Deutschlands Lithium-Wette: Warum die Pfalz zum Rohstoff-Herz der E-Mobilität werden soll
Ein CEO mit ungewöhnlicher Vorgeschichte
Cris Moreno, heute Vorstandschef von Vulcan Energy, bringt eine Vita mit, die in Deutschland zunächst Skepsis auslöst: Ex-Shell-Manager, später bei Northvolt, jenem Batteriehersteller, der als Hoffnungsträger startete und dann spektakulär scheiterte. Nun also Lithium in der Pfalz. Moreno sieht darin keinen Makel, sondern eine Qualifikation: Er kenne den gesamten Lebenszyklus industrieller Großprojekte – von Euphorie bis Restrukturierung.
Vor den silbernen Rohrsystemen der Pilotanlage bei Landau spricht er mit der Gelassenheit eines Mannes, der weiß, dass sein Projekt politisch, finanziell und technologisch Rückenwind hat. Die Produktionskapazitäten seien für ein Jahrzehnt ausverkauft, sagt er. Die Finanzierung stehe. Und die Genehmigungen ebenfalls.
Milliardenprojekt mit politischer Rückendeckung
Der Bund hat signalisiert, dass er es ernst meint mit der Rohstoffsouveränität. Aus dem neu aufgelegten deutschen Rohstofffonds fließen 150 Millionen Euro in Vulcan Energy – der erste konkrete Einsatz des Milliardeninstruments. Insgesamt sammelte das Unternehmen zuletzt mehr als zwei Milliarden Euro ein, unter anderem von staatlichen Fonds, US-Großbanken, BASF und Hochtief.
Ziel: In drei Jahren soll Deutschland erstmals eigenes Batterie-Lithium produzieren. Geplant sind 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid pro Jahr ab 2028 – genug für rund eine halbe Million E-Autos. Für ein Land, das bislang vollständig auf Importe aus Südamerika, Australien und China angewiesen ist, wäre das ein industriepolitischer Paradigmenwechsel.
Lithium ohne Tagebau: Das geothermische Versprechen
Vulcan setzt auf eine Technologie, die weltweit einzigartig skaliert werden soll: Lithiumgewinnung aus heißen Tiefensolen, kombiniert mit Geothermie. In bis zu 3000 Metern Tiefe wird salzhaltiges Thermalwasser gefördert, in dem Lithium gelöst ist. An der Oberfläche wird es in speziellen Anlagen extrahiert, das abgekühlte Wasser anschließend wieder in den Untergrund gepumpt.
Der Vorteil: kein Tagebau, keine Verdunstungsbecken, kein massiver Landschaftseingriff. Gleichzeitig wird Strom und Wärme aus Geothermie erzeugt. „Klimaneutrales Lithium“ lautet das Versprechen – ein starkes Argument für Autohersteller, die ihre Lieferketten dekarbonisieren müssen.
Vom Zufallsprojekt zur strategischen Industrie
Ursprünglich war alles ein Gedankenspiel. Der australische Bergbauingenieur Francis Wedin stieß in einer Studie auf die Idee, Lithiumextraktion mit Geothermie zu kombinieren. Die Suche nach geeigneten Standorten führte ihn zum Oberrheingraben. Über eine E-Mail fand er Horst Kreuter, einen Geothermie-Experten aus Karlsruhe. Aus diesem Kontakt entstand Vulcan Energy.
2018 folgte der Börsengang in Australien, frühe Investoren wie die Familie Rinehart, ein Kursfeuerwerk – und extrem ambitionierte Ziele. Schon 2024 wollte man 40.000 Tonnen Lithium produzieren. Die Realität bremste: Preise fielen, Technik musste skaliert werden, Pilotanlagen lieferten nur Bruchteile der angekündigten Mengen. Heute spricht niemand mehr von Wundergeschwindigkeit, sondern von industrieller Reife bis 2028.
Große Vision, offene technische Fragen
Dass das Verfahren grundsätzlich funktioniert, gilt als bewiesen. In einer Pilotanlage gewinnt Vulcan bereits rund 40 Tonnen Lithium pro Jahr. Doch der Sprung auf industrielle Größenordnungen ist technisch Neuland. Experten wie Joachim Koschikowski vom Fraunhofer ISE halten die Wirtschaftlichkeit für realistisch, warnen aber vor hydrologischen Risiken.
Ein zentrales Problem: die Zirkulation der Sole. Wird das lithiumarme Wasser zu schnell wieder zur Förderstelle zurückgeführt, könnten sogenannte Kurzschlüsse entstehen – der Lithiumgehalt würde sinken, bevor sich neue Reserven anreichern. Moreno setzt auf ein weit verzweigtes Bohrnetz mit sieben Entnahmepunkten und großräumiger Reinjektion. Ob das dauerhaft stabil funktioniert, muss der Betrieb erst beweisen.
Zwischen Euphorie und Realität
Vulcan spricht davon, langfristig bis zu 40 Prozent des europäischen Lithiumbedarfs decken zu können. Forscher halten 10 bis 15 Prozent für realistischer. Doch selbst das wäre ein strategischer Durchbruch. In einer Welt, in der Batterierohstoffe über geopolitische Macht entscheiden, wäre Deutschland plötzlich nicht mehr nur Nachfrager, sondern Produzent.
Dass die Produktion bereits für ein Jahrzehnt vertraglich verplant ist, zeigt: Die Auto- und Batterieindustrie glaubt an das Projekt – oder will es glauben. Die Pfalz wird damit zum Symbol für einen neuen deutschen Industrieanspruch: weniger Abhängigkeit, mehr eigene Wertschöpfung, mehr Mut zu Großprojekten.
Ob daraus ein Erfolg wie einst bei der Chemie oder ein weiteres Kapitel deutscher Industrieambitionen wird, entscheidet sich in den nächsten fünf Jahren – tief unter den Weinbergen des Oberrheingrabens.


