Die Welt verändert sich: Wie Staaten kommen und gehen

17. September 2014, 16:00 Uhr · Quelle: dpa

Berlin (dpa) - Wenn es bei der Volksabstimmung eine Mehrheit gibt, wird Schottland neuester Staat der Welt. Aktuell haben die Vereinten Nationen 193 Mitglieder. Das wird nicht so bleiben.

Die Geschichte zeigt: Auch Staaten kommen und gehen.

Am 15. März 1939 hielt sich der britische Reiseschriftsteller Michael Winch tief im Osten Europas auf. In Uschhorod, einem Städtchen in den Karpaten, mit schönster k.u.k.-Architektur und einer ewig langen Linden-Allee. Winch war an jenem Tag viel unterwegs. Aber eigentlich hätte er nicht einmal den Fuß vor die Tür seines Hotels setzen müssen, um innerhalb von 24 Stunden in drei Ländern zu sein.

Binnen eines einzigen Tages gehörte Uschhorod zu drei verschiedenen Staaten. Zunächst zur Tschechoslowakei; dann, nach einer überhasteten Unabhängigkeitserklärung zu einem Gebilde namens Ruthenien, womit es vorübergehend sogar Hauptstadt war; und schließlich, nach dem Einmarsch von Truppen aus dem Nachbarland, zu Ungarn.

Ruthenien - obschon sofort mit Präsident, Regierung, Flagge und Hymne ausgestattet - ging als «Ein-Tages-Republik» in die Geschichte ein. Heute ist es längst vergessen vom Rest der Welt. Dabei ist seine Geschichte eigentlich ein wunderbares Beispiel dafür, wie Staaten kommen und gehen.

Der britische Historiker Norman Davies, der dazu ein Standardwerk namens «Verschwundene Reiche» zu Papier gebracht hat, meint sogar: «Alle Staaten sterben - genauso wie alle Menschen.» Wer Zweifel an dieser Behauptung hat, findet gerade in Europa Beispiele genug, auch in jüngerer Zeit. Auch dafür, dass es manchmal viel, viel schneller geht als man denkt.

Noch im Sommer 1989 glaubte selbst unter den Experten kaum jemand an ein Ende der DDR. Heute wissen schon mehr als 18,5 Millionen Bundesbürger - alle, die nach der Wiedervereinigung geboren wurden - nicht mehr aus eigener Anschauung, wie das mit den beiden Deutschlands eigentlich war. Die Sowjetunion existiert seit 1991 nicht mehr. Mit der Tschechoslowakei war es 1992 vorbei, mit Jugoslawien 2006.

Unterm Strich sorgte der Zerfall des Kommunismus dafür, dass mehr als zwei Dutzend Staaten neu oder wieder entstanden, von Armenien bis Kosovo. Aber auch anderswo wurden immer noch weitere Länder in die Unabhängigkeit entlassen, wie Eritrea oder die Pazifik-Inselgruppe Palau. Jüngster selbstständiger Staat der Welt ist gegenwärtig der Südsudan, seit Juli 2011. Schottland könnte der nächste sein - wenn die Volksabstimmung am Donnerstag entsprechend ausgeht.

Schwerer hingegen tun sich Historiker und Völkerrechtler mit der Antwort auf die Frage, welches eigentlich das älteste Land auf Erden ist. Ägypten ist einer der Kandidaten - am Nil gab es schon vor fünf Jahrtausenden zumindest Formen von Staat. Ansprüche auf den Titel erheben aber auch Länder wie China, Indien oder Griechenland. Geschichte macht sich gut.

Wo und wann die drei Bedingungen zum ersten Mal erfüllt wurden, die laut Definition einen Staat ausmachen, darüber lässt sich unter Fachleuten wunderbar streiten. Was feststeht: Ein Staat ist dann ein Staat, wenn er erstens ein Gebiet hat, wenn zweitens Menschen darin leben und wenn es drittens dort auch eine Staatsgewalt gibt. Im Völkerrecht nennt man das «Drei-Elemente-Lehre». So etwas muss man nicht wissen.

Zum Allgemeingut aber gehört, dass es aktuell etwa zweihundert Länder gibt. Wie viele genau, darüber ist man sich rund um den Globus nicht so recht einig. Es hängt davon ab, wo man selbst gerade lebt. Denn zwischen Staaten gibt es die verschiedensten Gründe, jemand anders nicht anzuerkennen.

Bekanntester Fall in Europa derzeit: die ehemalige serbische Provinz Kosovo. Der Kleinstaat wird nicht nur von Serbien missachtet, sondern auch von wichtigen EU-Ländern wie Spanien. Dort hat man Sorge, dass sich eigene Minderheiten an den Kosovaren ein Beispiel nehmen könnten. Deutschland hingegen gehörte zu den Ersten, die die Unabhängigkeit akzeptierten.

Weitere Streitfälle, nur die wichtigsten: Israel, das von vielen arabischen Ländern immer noch nicht anerkannt wird. Palästina, das bei den Vereinten Nationen zwar immer wieder von einer Mehrheit laut beklatscht wird, aber keinen Status als Vollmitglied hat. Marokko mit seinem Streit um die Sahara. Georgien mit Abchasien und Südossetien. Moldau mit Transnistrien. Aserbaidschan mit Bergkarabach. Einer der jüngsten Konfliktherde, erst seit diesem Jahr: die Ukraine mit der Krim und dem Ostteil des Landes.

Der Ukraine-Konflikt wird eines der wichtigsten Themen der gerade begonnenen Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York sein, eine Art Weltparlament. Genau 193 UN-Mitgliedsländer gibt es derzeit. Zum Vergleich: Der Weltfußballverband Fifa zählt bereits 209 Nationalverbände - übrigens auch Schottland.

Aber auch das sind keine zuverlässigen Zahlen dafür, wie viele Staaten genau es eigentlich gibt. Bei den UN sind als vollwertige Mitglieder zum Beispiel nicht dabei: Palästina, Nordzypern, Taiwan und der Heilige Stuhl. Manche warten auf die Anerkennung schon seit Jahrzehnten.

Aus aktuellem Anlass muss auch darauf verwiesen werden, dass natürlich nicht alles, was sich Staat nennt, auch ein Staat ist: die Terrormiliz Islamischer Staat (IS), gegen die US-Präsident Barack Obama gerade eine internationale Allianz zusammenschmiedet, zum Beispiel mit Sicherheit nicht.

Und wie geht es weiter? Kann sein, dass es noch mehr Staaten werden. Kann aber auch gut sein, dass es künftig weniger sind. Die Fachzeitschrift «Foreign Policy» listet regelmäßig einen Index von «fragilen Staaten» auf - Problemstaaten, die fast schon zusammengebrochen sind. Auf der neuesten Liste stehen Südsudan, Somalia und die Zentralafrikanische Republik ganz oben.

Aber auch die großen Länder der Welt können sich nicht sicher sein, dass es sie auf ewig gibt - siehe Sowjetunion. Fachmann Norman Davies warnt: «Jeder, der glaubt, dass das Gesetz der Vergänglichkeit nicht für ihn gilt, lebt in einem Wolkenkuckucksheim.» Wer also traut sich zu sagen, dass die Bundesrepublik Deutschland, so wie sie ist, für immer existieren wird?

Hier schließt sich dann der Kreis zu Uschhorod in den Karpaten. Nach jenem 15. März 1939 überstand die zwischenzeitliche Hauptstadt von Ruthenien den größten Teil des Zweiten Weltkriegs in relativer Ruhe unter Herrschaft der Ungarn. 1944 kamen die Deutschen, ein Jahr später für bald ein halbes Jahrhundert die Sowjets. Seit 1991 gehört man zur unabhängigen Ukraine. Es gibt heute vermutlich Staaten, innerhalb derer man sich über seine Zukunft sicherer sein kann.

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17.09.2014 · 16:00 Uhr
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