22 Milliarden Euro Abschreibung: Stellantis kappt Elektro-Offensive – historischer Kurssturz an der Börse
Strategiewechsel mit Milliardenfolgen
Rund 15 Milliarden Euro der Abschreibungen entfallen auf die Neuausrichtung im wichtigen US-Markt. Dort hatten politische Kurswechsel – insbesondere die Streichung von Förderprogrammen für Elektrofahrzeuge sowie geänderte Emissionsvorgaben – die Kalkulationen unter Druck gesetzt. Modelle werden gestrichen, Plattformstrategien angepasst, Renditeerwartungen nach unten korrigiert.
Hinzu kommen Barbelastungen von etwa 6,5 Milliarden Euro, verteilt über vier Jahre. Für das laufende Geschäftsjahr setzt Stellantis die Dividende aus und plant die Emission neuer Anleihen im Volumen von bis zu fünf Milliarden Euro, um die Liquidität zu stärken.
Das zweite Halbjahr 2025 dürfte nach vorläufigen Zahlen mit einem Nettoverlust zwischen 19 und 21 Milliarden Euro enden. Das bereinigte operative Ergebnis wird mit minus 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro erwartet. Die vollständigen Zahlen folgen am 26. Februar.
Historischer Kurseinbruch
Die Börse reagiert kompromisslos. Die in Paris notierte Stellantis-Aktie verliert intraday fast 30 Prozent – der stärkste Tagesverlust seit der Gründung des Konzerns im Jahr 2021. Die Marktkapitalisierung fällt zeitweise unter 17 Milliarden Euro.
Der Abverkauf erfasst auch Wettbewerber. Im Dax geraten Mercedes-Benz, BMW und Volkswagen unter Druck. Die Branche leidet erneut unter der Erkenntnis, dass die Transformation zur Elektromobilität nicht linear verläuft, sondern hohe Kapitalkosten und Nachfragerisiken birgt.
Managementkritik und operative Fehler
CEO Antonio Filosa spricht offen von einer „Überschätzung des Tempos der Energiewende“ und verweist auf „frühere mangelhafte operative Umsetzung“. Die Abschreibungen seien nicht nur Ausdruck externer Marktbedingungen, sondern auch interner Fehlsteuerung.
Filosa, der das Amt im Sommer 2025 übernommen hatte, versucht nun eine strategische Neuausrichtung. Statt eines strikt elektrischen Wachstumspfads setzt Stellantis in Nordamerika wieder verstärkt auf margenstarke Verbrennermodelle wie den Ram 1500 oder den Jeep Cherokee – Modelle, die unter seinem Vorgänger Carlos Tavares schrittweise zurückgefahren worden waren.
Aus für Batterie-Leuchtturmprojekt
Parallel beendet Stellantis das Joint Venture „Nextstar“ mit LG Energy in Kanada. Das Projekt galt als Schlüsselinitiative zur Sicherung der Batterieproduktion in Nordamerika. Mehr als fünf Milliarden kanadische Dollar waren bereits investiert worden. Stellantis veräußert nun seinen 49-Prozent-Anteil.
Der Schritt unterstreicht, wie konsequent der Konzern seine Kapitalallokation neu priorisiert. Großprojekte mit langen Amortisationszeiträumen geraten in einem Umfeld schwacher Nachfrage und hoher Finanzierungskosten schnell unter Druck.
Bilanzielle Last – operativer Effekt?
Analysten bewerten die Dimension der Abschreibung zwar als deutlich höher als erwartet. Gleichzeitig wird betont, dass der Cash-Anteil der Belastungen über mehrere Jahre verteilt ist und bilanziell verkraftbar erscheint.
Ein positiver Nebeneffekt: Niedrigere zukünftige Abschreibungen könnten das bereinigte Betriebsergebnis ab 2026 um mehr als eine Milliarde Euro entlasten. Der „Big Bath“-Effekt – hohe einmalige Wertberichtigungen zur Bereinigung der Bilanz – könnte strategischen Spielraum schaffen.
Nordamerika als Hoffnungsträger
Trotz der bilanziellen Turbulenzen meldet Stellantis operative Fortschritte. Im zweiten Halbjahr 2025 stieg der Absatz konzernweit um elf Prozent auf 2,8 Millionen Fahrzeuge. Besonders stark entwickelte sich Nordamerika mit einem Lieferplus von 39 Prozent.
Filosa sieht darin erste Belege, dass die Anpassungen im Produktportfolio greifen. Im Mai will er einen neuen Strategieplan vorstellen, der den Konzern wieder auf einen nachhaltigen Wachstumspfad führen soll.
Branche im Realitätscheck
Stellantis ist nicht allein. Porsche, Ford und General Motors mussten ihre Elektropläne ebenfalls deutlich korrigieren und milliardenschwere Abschreibungen vornehmen. Doch die 22 Milliarden Euro setzen einen neuen Maßstab.
Die Botschaft ist klar: Die Elektromobilität bleibt strategisch gesetzt – aber ihr Hochlauf ist langsamer, teurer und politisch abhängiger als vielfach kalkuliert.
Für Stellantis markiert die Abschreibung einen schmerzhaften Schnitt. Ob er als Befreiungsschlag oder als Symptom struktureller Schwäche in die Unternehmensgeschichte eingeht, entscheidet sich in den kommenden Quartalen.


