bei Nintendo of America stehen die Zeichen auf Neuanfang. Mit dem Jahreswechsel endet die […] (00)
Der Euro hat am Freitag gegenüber dem US-Dollar an Wert verloren. Die Europäische Zentralbank […] (00)
Handball-Bundestrainer Alfred Gislason
Hannover (dpa) - Die fehlende Job-Garantie? Egal. Das schwere Programm? Kein Grund zum […] (02)
Scott Wolf hat das Jahr 2025 in einem persönlichen Rückblick als 'das härteste Jahr meines Lebens' bezeichnet.
(BANG) - Scott Wolf hat das Jahr 2025 in einem persönlichen Rückblick als 'das härteste Jahr […] (00)
 
 
Suchbegriff